BundespräsidentGauck rückt von Positionen Merkels und Wulffs ab

Bundespräsident Gauck setzt politische Akzente, die ihn von Merkel und Wulff unterscheiden. In der ZEIT spricht er über Israel, den Holocaust, den Islam und über Röttgen. von 

Bundespräsident Joachim Gauck

Bundespräsident Joachim Gauck  |  © Joern Pollex/Getty Images

Bundespräsident Joachim Gauck hat Mitgefühl gegenüber seinem Amtsvorgänger Christian Wulff geäußert. "Es war schön zu sehen, wie da zu Beginn der Amtszeit ein junges, begabtes Paar auf diese neue Aufgabe zugegangen ist", sagte er in einem Interview mit der ZEIT. "Und dann gab es dieses Bündel von Ursache und Wirkung oder von problematischem Krisenmanagement, und alles hat so zusammengewirkt, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt abzusehen war, es würde nicht gut gehen."

Je nach Neigung, so Gauck, "konnte man dann 'Hurra' schreien, oder es erfasste einen eben ein – lassen Sie es mich ruhig auch sagen – christliches Mitgefühl, das völlig unabhängig ist von einem politischen Urteil", sagte Gauck.

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Gauck distanzierte sich von der Einschätzung seines Vorgängers, der Islam gehöre zu Deutschland. Diesen Satz könne er so nicht übernehmen, "aber seine Intention nehme ich an", sagte Gauck. Wulff habe die Bürger auffordern wollen, sich der Wirklichkeit zu öffnen. "Und die Wirklichkeit ist, dass in diesem Lande viele Muslime leben", sagte er. "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland." Wulffs Äußerungen hatten 2010 heftige Debatten in Deutschland ausgelöst.

Israel als Heimstatt der Juden

Die Entlassung von Norbert Röttgen aus dem Amt des Umweltministers durch Bundeskanzlerin Angela Merkel findet das Verständnis des Bundespräsidenten. Er forderte die Kanzlerin auf, den Vorgang zu erklären: "In einer Situation, in der die Koalition nicht von jedem nur gute Zensuren bekommt, ist es ein hoher politischer Wert für eine Regierungschefin, Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Es hilft aber, wenn die konkrete Handlung der Öffentlichkeit nachvollziehbar erklärt wird", sagte Gauck.

Gauck hatte sich in dem Interview auch zur Israel-Politik Deutschlands geäußert. In dem Satz Merkels, wonach das Existenzrecht Israels zur deutschen Staatsräson gehöre, sieht er eine Überforderung. "Dieser Satz von Frau Merkel kommt aus dem Herzen meiner Generation", sagte er. Er bedeute letztlich womöglich eine Überforderung, vielleicht auch eine in ganz tiefen Schichten wurzelnde magische Beschwörung: "Alles, was wir tun wollen, soll geleitet sein von dem Ziel, dass Israel als Heimstatt der Juden beschützt sein soll."

Warnung vor Überhöhung des Holocaust-Gedenkens

Gauck wies darauf hin, dass dieser Satz nicht nur aus der politischen Ratio geboren sei, sondern aus einer tiefen Zerknirschung: "Es ist ein moralischer Appell an uns selber, bei dem ich sehr besorgt bin, ob wir die Größe dieses Anspruchs an uns selbst in politisches Handeln umzusetzen vermögen." Zugleich warnte das deutsche Staatsoberhaupt davor, die Erinnerung an den Holocaust in etwas Überwirkliches zu verwandeln. Für eine Schlussstrich-Debatte werde er nie Verständnis haben, aber "einer Tendenz will ich auch nicht folgen: der Wandlung der Rezeption des Holocaust in eine quasi-religiöse Dimension, in etwas Überwirkliches."

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Leserkommentare
  1. Endlich mal einer, der auf verantwortungsvolle Weise einer in sich konsequenten Linie des Denkens folgt, anstatt nur opportunistisch einer Einheitsdenke zu folgen, die keine Differenzierung, kein Abweichen, kein "Aber", kein Nachdenken mehr erlaubt.

