Armut wird hierzulande oft als selbst verschuldet angesehen. In einer Gesellschaft, in der die Eigenverantwortung des Individuums im Vordergrund steht, wird armen Menschen die Schuld an ihrer Situation zugeschrieben. Schuld an Faulheit oder Disziplinlosigkeit, schuld daran, seine Ressourcen nicht sinnvoll genutzt zu haben. Das gilt aber nicht für Kinder. Seit der Romantik wird die Kindheit glorifiziert, Kinder sind daher per se unschuldig. Kinderarmut wird so zu unverschuldeter Armut – und damit zum Skandal.

Deshalb hat Sozialministerin Ursula von der Leyen ( CDU ) das Bildungspaket erfunden. Doch der Versuch, Kinderarmut von Elternarmut zu trennen, ist zum Scheitern verurteilt. Denn zu jedem armen Kind gehören arme Eltern. Die Idee, in betroffenen Familien nur die Kinder zu fördern, rührt aus Misstrauen gegenüber den Eltern her. Der Staat traut den Eltern nicht zu, verantwortungsvoll mit ihren finanziellen Mitteln umzugehen, also unterstützt er die Kinder unabhängig von ihnen: mit Gutscheinen und anderen Hilfen, die keinen Geldfluss an die Eltern beinhalten.

Gesellschaftsfähig wurden diese Maßnahmen durch die Vorstellung, in Deutschland bekämen die falschen Leute Kinder, oder durch Fernsehsendungen, in denen Laiendarsteller die Flodders geben. Dass es sich dabei um scripted reality handelt, um inszenierte Wirklichkeit also, wird gerne vergessen. Aus Sicht der finanziell oberen Schichten gibt es offenbar eine Gruppe von Kindern, die von den Falschen aufgezogen wird. Daraus folgt der Gedanke, dass diese Kinder vor ihren Eltern geschützt werden müssen.

Genau das geschieht mit dem Bildungspaket, denn gleichzeitig wurden die Transferleistungen an Familien eingeschränkt . So wurden zum Beispiel Zusatzleistungen für Schreibwaren gestrichen, das Elterngeld wird nun bei Hartz-IV-Empfängern als Einkommen angerechnet, und diese Eltern müssen einen Eigenanteil für die Mittagsverpflegung in Kitas zahlen. Man hat den bedürftigen Eltern Geld genommen, um ihnen einen Bruchteil davon in Form von Sachleistungen für ihre Kinder wieder zuzuführen.

Es ist falsch, Kinderarmut zu bekämpfen, indem man arme Eltern benachteiligt.