FamilienpolitikKita-Pflicht – warum denn nicht?

An eine Kita-Pflicht traut sich in der Politik niemand ran. Dabei wäre diese zumindest für Kinder ab vier eine sinnvolle Sache, kommentiert Katharina Schuler. von 

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat am Wochenende einen mächtigen Wirbel ausgelöst. Die Politik müsse nicht nur für Kita-Plätze sorgen, sondern dafür, dass die "Kinder auch da sind", hatte sie in einem Interview gesagt. "Kita-Pflicht geht gar nicht", schallt es ihr seither aus allen Ecken entgegen. Dabei hatte Kraft ihre Bemerkung eigentlich gegen das geplante Betreuungsgeld gemünzt und wollte wohl lediglich sagen, die Politik dürfe keine Anreize setzen, die Kinder von Kitas fernhalten.

Eine Kita-Pflicht gilt vielen Politikern als verbotenes Thema, um das man tunlichst einen großen Bogen macht. Allzu schnell heißt es sonst in der Debatte, XY wolle eine Erziehungsdiktatur oder den Sozialismus wieder einführen. "Pflicht" macht sich im Umgang mit Wählern eben nie gut.

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Dabei lohnt das Thema durchaus eine differenzierte Betrachtung. Richtig ist: Eine Kita-Pflicht für Kinder unter drei Jahren wäre aus mehreren Gründen keine gute Idee. Zum einen wird in Deutschland derzeit nur ein Viertel aller unter Dreijährigen in öffentlichen Einrichtungen betreut. Das lässt vermuten, dass ein großer Teil der Eltern dies für ihre Kinder nicht wünscht.

Diese Eltern dürfen nicht gezwungen werden, die Erziehung ihrer Kinder aus der Hand zu geben, nur weil dies für eine kleine Zahl von Kindern, die zu Hause nicht ausreichend gefördert werden, vermutlich besser wäre.

Keine Plätze, keine Pflicht

Ohnehin wäre es unsinnig, über eine Kita-Pflicht für alle Kleinkinder zu diskutieren, während die Politik nicht einmal sicherstellen kann, wie versprochen bis 2013 für mindestens 35 Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze zur Verfügung stellen zu können. So hoch ist nämlich die Quote, mit der die Politik hofft, den ab August 2013 geltenden Rechtsanspruch erfüllen zu können.

Abgesehen davon sind Verfassungsrechtler davon überzeugt, dass eine Kita-Pflicht für Kleinkinder nicht mit dem Grundgesetz vereinbar wäre, das nun einmal das "natürliche Recht" von Eltern, ihre Kinder selbst zu erziehen, garantiert.

Leserkommentare
  1. Frau Schuler verlinkt auf den ZEIT Artikel "Die Familie macht den Unterschied" von Adelheid Müller-Lissner vom 27.04.2012 - 13:12 Uhr, in dem auch die Nichd-Studie in den USA positiv vermerkt wird. Zu dieser Studie stellt Fabienne Becker-Stoll vom Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP; Partner der NUBBEK-Studie) fest [Downloads pdf auf der NUBBEK Seite]: >>NICHD – Study (vgl. Belsky, 2010)
    Auswirkungen früher Tagesbetreuung (Geburt bis 4 ½ Jahren) auf die Entwicklung des Kindes:
    Negativ (!)
    – Je mehr Zeit in Tagesbetreuung (alle Formen) und je mehr Zeit Kinder in Kitas verbrachten, desto mehr Problemverhalten in der Kindheit (Grundschule) und je mehr Risikobereitschaft und Impulsität in der
    Adoleszenz. (!)
    Positiv
    – Qualität der Tagesbetreuung und der Betreuungsumfang in einer Tageseinrichtung zumindest durch die Grundschulzeit hindurch mit besseren kognitiv-sprachlichen und schulischen Leistungen<<
    Verbesserten kognitiv-sprachlichen u. schulischen Leistungen stehen also mehr Problemverhalten, mehr Risikobereitschaft und Impulsität in der
    Adoleszenz durch (externe) Tagesbetreuung gegenüber!
    Warum erwähnen beide Damen diese negativen Auswirkungen nicht!?
    Und übrigens, "sehr für etwas zu sein" heißt in der Konsequenz NICHT dies als Pflicht zu befürworten! (Ich bin sehr dafür, daß jeder am 13.5. wählen geht, aber die Schulersche Konsequenz WahlPFLICHT verneine ich ausdrücklich!)

  2. das spricht mir aus der Seele. Bald haben wir für jedes Alter die passende Kaserne, wenn der Krippenzwang dann auch noch hinterherschleicht. Schrecklich.

