Nach Berechnungen der Financial Times Deutschland (FTD) könnten deutlich mehr Eltern Betreuungsgeld in Anspruch nehmen als von der schwarz-gelben Bundesregierung angenommen: Der Zeitung zufolge hätten Eltern von etwa 1,1 Millionen Kindern Anspruch auf die Barzahlung – das seien etwa 445.000 mehr als von der Regierung eingeplant. Vor allem der unzureichende Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige treibe die Kosten für das Betreuungsgeld in die Höhe.

Nach Angaben des Familienministeriums ist das Betreuungsgeld im Finanzplan des Bundes im Jahr 2013 mit 400 Millionen Euro eingeplant, danach jährlich mit 1,2 Milliarden Euro. "Das ist sehr knapp gerechnet und liegt am unteren Rand unserer Schätzung", sagte Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) der FTD . Das ZEW geht demnach von Kosten in Höhe von rund zwei Milliarden Euro jährlich aus, da nicht genügend Betreuungsplätze zur Verfügung stehen.

Das Betreuungsgeld ist für Eltern vorgesehen, die ihre unter dreijährigen Kinder zu Hause betreuen wollen. Sie sollen zunächst 100 Euro und ab 2014 150 Euro monatlich erhalten. Hartz-IV-Empfänger sind davon allerdings ausgenommen.

Widerstand in der CDU wächst

Die höheren Kosten könnten den koalitionsinternen Streit um das von der CSU geforderte Betreuungsgeld weiter verschärfen. Neben der FDP gibt es auch Widerstand in Teilen der CDU – Ende vergangener Woche hatten 23 Unionsabgeordnete in einem Schreiben mit einem Nein im Bundestag gedroht . Dieser Kritik schloss sich nun ein Hamburger CDU-Abgeordneter an: Die Pläne bedeuteten für einen großstädtischen Wahlkreis wie seinen eine Fehlsteuerung von Sozialleistungen, schrieb Jürgen Klimke in einem Brief an Unionsfraktionschef Volker Kauder . Die voraussichtlichen Kosten fehlten in Zeiten von Haushaltskonsolidierung an anderer Stelle, vor allem bei Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur.

Kritik an der geplanten Zahlung kam auch von den Liberalen. "Das Betreuungsgeld passt nicht in die Zeit", sagte FDP-Generalsekretär Patrick Döring. "Wenn die Union dieses Projekt aufgibt, werden wir nicht im Wege stehen." Die Union müsse sich klar darüber werden, was sie wolle. "Wenn wir die Frauenerwerbstätigkeit erhöhen und die Rückkehr von Frauen in den Beruf erleichtern wollen , sollten wir nicht die Betreuung von Kindern zu Hause vergüten, sondern den Ausbau von Kita-Plätzen fördern."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Montag allerdings deutlich gemacht , dass sie an der Koalitionsvereinbarung zum Betreuungsgeld festhält. "Die politische Entscheidung in der Koalition ist gefallen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert . Die Eltern hätten die Freiheit zu wählen, ob sie ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr betreuen oder betreuen lassen wollen.

Frauen-Union verteidigt Koalitionsbeschluss

Auch die Vorsitzende der Frauen-Union, Maria Böhmer , beharrte auf Einhaltung der Koalitionsabsprachen. "Nachdem sowohl die CDU als auch der Koalitionsausschuss die Einführung eines Betreuungsgeldes beschlossen haben, geht es jetzt nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie", sagte sie.

Besonders umstritten ist in der Union die Frage, ob das Geld, wie von der CSU gefordert, bar an die Eltern ausgezahlt werden soll. Die Frauen-Gruppe in der Unionsfraktion und die 23 Unterzeichner eines Briefs an Kauder lehnen dies ab und fordern stattdessen eine bessere Altersabsicherung von Müttern. Die stellvertretende Generalsekretärin der CSU, Dorothee Bär, stellte allerdings klar, dass die CSU über die zentrale Frage, ob das Betreuungsgeld alternativ auch als Sachleistung erfolgen könne, nicht mehr verhandeln werde. "Für uns steht fest, dass es bei Barzahlungen bleiben muss, und zwar in der vereinbarten Höhe", sagte Bär ZEIT ONLINE .

Fraktionschef Kauder signalisierte den Kritikern aber Gesprächsbereitschaft über die Barauszahlung. Die Regierung will bis zur Sommerpause einen Gesetzentwurf vorlegen.