Kann ein junger Vater Kanzler werden? Darf der Vorsitzende einer Volkspartei ein paar Monate Auszeit nehmen, um den frischgeborenen Nachwuchs zu wickeln und in die Kita einzugewöhnen? Will er lieber sein Kind oder seine Partei im Stich lassen? Und weckt seine Abwesenheit nicht Begehrlichkeiten bei den Kollegen, die, ehrgeizig und kinderlos, einfach weiter arbeiten?

Diese und ähnliche Fragen stellen sich viele junge Väter, selbst wenn sie keine Spitzenpolitiker sind. Und auch Sigmar Gabriel , SPD-Vorsitzender und werdender Vater, muss sich damit beschäftigen. Spätestens seit dieser Woche. Denn da hat ihn ein Offener Brief erreicht . Gabriel werden darin Fragen zu seinem nun zu erwartenden Rollenkonflikt gestellt. Und er wird aufgefordert, öffentlich darauf zu antworten. "Wir würden uns freuen, wenn Sie diese Chance wahrnehmen. Dürfen wir uns auf Ihre Antwort freuen?" So endet der Brief.

Verfasst haben ihn, wie könnte es anders sein, Frauen. Sie bezeichnen sich selbst als "Politikerinnen, Politikinteressierte und Feministinnen". Es ist eine parteiübergreifende Initiative: Sozialdemokratinnen sind darunter, wie die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan oder Cordula Drautz aus dem Berliner Landesvorstand. Auch einige Grüne und Piratinnen finden sich unter den Erstunterzeichnerinnen.

Normalerweise sind das Fragen für Frauen

Eigentlich ist das Kinderkriegen ja eine reichlich private Sache, könnte man meinen. Aber die Briefeschreiberinnen sehen das anders. Sie betonen die gesellschaftspolitische Komponente: Der "Familienpartei" SPD stünde eine offensive, personalisierte Auseinandersetzung über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gut zu Gesicht. Gabriel habe nun "die wunderbare Chance, als Vorsitzender der SPD das Leitbild einer partnerschaftlichen Familie öffentlich wirksam vorzuleben und ihm damit neue Wege zu bahnen", heißt es in dem Brief.

Hinzu kommt natürlich die Geschlechterkomponente, auf die die Briefeschreiberinnen aufmerksam machen wollen: Normalerweise sind es Frauen, die solche Fragen gestellt bekommen. Ganz automatisch. Sobald ruchbar wird, dass eine Arbeitnehmerin schwanger ist, muss sie Stellung beziehen: Wie lange setzt sie aus? Und wie will sie danach Beruf und Familie kombinieren?