  3. den Umgang mit gleichaltrigen nicht ersetzen. Spielnachmittage, unter elterlicher Aufischt mit einzelnen Freunden sind nicht mit der Gruppendynamik in einer Kita zu vergleichen. Dort lernen die Kinder mit gleichaltrigen um zu gehen und sich in Gruppen zu Recht zu finden.

    Was wären denn bitte die negativen Folgen? Wenn Eltern ihr Kind zu wertvoll ist um es mit Kindern aus sozialschwachen Familien spielen zu lassen sollen sie es eben in eine teure Kita schicken. Wenn wir es nicht schaffen endlich mehr Konsitenz in das Wissenniveau unserer Kinder zu bringen werden wir Intelektuell untergehen.

    In Südkorea schaffen mittlerweile ca. 65% das Abitur. Bei uns sind es seit Jahrzehnten um die 30%. Wir haben hier keine Manufakturen mehr wo Bildung keine Rolle mehr spielt.
    Die Produktion wird immer mehr ausgelagert. Es wird Zeit das wir als Gesellschaft auf diese Entwicklungen reagieren anstatt am Familienbild der 50iger Jahre fest zu halten.

    Anstand und soziale Integrität sind nicht eine Frage der Brieftasche sondern der Erziehung.

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    • nike11
    • 30. April 2012 19:51 Uhr

    Ich schließe mich meinem Vorkommentator an und erweitere um die Frage an Sie, ob Sie ernsthaft Südkorea als erstrebenswertes Vorbild für öffentliche Erziehungsverhältnisse sehen.

    "Was wären denn bitte die negativen Folgen?"

    Ich bin mit 4 Jahren in den KIndergarten gekommen in dem auch meine große Schwester war. Ich hab mich dort so unwohl gefühlt, dass ich mich jeden Morgen schreiend mit Händen und Füßen gewehrt habe. Meine Eltern haben mich dann wieder hearusgenommen und es nochmal versucht als ich 5 war. Da hatte ich plötzlich keine Probleme mehr, hab mich in der großen Gruppe wohl gefühlt.
    Wenn man mich mit 4 einfach gezwungen hätte, ich denke schon, dass es negative Folgen für mich gehabt hätte. Ich hätte auf jeden Fall das Vertrauen in meine Eltern verloren und wär ein tieftrauriges Kind geworden.
    Die meisten Kinde sind denke ich mit 3-4 Jahren (viele sicher auch früher) bereit für den Besuch einer Kita, aber eben doch nicht alle!

  4. Diese Diskussion ist doch unnötig bei einer Quote von über 90%. Anscheinend gibt es also genug KITA-Plätze. Trotzdem wird dauernd über mangelnde Betreuungsmöglichkeiten berichtet. Wohl nur für Kinder unter 3 Jahren. Es ist nervig, wenn ungenau argumentiert wird. Man weiß nie, was eigentlich gemeint ist.
    Und wenn wir schon so eine Pflicht einführen, dann bitte für alle. Und zwar in staatlichen KITA´s. Also auch Kinder von begüterten oder reichen Eltern. Denn auch diesen tut eine Sozialisierung gut.

    • th
    • 30. April 2012 17:59 Uhr

    noch in einem anderen volkserzieherischen System!

  5. In Anbetracht des Fachkräftemangels bin ich im Hinblick auf meine Pension unbedingt dafür, dass Frauen arbeiten und ihre Kinder möglichst früh auf Linie gebracht werden.

    • Panic
    • 30. April 2012 18:00 Uhr

    Guter Vorschlag. Tut niemanden weh, und hilft genau da, wo es nötig ist. Und kommt mir nicht mit Freiheit. Demokratieverwöhntes Deutschland. Ein bisschen weniger davon und unsere Sessel müssten nicht soviel Pupse ertragen.

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    • th
    • 30. April 2012 20:18 Uhr

    denn nach Ihrem nächsten Beitrag zu urteilen, meinen Sie das ernst - und ich hatte es für Satire gehalten.

    • fegalo
    • 30. April 2012 21:19 Uhr

    sechs falsche Behauptungen und kein Argument.

    Rekord.

    • mat123
    • 02. Mai 2012 22:07 Uhr

    Freiheit und Demokratie fordern die Eigenverantwortlichkeit des Bürgers. Mit Verwöhntsein hat das nichts zu tun. Mit Flatulenz auch nicht.

  6. Es ist die Aufgabe des Staates KiTas so attraktiv zu machen, dass Eltern sie nutzen (und erstmal ueberhaupt genuegend davon bereit zu stellen). Es ist nicht die Aufgabe des Staates die Kindererziehung aus den Haenden der Eltern zu nehmen. Wo offensichtlich problematisches Verhalten der Eltern vorliegt, gibt es das Jugendamt.

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