Christian LindnerDer kleine Westerwelle

Er gilt als der Superstar der FDP. Jung, keck – und ganz anders als die übrigen Liberalen. Aber stimmt das wirklich? Von Michael Schlieben, Dülmen

Das soll der Heiland der FDP sein? Christian Lindner gilt derzeit als Wunderwaffe seiner Partei. Seit der 33-Jährige die Spitzenkandidatur der nordrhein-westfälischen Liberalen übernommen hat, ist die FDP in den Umfragen von zwei auf sechs Prozent geklettert. Lindners Wahlkampfauftritte locken stets ein großes Publikum an. Parteifreunde aus der ganzen Republik suchen demonstrativ seine Nähe. Nur: Ein besonders mitreißender Wahlkämpfer ist er eben nicht.

Die FDP hat zu einer Wahlkampfparty in die münsterländische Provinz geladen. In einem kleinen Festsaal zwischen Pferdekoppeln und Pusteblumen werben drei prominente Liberale fünf Tage vor der Landtagswahl um Stimmen. Lindner ist der schwächste von ihnen.

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Natürlich applaudieren die liberalen Honoratioren im Publikum auch ihm höflich. Aber so richtig springt der Funken nicht über. Lindner eröffnet seine Rede mit einer Analyse der großpolitischen Wetterlage: die Griechen, die Franzosen, der Fiskalpakt. Das ganze ist durchaus geistreich, gespickt mit hübschen Formulierungen – aber auch ziemlich hastig vorgetragen. Die Zuhörer müssen sich konzentrieren, um alles mitzukommen. Linder macht keine Gags und schmeichelt niemandem. Sein Thema ist der "Staat, der uns im Alltag in Ruhe lässt". Die spezifischen Probleme des Münsterlandes erwähnt er mit keiner Silbe.

Daniel Bahr ist lockerer

Wie man es anders machen kann, einnehmender und näher dran am Bürger, das zeigt Daniel Bahr. Der ebenfalls junge Bundesgesundheitsminister spricht nach Lindner, bei ihm ist die Klatsch- und Lachdichte bestimmt dreimal so hoch. Der Minister stammt aus Münster, hat also ein Heimspiel. Aber er weiß sich auch gut zu präsentieren: Wie ein Conférencier schnappt Bahr sich das Mikrofon und stolziert über die Bühne, während Lindner sich am Stehpult festgeklammert hat. Bahr erzählt Anekdoten, macht Kunstpausen und schaut beifallsheischend ins Publikum. Auch Guido Westerwelle bringt es im Anschluss mit seinen Stakkato-Sätzen spielend auf einen lauteren, rhythmischeren Applaus als Lindner.

Der "Lindner-Effekt" bleibt

Trotzdem gibt es ihn, den "Lindner-Effekt", wie er in der FDP gern genannt wird. Die Medien berichten ausführlich und überaus wohlwollend. Die Facebook-Seite des Kandidaten besuchen viele, oftmals junge Menschen, auf die die FDP lange Zeit vergeblich gehofft hat. Auch die alten Liberalen sind entzückt: "Kraft seiner Persönlichkeit" habe Lindner "die politische Landschaft verändert", schreiben die Herren Hans-Dietrich Genscher, Klaus Kinkel und Gerhart Baum in einem Wahlaufruf.

Angesichts dieses guten Rufes ist es wenig verwunderlich, dass sich viele Liberale sein Comeback auch in der Bundespolitik wünschen. Wolfgang Kubicki brachte ihn unlängst als künftigen Parteichef ins Gespräch. Auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe im April wurde Lindner, ständig von Kameras umringt, von den Delegierten mit stehenden Ovationen gefeiert.

Sehr zum Leidwesen von Parteichef Philipp Rösler. Seit Lindners Rücktritt als Generalsekretär gehen sich die beiden, wenn möglich, aus dem Weg. Auf einem der wenigen gemeinsamen Auftritte im NRW-Wahlkampf in Bonn vermieden sie angestrengt jeglichen Blickkontakt. Auch auf dem Parteitag in Karlsruhe belauerten sie sich vornehmlich aus gesicherter Distanz.

Leser-Kommentare
  1. mir ist leider unklar, insbesondere bei den Kommentaren, die den Artikel als eine Art Wahlwerbung für die FDP ansehen, warum in diesen der Artikel so verstanden wird und Herrn Lindner und seiner NRW-FDP eine solche Bedeutung beigemessen wird. Diese Partei kämpft ums Überleben. Das ist ein mäßig interessantes Thema für die Presse. Bis auf Weiteres, dürfte diese Partei doch wohl passé sein, auch wenn sie in NRW nocheinmal, bei niedriger Wahlbeteiligung, 6 Prozent erringt. Die Landtagswahlkämpfer probieren es zur Zeit mit einem "Rama-Margarine"-Werbewettbewerb. Ich habe Verständnis dafür, hoffe allerdings, dass der Erfolg sich in engen Grenzen hält. Ein paar Oppositionssitze in den Landesparlamenten und vielleicht später auch im Bundestag seien ihnen gegönnt, unter Berücksichtigung der historischen Verdienste der FDP in den vergangenen 3-4 Jahrzehnten für Deutschland. Damit sollte es dann aber auch für die Zukunft sein Bewenden haben

  2. nicht online wären - muss das heißen...

    :(

    Antwort auf "Der Kecke...?!?"
  3. hier der entsprechende Abschnitt.

