So positiv wurde schon lange nicht mehr über den demografischen Wandel berichtet. Eine 74 Seiten lange "Demografiestrategie" hat die Bundesregierung in den vergangenen Wochen zusammengestellt. Sechs Ministerien haben daran mitgearbeitet. Nicht nur Fachbeamte, auch die Kanzlerin mit den zuständigen Ministern berieten darüber.

Nun soll am kommenden Mittwoch das Kabinett die Vorlage mit dem Titel "Jedes Alter zählt" beschließen. Tags zuvor lädt die Kanzlerin zu einer Fachkonferenz ein und im Herbst soll ein großer Kongress stattfinden. Angela Merkel , so heißt es, will mit dem Thema Demografie im Wahlkampf werben, weil sie sich selbst als Demografiepolitikerin sieht – zu ihren Taten als Regierungschefin gehörten die Einführung von Rente ab 67, Elterngeld und Vätermonaten. Es folgten der Krippenausbau und andere Reformen.

Betreuungsgeld wird nicht erwähnt

Das umstrittene Betreuungsgeld , das als Projekt der Regierung im Koalitionsvertrag steht, taucht in dem Bericht, der ZEIT ONLINE vorliegt, nicht auf. Zwar geht es gleich im ersten Kapitel um unterschiedlichste Familienleistungen – doch mit dem als "Herdprämie" verspotteten Betreuungsgeld will die Regierung sich offenbar lieber nicht schmücken. Für Familien soll es künftig mehr staatlich geförderte, haushaltsnahe Dienstleistungen geben. Das komme vor allem Müttern zugute, die wieder in den Beruf zurückkehren wollten und auch Familien, die über die Entscheidung für ein zweites Kind nachdenken, heißt es in dem Bericht. Bisher waren solche Pläne der Familienministerin immer am Widerstand des Finanzministeriums gescheitert.

Neu ist auch, dass die Lebensarbeitszeit für Beamte ausgedehnt werden soll – für diejenigen, die gern länger als bis 67 arbeiten wollen. Bisher galten im öffentlichen Dienst strenge Altersgrenzen, die auch bei großem Interesse von Beschäftigten und Arbeitgebern nur mit Ausnahmegenehmigungen und für kurze Zeit ausgedehnt werden konnten. Das soll sich nun ändern.

Der Rest des Berichts enthält vor allem bekannte Maßnahmen der Regierung – er ist mehr Bilanz als Strategie. Deshalb wurde während der Arbeit am Bericht auch der Titel geändert – ursprünglich hieß der Bericht noch "Deutschland denkt weiter", was nach Aufbruch und Vision klang. Von beidem ist im Bericht nicht viel zu finden. Das war ursprünglich anders geplant. Der Auftrag, eine "Demografiestrategie" zu formulieren, stammt noch aus den ersten Wochen der schwarz-gelben Koalition, einer Zeit, in der viele in der gerade formierten Regierung noch mit kraftvollem, gemeinsamen Handeln rechneten.

Altern ohne Angst

Inzwischen soll der Bericht vor allem Ängste abbauen. "Die Auswirkungen des demografischen Wandels werden in der Bevölkerung häufig mit Sorge betrachtet", heißt es unter "Kommunikation" in der Kabinettsvorlage. "Die Bundesregierung ist überzeugt, dass unser Land in den kommenden Jahrzehnten seinen Wohlstand, sein Selbstvertrauen und seinen inneren Frieden bewahren und stärken wird, wenn es die richtigen Weichenstellungen vornimmt."

Vor allem Innenminister Hans-Peter Friedrich , dessen Ressort für die Strategie verantwortlich ist, spricht öffentlich häufig von den "Chancen der Schrumpfung".

Wachsende Ungleichheit zwischen Ost und West

Dabei wird der demografische Wandel nicht Chancen für alle, sondern vor allem mehr Ungleichheit bedeuten, es wird auch Verlierer geben. Lange waren beispielsweise die Einkommen der rund zwanzig Millionen Rentner in Deutschland sehr einheitlich, weil in Ostdeutschland viele alte Ehepaare zwei Renteneinkommen hatten. Das war eine Folge der Berufstätigkeit der Frauen in der DDR. In Westdeutschland überwogen Rentnerhaushalte mit einem Einkommen. Das ändert sich heute schon, weil in Westdeutschland die erste Generation der Doppelverdiener in den Ruhestand geht und oft zusätzlich noch über Erbschaften und angespartes Vermögen verfügt.

Nun kommt in den neuen Bundesländern die Generation der Wendeverlierer, der Langzeitarbeitslosen ins Rentenalter. So wächst die Ungleichheit zwischen Ost und West. Die vergangenen Reformen bei der Alterssicherung haben vor allem für viele schlecht abgesicherte Freiberufler das Risiko der Altersarmut extrem erhöht. Sie haben beispielsweise keinen Anspruch auf die staatlich geförderte Riester-Rente . Die Beamten hingegen wurden von den Kürzungen aus den vergangenen Rentenreformen weitgehend verschont. "Chancen der Schrumpfung" gibt es nicht für jeden.