Pressestimmen zu Grass"Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt?"

Günter Grass' Gedicht über Israel und den Iran ist in der internationalen Presse auf scharfe Kritik gestoßen. Will Grass die Lektionen aus dem Holocaust besser gelernt haben als die Juden selbst?

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass   |  © Susana Vera/Reuters

Die konservative österreichische Tageszeitung Die Presse:

"Wenn sich Grass schon anmaßt, moralische Instanz zu spielen, warum gerade, wenn es um Israel geht? Dieses Land ist gewiss nicht das einzige, das den 'brüchigen Weltfrieden', wie Grass pathetisch schreibt, gefährdet. Und noch gewisser werden in anderen Ländern des Nahen Ostens die Menschenrechte ärger verletzt. Grass ist freilich nicht der einzige politische Interessierte in Deutschland (und Österreich), der sich obsessiv mit Israel befasst, der einen Gutteil seines Protestpotenzials diesem Land widmet. Der – wie Grass in einer besonders perfiden Passage – dem Staat Israel vorwirft, ein Volk (diesfalls das iranische) 'auslöschen' zu wollen. Man kann an der Politik Israels einiges kritisieren. Aber als Deutscher, der noch dazu in das für den Holocaust verantwortliche Regime verflochten war, sollte man den Anstand besitzen, besonders behutsam über den Staat zu sprechen, den sich Juden aufgebaut haben. Und auch einmal einfach zu schweigen. Günter Grass hätte schweigen sollen."


Die niederländische Zeitung de Volkskrant:

"So mancher Schriftsteller hat in seinen späteren Lebensjahren politische Gedichte verfasst, Harold Pinter zum Beispiel im Jahr 2003 aus Anlass des Irak-Krieges. (...) Günter Grass war Mitglied der Waffen-SS. Ist er eine geeignete Person, solcherart Gedichte zu schreiben? Gerade jemand, der die Uniform der Waffen-SS getragen hat, ist eine Art Erfahrungsexperte auf dem Gebiet der Bedrohung des Weltfriedens. Dass das Gedicht an sich nicht besonders gut ist, hat mit dem Genre zu tun, es ist Agitprop."


Der rechtsliberale Mailänder Corriere della Sera:

"Wer der Waffen-SS angehört hat, sollte vorsichtiger in seinen Urteilen sein. Ist es möglich, dass die iranischen Drohungen und das Vorhaben, die Atombombe zu bauen, um den Staat Israel auszulöschen, Grass nicht dazu bringen, sich an den antijüdischen Hass zu erinnern, der doch genau dieses doppelte 'S' beherrschte? Ist es möglich, dass diese ganze Entrüstung des Günter Grass sich gegen die Bewaffnung des Staates Israel richtet, nie gegen den 'gängigen' Antisemitismus, der in Europa das Blutbad unter jüdischen Kindern in Toulouse preist? Ein Gedicht reicht nicht aus, um soviel Unsensibilität zu kaschieren."

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Die israelische Zeitung Jediot Achronot mit einem Gastkommentar des US-Schriftstellers Elie Wiesel:

"Ich verstehe es einfach nicht und kann es nicht begreifen. Was ist da passiert? Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben? (…) Wie kann Grass denn entscheiden, dass Israel den Weltfrieden bedroht und nicht der Iran? (...) Ich hätte erwartet, dass Grass angesichts seiner belasteten und problematischen Vergangenheit ein bisschen mehr Umsicht und Bescheidenheit an den Tag legen würde."


In der israelischen Jerusalem Post bloggt Petra Marquardt:

"Das war eine wahrhaft sensationelle Offenbarung angesichts der Tatsache, dass Grass das Image als moralische Autorität sorgfältig gepflegt hat und jederzeit bereit war, die Deutschen zu ermahnen, sich ihrer Nazi-Vergangenheit zu stellen. Nicht überraschend ist es, dass Grass nun erneut auf Deutschlands dunkle Vergangenheit anspielt. Dies macht er allerdings mit einem Dreh, der ziemlich beliebt geworden ist: Heutzutage scheinen viele Deutsche und Europäer das Gefühl zu haben, dass sie die viel zitierten 'Lektionen' aus dem Holocaust viel besser gelernt haben als die Juden – und vor allem viel besser als die Juden in Israel (…) Günter Grass würde wahrscheinlich den Gedanken zurückweisen, er gehöre zu jenen, die Israel einem Nazi-Täter gleich dämonisieren. Doch er macht genau dies, wenn er darauf anspielt, dass ein möglicher israelischer Angriff auf das iranische Nuklearprogramm zu einem absehbaren Völkermord führe. Sein 'Gedicht' ist der Versuch, jegliche deutsche 'Schuld' an diesem 'Verbrechen' zu vermeiden, da Grass fürchtet, Israel könnte Iran mit in Deutschland hergestellten U-Booten angreifen."