    UNTERSCHIEDE des Denkens sind die Grundlage jeder Debatte und mithin einer demokratischen Kultur.

    DANKE, Herr Gauck!

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    Meinung haben, nur spielt er sich gegenüber Merkel etwas als
    Oberlehrer auf. Gauck hat keine Verantwortung in der Realpolitik und Gauck muß seine politische Macht nicht verteidigen, und da sollte er solchen Unsinn lassen (egal wie man zu den Dingen steht die er kritisiert).

    Gauck enttäuscht mich nicht - wir haben endlich wieder einen Präsidenten, den man auch als solchen wahr nimmt und der eben überparteilich ist und Denkanstöße liefert. Soetwas war von Christian Wulff nicht zu erwarten - und er hat dann in seiner extrem kurzen Amtszeit sogar noch meine schlimmsten Befürchtungen übertroffen.

    Sein Besuch in Polen, seine Worte in Israel, die Art und Weise, wie er die dann doch sehr unwürdige Entlassung Norbert Röttgens durch die Kanzlerin handhabte - Chapeau! Gauck ist der richtige Mann am richtigen Platz.

    • kdbinf
    • 31. Mai 2012 15:12 Uhr

    Wo in diesem Artikel tritt Gauck denn als Oberlehrer auf? Doch höchstens im Titel, der von der Redaktion selbst geschrieben wurde.

    Die Äußerungen, die führende Repräsentanten dieses Landes vom Staatsoberhaupt abwärts immer mal wieder verlauten lassen, mehr noch die ignoranten Kommentare zum Islam, aber auch zur deutschen Geschichte zeigen, dass offenbar der Geschichtsunterricht der meisten allgemeinbildenden deutschen Schulen wesentliche Teile der deutschen und europäischen Geschichte nicht vermittelt. Nicht nur in der DDR war der Blick auf die Geschichte selektiv, in der BRD ist er es auch. Das gilt besonders für die Aufklärung. Wer dem Islam die Aufklärung abspricht, behandelt die Muslime wie einst die Juden, denen selbst nach Wechsel zu Christen Unvernunft unterstellt wurde. Ein kürzlicher Brief an CDU-Mann Kauder zeigt diese Gemeinsamkeit auf:
    http://islam.de/20448

  2. gauck hat eine andere meinung als wulff und merkel. es ändert aber nichts an der realität, und die sieht so aus, dass es hier in deutschland 5 millionen moslems gibt und tausende von moscheen. nun darf jeder selber darüber eintscheiden, ob der islam ein bestandteil unserer gesellschaft ist oder nicht.

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    ihr kommentar in ehren, aber er hat nichts mit dem inhalt des artikels zu tun. gauck ist sicher der letzte, der die rolle des islam in deutschland verkennen würde.

    Bundespräsident Gauch rückt von Wulffs Position insofern
    ab, dass er Deutschland den Islam nicht aufzwingt. Er
    nimmt das Wort Islam nicht in den Mund. Sondern nennt
    die Sache anders und korrigiert Wulffs Satz „Ich hätte
    einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland." „solange sie unsere Grundregeln nicht negieren.“ Somit bevormundet der Bundespräsident Gauck
    mit seiner Aussage weder Sie noch den Volkswillen.

  3. ...Präsident der Herzen.

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    • walex
    • 31. Mai 2012 17:28 Uhr

    ...nichts über ihn ans Licht kommt und er wieder von allen kritisiert und abgesetzt wird.
    Wenn jemand was gegen ihn hat, sind wir ihn schnell wieder los.

  4. Ich finde es gut, dass jemand Israel seine offene Meinung sagen kann!..Wir wissen doch alle, dass wenn jemand negatives zu Israel sagt, sofort durch die Medien zunichte gemacht wird.. Dem muss SChluss sein!..Ich bin bei Gauck!

