Um 18 Uhr ist es noch ruhig um Graf von Moltke. Das steinerne Denkmal steht mitten im Berliner Tiergarten. Es ist der Ort, an dem für diesen Abend eine kleine Demonstration mit Vuvuzelas angekündigt ist. 20 Leute hätten die Veranstalter angemeldet, sagt ein Polizist. Doch ihre Tröten würden ihnen abgenommen. Lärm ist nicht erwünscht.

Schließlich erstrahlt ein paar Hundert Meter weiter nördlich Schloss Bellevue in gelber und rötlicher Festbeleuchtung. Die Umgebung ist weiträumig abgesperrt. Aus den Schlossfenstern leuchtet warmes Licht. Dem militärischen Abschiedszeremoniell des Großen Zapfenstreichs, das hier in einer Stunde Christian Wulff zu Teil werden soll, scheint nichts im Wege zu stehen.

Um 18:35 ertönt ein erster langgezogener Trötenton durch die Dämmerung des kühlen Märzabends. In der Dunkelheit sind da schon viele kleine, flackernde Lichter zu sehen. Die Fackelträger nähern sich, nehmen Aufstellung vor dem Schloss. Doch schnell ist es nicht mehr eine Vuvuzela, auf einmal ist es der Lärm von vielen, unterstützt von Trillerpfeifen und Hupen, der sich als Klangteppich über den vornehmen Park legt. Nicht 20, eher 250 Demonstranten hätten an unterschiedlichen Stellen im Tiergarten Aufstellung genommen, schätzt die Polizei später.

Dass bei diesem Zapfenstreich für Christian Wulff nichts so ist, wie es sonst war, man hört es an diesem Abend nicht nur, man sieht es auch. Vor allem daran, wer alles nicht da ist. Es fehlen vier Bundestagsvizepräsidenten, es fehlt die Spitze der Opposition, die gar nicht erst eingeladen war, es fehlen die Vorgänger Wulffs, es fehlen der Vorsitzende und der Vize-Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichts.

Da hilft es wenig, dass die Kanzlerin da ist, der Vize-Kanzler und fast das gesamte Kabinett. Die, die fehlen, dürften Wulff gleichwohl schmerzen, geht es doch immer um die Frage, wie viel Würde ihm am Ende seiner kurzen Amtszeit noch geblieben ist. An diesem Abend ist es offensichtlich zu wenig, nicht nur wegen des Lärms.

"Kein Geld, kein Geld"

Christian Wulff  ist in den vergangenen Wochen fast nichts erspart geblieben. Auch nach seinem Rücktritt war er in den Schlagzeilen geblieben. Erst wurde in Frage gestellt, ob ihm die jährlich 200.000 Euro Ehrensold, die jeder Altbundespräsident erhält, zustehen. Dann ging es um Büro und Mitarbeiter. Schließlich darum, ob er überhaupt eines Zapfenstreichs würdig sei.

Nun steht Wulff auf dem roten Ehrenpodest, neben sich den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und Verteidigungsminister Thomas de Maizière, und wirkt wie versteinert. Er lässt das Gewehre-Präsentieren über sich ergehen, die gebrüllten Befehle, die Meldung. Dann die Musik, die er selbst ausgesucht hat. Das sehnsüchtige Over the rainbow , das optimistische Kirchenlied, das vom Neuanfang handelt, und die feierliche Ode an die Freude . Doch die Trillerpfeifen spielen mit, die ganze Zeit sind sie zu hören, in jeder Musikpause gibt es nur noch sie. Auch Rufe erklingen zwischendurch. Es klingt wie "Schande, Schande", vielleicht heißt es auch "kein Geld, kein Geld".