    "Eine Bedürftigkeitsprüfung gewährleistet, dass nur diejenigen unterstützt werden, die nicht oder nur teilweise in der Lage sind, das Existenzminimum aus eigener Kraft zu erwirtschaften. Auf diese Weise sichert das Bürgergeld Chancen, wo Hilfe nötig ist und stärkt zugleich die Eigenverantwortung, wo ein eigener Beitrag für sich oder für die Gesellschaft gewährleistet werden kann. Von einem Bürgergeldempfänger, der gesund ist und keine eigenen Angehörigen zu versorgen hat, ist grundsätzlich zu erwarten, dass er zu einer Gegenleistung an die Gemeinschaft bereit ist oder eine ihm angebotene Arbeit annimmt. Andernfalls wird sein Bürgergeld merklich verringert."

    Zumindest in dieser Hinsicht ändert sich also nichts. Nachzulesen in "Liberales Bürgergeld kontra Bedingungsloses Grundeinkommen" der Friedrich Naumann Stiftung. Der Titel sagt es schon: Das Bürgergeld ist etwas anderes als das bedingungslos Grundeinkommen.

    6 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "@34..."
  4. wird hier offenkundig Lobbyismus betrieben - offenbar ist die Verpflichtung gegenüber dem Neoliberalismus stärker -, verbunden und mit der wiederkehrenden Verabschiedung einer ernstzunehmenden Journalistik, um augenscheinlich Aufgaben einer Agentur für Öffentlichkeitsarbeit zu übernehmen.

    Die FDP wird herbeigeredet. Es ist offensichtlich: Argumente fehlen, sie sollen durch Worte ersetzt werden, die nichts sagen. Weder hastiges Vortragen, noch adrette Verpackung können darüber hinwegtäuschen, dass Inhalte fehlen - zutreffend auf die FDP und diesem Artikel.

    Herr Lindner ist weder keck, noch anders als viele FDP-Protagonisten.

    In allen Ämtern und Funktionen ist er gescheitert, sie waren stets von kurzer Dauer: als Unternehmer (zulasten des Allgemeinheit), als Unternehmer (zulasten des Allgemeinheit), als Generalsekretär der FDP etc.(siehe auch Beitrag Nr. 4 “vvmetro“ - 09.05.2012 um 19:16 Uhr).

    9 Leser-Empfehlungen
    • Eva S.
    • 09.05.2012 um 22:51 Uhr

    Lindner ist schlicht zu jung. Ein gewisses Mass an (Lebens-)Erfahrung braucht ein Politiker wohl dann doch, um komplexe Situationen zu erfassen. Na ja, wenn ich's mir recht überlege, was da an gestandenen Mannen und Frauen so daher tönt, könnte man schon verzweifeln. Wie auch immer: Lindner ist auch nur ein Töner. Ich wünschte mir mehr BürgerInnen-Nähe und Visionen gepaart mit Pragmatismus um diese gann auch umzusetzen. Die ewig gleiche populistische Leier ist doch zum Abwinken.

    2 Leser-Empfehlungen
  5. Der Lindner-Effekt besteht aus 2 Komponenten:
    1. das Schwiegersohn-Kandidaten-Gesicht und -Auftreten, an seiner statt könnte auch Markus Lanz oder Günther Jauch auftreten.
    2. Die Gunst der Journalisten, gerade auch anspruchsvollerer Zeitungen wie der Zeit.

    Herr Lindner hat eine Internetfirma vor die Wand gefahren, allerdings nicht "eigenverantwortlich", sondern sehr gut staatlich subventioniert und dann Politik gemacht. Ein Zweizeiler als Lebenslauf, ein Mann fast ohne Eigenschaften.
    Seine Positionen sind die klassischen FDP-Positionen ("Wenn Jeder an sich denkt, ist an Alle gedacht"), nur netter formuliert als bei Westerwelle.
    Dass die Presse jemanden im alten "Malocher-Land" NRW so hochschreiben kann, ist schon erstaunlich!

    Weil dies so gerne unerwähnt bleibt, neben CDU, SPD und Lindner gibt es noch weitere Parteien, die in NRW kandidieren: z.B.
    Bündnis 90/Die Grünen
    Die Linke
    Die Piratenpartei
    nur so als Erinnerung...

    7 Leser-Empfehlungen
  6. Brüderle war immer eine Lachnummer innerhalb der FDP gewesen. Jetzt ist er klar die Nr. 1. Vielleicht ist Lindner tatsächlich so gut, wie ihn die Presse schreibt. Was ist aber mit den "Erwachsenen" in der FDP? Gibt es die noch, oder sind die alle abgetaucht oder weggemobbt worden? Ich meine die Generation Guido-plus.

  7. Herr Lindner betreibt billigen Populismus und verschleiertes Festhalten an der betrügerischen Klientelpolitik der FDP ! Herr Lindner ist das Paradebeispiel eines Karrieristen und Populisten. Als "Unternehmer" versagt (also an den realen Bedingungen des marktradikalen Kapitalismus jämmerlich gescheitert, den er als System aber absurderweise dennoch verteidigt) erleben wir nunmehr seine Flucht in die Politik. Dort kann er sich ja so schön wortreich verstecken und nichts hat persönliche Konsequenzen. Außerdem hat er dort auch noch die Chance in korrupte Netzwerke aufzusteigen. Leider ist Herrn Lindner nur der "jüngere" Fall ähnlicher "Charaktermasken" (z.B. Schröder, Fischer, Clemens), welche die Bundesrepublik (Europa?) in den ruinösen Zustand "runterregiert" haben, in dem sie heute ist. Hoffentlich realisieren die Bürger den dreisten Betrugsversuch der FDP-Roßtäuscher !

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