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    das Leute, die sich im Ton vergreifen, abgestraft werden. Wir wissen alle, dass viele "Israelkritiker" in erster Linie mit ihren Äusserungen den Holocaust und die Nazizeit verharmlosen, indem sie, ohne nachzudenken, Dinge miteinander vergleichen, die nicht zu vergleichen sind. Möllemann ist ein Paradebeispiel dafür, wie man es NICHT machen sollte. Wir wissen alle, dass JEDER in Deutschland JEDERZEIT und zu JEDEM THEMA Israel und die Juden kritisieren darf. Dies war nie anders und so wird es auch immer sein. Wir wissen alle, dass Israel und die Juden weltweit eine dünne Haut haben, wenn die Sprache auf Deutschland kommt. Ist das so schlimm? Ist das völlig unverständlich? Aber dies bedeutet nur eines: besonders bei Kritik an Israel merkt man, wie man sich untereinander kritisieren sollte, welche Spielregeln zu gelten haben: Respektvoll, mit Hintergrundwissen, sachlich und konstruktiv. Wer LÜGT oder nur dümmliche Vergleiche vom Stapel lässt, macht genau das Gegenteil davon und wird entsprechende Reaktion erhalten. Ich bin der Meinung, dass die Siedlungen illegal sind. Allerdings bringt die Räumung keimem Palästinenser etwas. Ich halte Nethanjahu für einen geistigen Brandstifter. Er hat seinen Charakter mE 1994/1995 bewiesen. Unter seiner Führung wird es keinen Frieden geben. Wer will mich auf grund dessen einen Antisemiten nennen? Da waren wohl alle Teilnehmer der Demos um den 4. November herum Antisemiten? Herr Gauck macht sehr gut deutlich, warum es im Grunde geht.

  5. Ich sehe hier keine wirkliche Differenz zur Staatsräson.

    Es ist auch durchaus okay, dass Gauck Mitgefühl mit Herrn Wulf hat, aber etwas zur Aufklärung des Volkes darüber, warum z.B. die Bildzeitung Herrn Wulf so einfach fallen liess, hat er auch nicht beizutragen.

    Na gut, er repräsentiert und das ist okay und er versucht an dieser Stelle, besonders in Bezug auf die Israel-Politik sowie der deutschen Vergangenheit eine Versöhnung der Bürgermeinungen mit der Politik herzustellen. Diese Versöhnungsidee mag ihm hier gelungen sein. Dennoch kommt mit das eher wie ein Schlafmittel als wie eine wirklich unterschiedliche Meinung vor.

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    Das der Islam zu Deutschland gehöre, ist zum Glück keine "Staatsräson".

    • Domig
    • 31. Mai 2012 14:30 Uhr

    Wir brauchen keine Kopie von Angela Merkel. Der neue BP Gauck gefällt mir sehr gut er nennt die Dinge beim Namen. Das gibt der Politik eine Neue Sichtweise. Herr BP machen Sie so weiter.

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  6. Ich halte die angebliche oppositionelle Meinung von Gauck hier in diesem Fall für völlig überzeichnet und übertrieben. Was hat er denn jetzt gesagt? Dass wir nicht zulassen dürfen, dass der des Holocaust in eine quasi-religiöse Dimension abrutscht? Dass die deutsche Staatsräson keine Unterstützung Israels in jedem erdenklichen Fall bedeutet?

    Schön! Das ist mehrheitsfähig und würde so sicher von 90% der Deutschen unterschrieben werden.

    Aber es ist etwas anderes blumige Worthülsen abzusondern, die von der Presse hochlobend flächendeckend verbreitet werden - als wirklich etwas zu sagen das Substanz hat.

    Hätte Gauck Herr Netanjahu mit solch blumigen Worten dazu gebracht den nächsten Apartmentblock nicht auf völkerrechtlich enteignetem Land zu bauen, dann wäre das etwas wirklich Großes. Dann hätte er "politische Akzente" gesetzt.

    Stattdessen macht er das was alle deutschen Politiker machen: Vor dem eigenen Volk klare Kante und Stärke zeigen und bei Gesprächen mit Figuren wie Netanjahu kleinlaut rumdrucksen.

    Was hat er erreicht in Israel, ausser 50 Leitartikel zu produzieren, sein Image aufzupolieren und mit der teuren Reise den Steuerzahler zu belasten? Was?