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

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    Inwiefern "scheinbar" wieder? Welch ein Schmarrn. Ein siebzehnjähriges Jüngelchen, kein Mann, das ein paar Monate bei der SS war und vor allem die Macht der andern, der Roten Armee, "gekostet" hat. Aber das ist eione andere Geschichte. Mit seinem schwachen Gedicht hat das gar nichts zu tun.

    • joG
    • 05. April 2012 12:27 Uhr

    ..."Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt?"

    Das kann nur ein Deutscher Fragen. Es weiß doch jeder da draußen, dass er nie weg war. Er hatte nur Kreide gefressen.

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    Ähm, Elie Wiesel ist garkein Deutscher...
    Und der Rest ihres Kommentars ist auch etwas kryptisch.

    "Das kann nur ein Deutscher Fragen. Es weiß doch jeder da draußen, dass er nie weg war. Er hatte nur Kreide gefressen."

    Die alten Reflexe funktionieren wie eh und je. Jetzt ist sogar ein Günter Grass des Nazis, nur weil er den Kotau vor einer der vielen Heiligen Kühe Nachkriegsdeutschlands verweigert. Solche Reaktionen zeigen sehr deutlich, wessen Geistes die Lordsiegelbewahrer der Politischen Korrektheit im Lande sind und welches Verhältnis sie in Wahrheit zu Demokratie und Meinungsfreiheit haben.

    • th
    • 05. April 2012 14:55 Uhr

    überflüssig.

    "...Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt? -
    Das kann nur ein Deutscher Fragen. Es weiß doch jeder da draußen, dass er nie weg war. Er hatte nur Kreide gefressen."

    Ich finde Bezeichnungen wie "der" Deutsche sind genauso falsch wie Aussagen über "den" Polen oder "den" Ami usw. Was soll es bringen weiter in Gruppen und Sterotypen zu denken ??

    Vielleicht hilft es einigen Leuten, die zufällig keine Deutschen sind, sich nur aufgrund ihrer Herkunft als etwas Besseres zu fühlen, da man ja quasi genetisch viel klüger als "der" unbelehrbare Deutsche ist ?

    Aber abgesehen von dem Schmeicheln des eignenen Egos trägt eine solche Aussage nichts zur Diskussion bei, finde ich.

    Gerade dis Diskussion, die Grass in D ausgelöst hat, zeigt doch, dass die Deutschen kein monolither Block mit einheitlicher Meinung sind, oder ?

    Ich frage mich warum in Zeiten der Gobalisierung und Öffnung der Welt einige Leute immer noch meinen nur in nationalen Kategorien denken zu müssen anstatt Menschen als Individuen zu sehen.

    Hinzu kommt, dass Grass nicht einmal ein von der Bevökerung gewählter Politiker ist. Er bringt seine persönliche Meinung zum Ausdruck und spricht nicht für das Land.

    • LaoLu
    • 07. April 2012 13:37 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf rein provokative Beiträge. Danke, die Redaktion/jz

  2. Grass kann es leisten wie Wahrheit zu sagen,
    schliesslich heißt sein schnelles Pferd "restliche Lebenserwartung".

  3. 4. Wieso?

    Wieso sollte Grass Israel nicht kritisieren dürfen, ein Land das von sich behauptet, letztes demokratisches Bollwerk im Nahen Osten zu sein, und dennoch die Vorwürfe gegen den Iran selbst im großen Maßstab begeht.
    Und nur weil er vor vielen Jahrzehnten für kurze Zeit bei der SS war muss er nun schweigen? Seiner Zeit als Soldat hat Herr Grass sicher weniger Menschenrechte verletzt als es der Mossad oder Zahal an einem Tag macht.
    Und schließlich spricht er von dem Staat Israel, und nicht von "Dem Juden" wie man ihn nun hinstellen möchte.
    Die Linke kritisiert täglich Israel, dort gilt es natürlich als selbstbewusste Kritik.

    Es ist nur ein Gedicht, und nicht Der Stürmer.

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    Sie behaupten:

    "Seiner Zeit als Soldat hat Herr Grass sicher weniger Menschenrechte verletzt als es der Mossad oder Zahal an einem Tag macht."

    Was ganz genau Herr Gras als Siebzehnjähriger gemacht hat ist selbstverständlich ihm persönlich bekannt, wie übrigens seine Beziehung als junger Mensch gegenüber Organisation der er beigetreten ist.

    Schon der Vergleich der Aktivitäten eines Geheimdienstes mit einem einzelnen Mensch ist einfach Thesenwechsel.

    Überhaupt jeder einfacher Vergleich eines Geheimdienstes mit SS Organisation als Schlagfaust eines verbrecherischen Regimes ist nicht zulässig. Dieser Vergleich wird zwar aus unterschiedlichen Gründen gerne gemacht, aber damit können die historisch bekannten Tatsachen nicht minimiert werden.

    Also der Vergleich wie viel Übel Grass begangen hatte mit begangenem Übel eines gegenwärtig aktiven Geheimdienstes, ist absichtlich irreführend. Auch der Vergleich der Organisation SS mit irgendwelchem gegenwärtig aktivem Geheimdienst ist inakzeptabel. Nicht weil die Geheimdienste heilig sind um Gotteswillen, nein, es sind einfach ganz unterschiedliche Sachen.

