Wulffs AbschiedAus dem Amt gepfiffen

Der Abschied passte zum Abgang: Als erster Präsident überhaupt ist Christian Wulff mit einem gigantischen Pfeifkonzert verabschiedet worden. von 

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff mit Horst Seehofer (l.), der zurzeit die Geschäfte des Bundespräsidenten führt, und Verteidigungsminister Thomas de Maizière (r.) beim Zapfenstreich

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff mit Horst Seehofer (l.), der zurzeit die Geschäfte des Bundespräsidenten führt, und Verteidigungsminister Thomas de Maizière (r.) beim Zapfenstreich  |  © AFP/Getty Images/Odd Andersen

Um 18 Uhr ist es noch ruhig um Graf von Moltke. Das steinerne Denkmal steht mitten im Berliner Tiergarten. Es ist der Ort, an dem für diesen Abend eine kleine Demonstration mit Vuvuzelas angekündigt ist. 20 Leute hätten die Veranstalter angemeldet, sagt ein Polizist. Doch ihre Tröten würden ihnen abgenommen. Lärm ist nicht erwünscht.

Schließlich erstrahlt ein paar Hundert Meter weiter nördlich Schloss Bellevue in gelber und rötlicher Festbeleuchtung. Die Umgebung ist weiträumig abgesperrt. Aus den Schlossfenstern leuchtet warmes Licht. Dem militärischen Abschiedszeremoniell des Großen Zapfenstreichs, das hier in einer Stunde Christian Wulff zu Teil werden soll, scheint nichts im Wege zu stehen.

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Um 18:35 ertönt ein erster langgezogener Trötenton durch die Dämmerung des kühlen Märzabends. In der Dunkelheit sind da schon viele kleine, flackernde Lichter zu sehen. Die Fackelträger nähern sich, nehmen Aufstellung vor dem Schloss. Doch schnell ist es nicht mehr eine Vuvuzela, auf einmal ist es der Lärm von vielen, unterstützt von Trillerpfeifen und Hupen, der sich als Klangteppich über den vornehmen Park legt. Nicht 20, eher 250 Demonstranten hätten an unterschiedlichen Stellen im Tiergarten Aufstellung genommen, schätzt die Polizei später.

Dass bei diesem Zapfenstreich für Christian Wulff nichts so ist, wie es sonst war, man hört es an diesem Abend nicht nur, man sieht es auch. Vor allem daran, wer alles nicht da ist. Es fehlen vier Bundestagsvizepräsidenten, es fehlt die Spitze der Opposition, die gar nicht erst eingeladen war, es fehlen die Vorgänger Wulffs, es fehlen der Vorsitzende und der Vize-Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichts.

Da hilft es wenig, dass die Kanzlerin da ist, der Vize-Kanzler und fast das gesamte Kabinett. Die, die fehlen, dürften Wulff gleichwohl schmerzen, geht es doch immer um die Frage, wie viel Würde ihm am Ende seiner kurzen Amtszeit noch geblieben ist. An diesem Abend ist es offensichtlich zu wenig, nicht nur wegen des Lärms.

"Kein Geld, kein Geld"

Christian Wulff  ist in den vergangenen Wochen fast nichts erspart geblieben. Auch nach seinem Rücktritt war er in den Schlagzeilen geblieben. Erst wurde in Frage gestellt, ob ihm die jährlich 200.000 Euro Ehrensold, die jeder Altbundespräsident erhält, zustehen. Dann ging es um Büro und Mitarbeiter. Schließlich darum, ob er überhaupt eines Zapfenstreichs würdig sei.

Nun steht Wulff auf dem roten Ehrenpodest, neben sich den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und Verteidigungsminister Thomas de Maizière, und wirkt wie versteinert. Er lässt das Gewehre-Präsentieren über sich ergehen, die gebrüllten Befehle, die Meldung. Dann die Musik, die er selbst ausgesucht hat. Das sehnsüchtige Over the rainbow , das optimistische Kirchenlied, das vom Neuanfang handelt, und die feierliche Ode an die Freude . Doch die Trillerpfeifen spielen mit, die ganze Zeit sind sie zu hören, in jeder Musikpause gibt es nur noch sie. Auch Rufe erklingen zwischendurch. Es klingt wie "Schande, Schande", vielleicht heißt es auch "kein Geld, kein Geld".

