Politisches GedichtIsrael wirft Grass Antisemitismus vor

Wegen seines Gedichts zum Iran-Konflikt muss Günter Grass harte Kritik einstecken. Israels Botschaft wirft dem Nobelpreisträger vor, die Juden des Ritualmords anzuklagen. von dpa und reuters

Die israelische Botschaft in Deutschland hat das Gedicht von Literaturnobelpreisträger Günter Grass über Israel in eine Reihe mit anderen antisemitischen Vorurteilen gestellt. "Was gesagt werden muss, ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen", sagte der Gesandte Emmanuel Nahshon. "Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will."

Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt wird , erklärte die Botschaft weiter. "So war es schon am Tag seiner Gründung, und so ist es auch heute noch." Israel wolle in Frieden mit den Nachbarn leben. "Und wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist", fügte Nahshon hinzu.

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Unter dem Titel Was gesagt werden muss hatte Grass in mehreren Zeitungen geschrieben, "die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden". Er wirft sich darin vor, zu lange dazu geschwiegen zu haben. Der 84-Jährige geht auch mit der geplanten Lieferung eines weiteren U-Boots "aus meinem Land" nach Israel ins Gericht. Gleichzeitig bekundete er seine Verbundenheit zum jüdischen Staat.

Zentralrat nennt Grass-Kritik unverantwortlich

Der Zentralrat der Juden in Deutschland kritisierte die Äußerungen Grass' ebenfalls. Der Text sei "ein aggressives Pamphlet der Agitation", sagte Zentralratspräsident Dieter Graumann.

Es sei traurig, dass Grass sich in dieser Form zu Wort melde und Israel dämonisiere. Der Text sei unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen. Nicht Israel, sondern der Iran bedrohe den Frieden. Das Mullah-Regime unterdrücke die eigene Bevölkerung und finanziere den internationalen Terrorismus. "Ein hervorragender Autor ist noch lange kein hervorragender Analyst der Nahost-Politik", fügte Graumann hinzu.

Dagegen nimmt der israelische Historiker Tom Segev Grass gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. "Er ist kein Antisemit, er ist nicht anti-israelisch", sagte Segev dem Deutschlandradio Kultur. Probleme habe er aber mit dessen Gleichsetzung des Iran mit Israel. Israel habe schließlich "noch von keinem Land gesagt, dass es aus der Welt geschafft werden muss", wie es der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad "Tag für Tag" über Israel wiederhole.

Ansonsten empfinde er das Grass-Gedicht als etwas "pathetisch" und "egozentrisch". Es gebe in Israel seit längerer Zeit eine rege Diskussion darüber, ob das Land den Iran angreifen solle oder nicht. "Deshalb fand ich das ein bisschen pathetisch, dass da ein deutscher Schriftsteller auf einmal sein 'Schweigen brechen' muss, wie wenn irgendwer über das israelische Atomprojekt jemals geschwiegen hätte", sagte Segev.

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    • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters
    • Schlagworte Günter Grass | CDU | Ruprecht Polenz | Tom Segev | Israel | Botschaft
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