    Aber, den Mossad mit dem SS auszugleichen, ist noch ein Beweis wie schnell man durch rabulistische Behauptungweise den Boden der Realität verlieren kann.

    Im Jahre 44/45 sind hunderttausende Menschen gezielt durch SS ermordet worden. Es war eine Maschine des bestialischen Schreckens, auch dann wenn manche keine Ahnung davon hatten was eigentlich lief.

    Grass vielleicht auch nicht!

    • TeeMan
    • 05. April 2012 13:47 Uhr

    Herr Grass hat tatsächlich jenes Thema verfasst, womit die deutsche Bevölkerung seit Ende des zweiten Weltkrieges noch immer konfrontiert wird: Das von bestimmten "Mächten" noch immer geforderte Schuldeingeständniss der SS-Dikatatur.
    Unbestritten haben die Deutschen in der NS Zeit grauenvolle Taten an Juden und anderen ethnischen Gruppierungen in ganz Europa begangen, was jedoch bereits schon kurz nach 1945 erfolgte, war die Entschuldigung an die betreffenden Bevölkerungsgruppen und das offene Schuldeingeständniss.
    Ich denke, es sollte eine offene Diskussion in Deutschland stattfinden, ob wir Deutschen nicht nach allen Entschuldigungen und Reperationszahlungen eine neue Form von Selbstbewusstsein erlangen sollten, OHNE dabei die historischen Fakten zu vernachlässigen.

    Und wenn man es mehrfach liest und der Rumraunereien Schicht für Schicht enthäutet, bleibt als Kern immer der gleiche Subtext übrig: Deutsche, verkauft nichts an Juden!

    > Wieso sollte Grass Israel nicht
    > kritisieren dürfen...

    Das ist die Frage der Nazis - und damit ist die Frage auch schon beantwortet. Ganz davon abgesehen, dass die Aussage, Israel wolle eine Atombombe auf den Iran werfen, keine Kritik an Israel sondern Stürmerpropaganda ist.

    > Es ist nur ein Gedicht, und
    > nicht Der Stürmer.

    Doch, es ist der Stürmer, deshalb ja die Kritik.

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    Antwort auf "Wie bitte? ...."
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    Antwort auf "Wie bitte? ...."
  6. Bislang habe ich mich zusammengerissen - aber das ist jetzt der zig'te Artikel über dem Grass sein Gedicht.

    Seit Dekaden verstehe ich nicht, warum ein solcher Wind um Grass gemacht wird - er wurde schon mit Brecht und Handke verglichen, er wurde als moralische Instanz bezeichnet, als Gewissen der Nation und all so was.

    Stattdessen ist Grass - der mir seit den o.g. Dekaden bitterbös auf den Nerv geht - nichts anderes als ein - von mir aus auch guter - Schrifsteller, der sicher ungewohnte Wege geht, politisch engagiert und auch gut erzählt. Aber diese Überhöhung des Rebellen zum Helden kann ich einfach nicht nachvollziehen. Da ist einer, der mit seinen Provokationen Aufruhr stiftet und davon eigentlich ganz gut lebt. Aber so dolle ist das, was er schreibt nu auch wieder nicht - da gibt es grosse Literatur mit erheblich mehr(!) Tiefgang.

    Grass war hauptsächlich ein Szeneschreiber, der seine Klientel mit provokanten und aufrührerischen Schriften bedient hat. Immer schön gegen den Strom, einfach aus Prinzip. Daran scheint sich nichts geändert zu haben.

    Der ewige Grass halt, der laute Grass, der in unregelmäßigen Abständen immer wieder über uns hereinbricht, wie eine Naturkalamität... oder ein Sarrazin.

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    Immer schön gegen den Strom, einfach aus Prinzip. Daran scheint sich nichts geändert zu haben.
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    Immer schön gegen den Strom, einfach aus Prinzip. Daran scheint sich nichts geändert zu haben.
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    Lesen Sie doch mal die ganzen Kommentare.
    Grass schwimmt nicht gegen den Strom, das wäre ja schön. Er schwimmt mit dem Strom, das hat er immer schon getan, mit 17 und auch heute. Er ist das Sprachrohr eines gar nicht so kleinen Teils der Deutschen, vielleicht sogar der Mehrheit [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Wir wünschen uns eine differenzierte Diskussion von Argumenten. Danke, die Redaktion/au.

    • WiKa
    • 05. April 2012 12:35 Uhr

    … würde doch die Kritik nicht immer nur in lauter Schreierei enden, vor deren Lautstärke man rein jeglichen Realitätsbezug zugunsten ewiger Klischees verliert … (°!°)

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    was ich zum thema bisher gelesen habe, war ihr kommentar.
    herzlichen dank dafür! :-)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alte | Israel | Antisemitismus | Atombombe | Drohung | Gedicht
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