Robert Habeck ist ein sympathischer Typ, und er weiß das auch. Der 42-Jährige steht in der Fußgängerzone von Lübeck , eleganter schwarzer Wintermantel, Jeans, verwuschelte Haare, freundlich blitzende Augen, breites Lächeln. Er verteilt grüne Flyer, kommt problemlos mit den Fußgängern ins Gespräch. "Die Menschen merken, ob man Bock drauf hat, mit ihnen zu reden", sagt der Grüne. Gerade hat er einem Studenten, der eigentlich nur eine Frage zur Bildungspolitik hatte, ein Wahlprogramm-Heft aufgeschwatzt.

Robert Habeck ist ein unangepasster Mensch. Als er zum Spitzenkandidaten für die schleswig-holsteinische Landtagswahl am 6. Mai gewählt wurde, machte er Stagediving von der Parteitagsbühne . Er habe das immer mal ausprobieren wollen, sagt er. Und grinst spitzbübisch. Seit zweieinhalb Jahren ist der studierte Philosoph Fraktionsvorsitzender im Kieler Landtag und damit Berufspolitiker, doch er lässt es sich nicht nehmen, in aller Öffentlichkeit "scheiße" zu sagen. Oder "tippitoppi", wenn er sich gut fühlt. Seine eigene Partei findet der Grüne "punkig".

Selbst die CDU färbte ihre Wahlplakate für ihn grün

Robert Habeck ist eher zufällig in die Politik gekommen. Eigentlich schreibt er Romane, gemeinsam mit seiner Frau. Eines Abend, 2002, ging er zu einer Kreismitgliederversammlung der Grünen Schleswig-Flensburg und ließ sich spontan zum Vorstandssprecher wählen. Sieben Jahre später ist er Fraktionschef. Er sei in die Politik gegangen, weil er sich gedacht habe: Man muss die Welt doch auch verändern können, indem man authentisch bleibt. Sich gerade nicht verbiegt.

Lange schien diese Idee aufzugehen: In den aktuellen Landtagswahlkampf startete Habeck als Hoffnungsträger der Realos in der Bundespartei. Er ist ein intelligenter Kopf, überparteilich anerkannt, er kann die Ideen seiner Partei gut und clever erklären. Habeck scherte sich nicht um äußere Erwartungen: Weil er von Anfang an mit der CDU als potenziellem Koalitionspartner flirtete, färbten die Christdemokraten sogar ihre eigenen Wahlplakate dunkelgrün . CDU-Spitzenkandidat Jost de Jager schätzt Habeck sehr. Wahrscheinlich auch, weil der grüne Kandidat problemlos von "Heimat" spricht, von Innerer Sicherheit und all den Themen, die auf den ersten Blick nicht typisch grün sind. Die Sparvorschläge der Grünen sind härter als die der SPD . Auch das versteht Habeck unter Unangepasstheit.

Die Piraten stellen alles infrage

Ende des vergangenen Jahres bescheinigten Umfragen den Grünen 17 Prozent, sie waren damit wegen der schwachen FDP Königsmacher für die SPD oder die CDU. Habeck, der sich selbst freimütig eine gewisse Eitelkeit bescheinigt, strotzte nur so von Selbstbewusstsein . Mitglieder des Grünen-Bundesvorstandes schrieben ihm nach jedem eigenwilligen Interview klagende SMS. So jedenfalls erzählte es der Kandidat.

Viereinhalb Monate später, an diesem Nachmittag in Lübeck, ist die Leichtigkeit verpufft. Die letzten beiden Umfragen zur Landtagswahl haben Habecks Selbstbewusstsein erschüttert. Demnach haben sich die Piraten von 5 auf 10 bis 11 Prozent gesteigert. Die Grünen hingegen sind bei der Wählerzustimmung auf 12 bis 13 Prozent abgesackt. Die völlig überraschende Erfolgswelle der Piraten, die wohl auch mit dem guten Ergebnis im Saarland zu tun hat , gibt den Grünen gehörig Schlagseite.

Habeck fasst es nicht. Der Gegner verkörpert doch all das, was er immer für sich beansprucht hat. In einem Wahlvideo sagt Habeck: "Wir wollen die Distanz zwischen Bürgern und der Politik auflösen." So einen Satz schreibt man im Moment eher den Piraten zu: Ihrer Basisdemokratie-Bewegung gehören jetzt die Sympathien, sie gelten als "hip", die Grünen als etabliert.