    13 Leserempfehlungen
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    Was hätten Sie sich denn gewünscht - für realisierbar gehalten?

    Ich habe ja ein Beispiel genannt. Hätte er die Regierung Israels dazu gebracht den Siedlungsbau erstmal zu stoppen, dann wäre das etwas wirklich Großes gewesen. Aber nichtmal Obama schafft es die Regierung Netanhaju davon abzuhalten...wie soll das Gauck dann schaffen?

    davon spricht und damit sagt, dass es tatsächlich eine Tendenz (Praxis) gibt, welcher er nicht folgen will: nämlich "der Wandlung der Rezeption des Holocaust in eine quasi-religiöse Dimension, in etwas Überwirkliches."
    ist schon eine enorme Aussage.
    Aus anderem Munde getätigt, würde bereits nur eine derartige These einen Sturm der Verurteilung als antisemitisch und antiisraelisch heraufbeschwören.

    Warten wir mal auf Broder...

    apropos Steuerzahler belasten

    Herr Wulff kassiert eine fürstlichen *Ehrensold* für.......nichts?

    Dagegen sind die Reisekosten von Gerrn Gauck doch wohl *peanuts*

  7. "Alles, was wir tun wollen, soll geleitet sein von dem Ziel, dass Israel als Heimstatt der Juden beschützt sein soll."

    Ist Israel ein Gottes-Staat, wie Iran?

    Was ist mit Christen und Moslems in Israel, haben die dort auch eine Heimstatt? Schließlich wurzeln alle drei Religionen dort.

    Und umgekehrt - haben Juden in Deutschland keine Heimstatt?

    Wir hätten lieber keinen Pfarrer als Präsidenten haben sollen...

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    Der Iran mag ja ein Gottesstaat sein jedoch haben Iranische Juden mehr Freiheit und Rechte als Moslemische Israelis.

    Dass Israel eine Heimat für Juden ist und sein soll, hat nichts mit Gottesstaaterei zu tun.
    Israel wurde gegründet, um dem jüdischen Volk nach Vernichtung und Vertreibung einen Zufluchtsort zu geben.
    Und es waren die Deutschen, die den Genozid am jüdischen Volk begangen haben und deshalb haben auch die Deutschen eine besondere Verantwortung gegenüber dem jüdischen Staat Israel- basta!

    Was Gauck sagt, ist eine Selbstverständlichkeit.

    In Deutschland aber macht sich eine Stimmung breit, jede positive Aussage zu Israel als unverhältnismäßige Bevorzugung oder Schonung aufzufassen.
    Das geschichtliche Bewusstsein geht offentsichtlich verloren.

    Ja und Nein. Ja, weil es sich als Staat der Juden definiert, nein, weil durch die Tradition der europäischen Juden immer noch die Säkularität nachwirkt.

    Aber: Der Staat Israel ist ohne den Judenhass in Europa, der Judenverfolgung insbesondere durch Deutschland und der Kolonialpolitik des Vereinigten Köinigreichs nicht zu betrachten. Alle Probleme des nahen Osten haben ihre Wurzeln in den Fehlern angelsächsischer und deutscher Politik in der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts.

    Meiner Ansicht würde die Lösung nicht in einer Zwei-Staaten-Lösung liegen, sondern eher in einer föderalen Republik Palästina, die nach israelischen Recht und Regeln aufgebaut wird, und in dem die Ausübung des jüdischen Glaubens einen besondern nicht abänderbaren Schutz unterstellt wird.

    Jerusalem wurde aber von Juden gegründet, und war eine Wirkstätte Jesus. Jerusalem hat aber keine Rolle bei der Entstehung des Islams gespielt, doch die Stadt wurde von Moslems erobert, und um einen Bezug zwischen dem Islam und Jerusalem herzustellen, hat man sich von moslemischer Seite nach der Eroberung ausgedacht, Mohammed sei von dort "in den Himmel gefahren".

    Das ist alles.

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  • Quelle DIE ZEIT
  • Schlagworte Angela Merkel | Christian Wulff | Joachim Gauck | Bundespräsident | Norbert Röttgen | Entlassung
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