Süddeutsche Zeitung : Mehr Offenheit statt bedingungsloser Unterstützung

"Es ist die Politik der Besatzung, des Siedlungsbaus, der alltäglichen Unterdrückung der Palästinenser, die Israels Bild in der Welt und auch in Deutschland negativ prägt. (...) Diese Kritik aber gilt nicht pauschal dem Staat, sondern vornehmlich der derzeitigen Regierung unter Premier Benjamin Netanjahu . Diese Unterscheidung ist wichtig, aber sie kommt kaum zur Geltung – jedenfalls nicht in Jerusalem und nicht in Berlin . Israels Regierung hat sich gegen Kritik immunisiert, indem sie alle Vorhaltungen als antiisraelisch oder gar anti-semitisch zurückweist.

Selbst wenn das oft als durchsichtiges Manöver zu erkennen ist, zeitigt es in der deutschen Politik immer wieder das gewünschte Ergebnis. (...) Für das in Jahrzehnten gefestigte, aber natürlich niemals "normale" deutsch-israelische Verhältnis wäre es besser, wenn mehr Offenheit herrschen würde. Solidarität mit Israel bedeutet nicht, jede israelische Regierung bedingungslos zu unterstützen. Bundespräsident Gauck könnte dem deutsch-israelischen Verhältnis also am besten dienen, wenn er in Jerusalem nicht nur als stiller Freund, sondern auch als freundschaftlicher Mahner auftritt."

Leipziger Volkszeitung: Mehr als Freiheit und Solidarität

"60 Prozent der Deutschen meinen, ihr Land habe gegenüber Israel keine besonderen Verpflichtungen mehr. Weder Sonntagsreden noch opulente Appelle rufen flächendeckend Sympathie und Solidarität hervor. Das ist wirklich beunruhigend. Das "Nie wieder" bleibt Auftrag. Bundespräsident Joachim Gauck hat die Werte der Freiheit, die historische Verantwortung und die immerwährende Pflicht zur besonderen Solidarität beschworen. Dabei darf es aber auch ein Bundespräsident nicht belassen. Der Besuchsauftakt in der Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust Yad Vashem war notwendig und beeindruckend. Der Besuchsabschluss in den Palästinensischen Gebieten ist nicht minder wichtig. Verantwortung gegenüber Israel schließt die Interessensvertretung der Palästinenser ausdrücklich mit ein."

Donaukurier: Nicht genug gesagt

"Wenn man jüngsten Umfragen trauen darf, deckt sich die offizielle deutsche Israelpolitik immer weniger mit der Haltung der Bürger in der Bundesrepublik. Eine wachsende Mehrheit hält die israelische Politik demnach für aggressiv und rücksichtslos. Und das mit guten Gründen. Die Unterdrückung der Palästinenser, die Siedlungspolitik, die Ignoranz der Regierung Netanjahu gegenüber jeder ernsthaften Friedensperspektive für die Region – das lässt sich nicht einfach verschweigen oder verschämt andeuten. Gauck hat deshalb zwar das Richtige gesagt, aber eben nicht genug. Zur besonderen Verantwortung Deutschlands für Israel gehört auch, dort, wo es notwendig ist, offene Kritik zu üben. "

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Kriegsängste geweckt

"Zur immer wieder zitierten "Macht des Wortes", über die der Bundespräsident verfügt, so er denn ein guter Rhetor ist, kommt ein anderer politisch wirksamer Faktor, der unabhängig von der Person ist: die Bedeutung der Präsenz. (...) Wenn er nun als Ziel seines ersten Staatsbesuchs Israel gewählt hat, zeigt dies, dass er auch die Bedeutung seiner Präsenz richtig einschätzt. Denn Israel steht in der Kritik. Seine Politik gegenüber den Palästinensern wird international als starr und ungerecht empfunden. Die wiederkehrende Drohung, das Land sehe eine atomare Aufrüstung Irans als lebensbedrohlich an und werde sie nicht tatenlos hinnehmen, hat allenthalben Kriegsängste geweckt – bis hin zu einem verstiegenen Gedicht. In dieser Lage ist es wichtig, Israel der unverbrüchlichen Solidarität Deutschlands zu versichern (...)."

Hamburger Abendblatt: Keine Gleichgewichtigkeit mit den Palästinensern

"Der Auftakt der Gauck-Visite darf vielmehr als glänzend gelungen bewertet werden; auch in Israel erkennt man offenbar, dass dieser Mann meint, was er sagt. Man kann allerdings darüber streiten, ob der erste Israel-Besuch des neuen deutschen Staatsoberhauptes gleich auch noch den Palästinensergebieten gelten musste. Für die Menschen dort ist das fraglos eine wichtige Geste. Gauck sollte in Jerusalem aber sehr deutlich machen, dass damit für Deutschland keine politische Gleichgewichtigkeit zwischen Jerusalem und Ramallah hergestellt wird."