Leserkommentare
  1. Kein Widerspruch. Interessant ist aber die Begründung. Die Logik lässt sich kaum zu Ende denken.

    Antwort auf "Ich hab ein"
  2. Mit dem Gedenken an die Märzgefallenen 1848 und an die friedliche Revolution 1989/90 (Platz des 18.März am Brandenburger Tor) könnte der Beginn der Reform der Institution Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland eingeleitet werden (Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten am 18.März 2012). Bis dahin sind natürlich noch keine formellen Änderungen möglich, aber sie können mit Bedacht angegangen werden. Mit Gauck als Präsident rücken –wenn auch mittelbar – diejenigen ins Bild, die sich in der DDR gegen ein undemokratisches Regime zur Wehr gesetzt haben und deswegen gelitten haben. Da wäre doch auf dem Platz des 18.März ein Großer Zapfensreich angebracht, um die zu ehren, die ihr Leben fürs freie Wort und andere Grundrechte eingesetzt haben. Wunschlied:
    Und sperrt man mich ein,
    in finsteren Kerker,
    das alles sind rein vergebliche Werke.
    Denn meine Gedanken
    zerreißen die Schranken
    und Mauern entzwei!
    Die Gedanken sind frei!

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    Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass von einem "Dissidenten Gauck" nicht die Rede sein könne und dass selbiger erst auf den Zug aufgesprungen sei, als dieser schon in voller Fahrt war. Von daher sähe ich einen Bundespräsidenten mit dem Namen 'Wolf Biermann' stellvertretend für viele andere, die es verdient hätten, eigentlich lieber, sofern es ihm noch gut geht. Über Gauck lasse ich mich gerne belehren, sollte ich da falsch liegen.

    • TRK
    • 09. März 2012 14:17 Uhr

    wulff ist bei seinem abgang als bp beleidigt worden. das ist eine schande für ein deutschland und besonders für momentan dafür verantwortlichen, das zuzulassen.
    man müsste doch die bv rügen, denn die haben ihn doch gewählt. der neue bp wird höchstwahrscheinlich von der bv ohne zögern wieder gewählt werden. und wenn es wieder schief geht, ist dann der bürger schuld, der irgendwie diese in der bv sitzenden personen irgendwie deligiert hat?

  3. ... Würde im wirklichen Sinne des Wortes vorhanden sein.

    Alle Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt mit dem Kehren von Straßen, dem Putzen von Büros und Toiletten oder dem Fortschaffen von Unrat verdienen und dabei Kinder anständig erziehen haben um Potenzen mehr Würde als Herr Wulff.

    Er ist jetzt nur noch - Verzeihung für meine harte Wertung - ein Abzocker, und als solcher soll er auch in Erinnerung bleiben.

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    Sehr geehrter "kleiner Prinz",
    ohne großes Tratra voll auf den Punkt gebracht.
    Vielen Dank und schönen Abend - Chris

  4. Da waren lächerliche 250 Demonstranten, die offenbar nichts anderes zu tun hatten. Wie üblich, wird wieder masslos übertrieben.

    • BerndL
    • 09. März 2012 14:40 Uhr

    1. wie und wogegen sich Herr Gauck in der DDR zur Wehr gesetzt hat,
    2. wie und worunter er dort gelitten hat.

    "Mit Gauck als Präsident rücken –wenn auch mittelbar – diejenigen ins Bild, die sich in der DDR gegen ein undemokratisches Regime zur Wehr gesetzt haben und deswegen gelitten haben."

  5. Herr Wulff führt Integration auf den Lippen und vergisst, die Opposition einzuladen.

    Das reicht zum Verständnis der Demokratie à la Wulff.

    Nachtreten und Vuvuzelklänge sind überflüssig.

  6. Für Herrn Wulff, da grämt sie sich, für "das Volk", da schämt sie sich, und statt Ehre wird als Sold Zank und Zaster ihm gezollt.

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