Marina Weisband"Das war sexistische Kackscheiße, mein Lieber"

Marina Weisband ist die bekannteste Piratin der Republik. Im Interview spricht die 24-Jährige über Panikattacken, den Medien-Hype und Chauvinismus in ihrer Partei.

ZEIT ONLINE: Frau Weisband, Sie sind so etwas wie der Star der Piraten, präsent in den Medien und überall bekannt an der Basis. Verträgt sich Startum eigentlich mit den Idealen einer basisdemokratischen Partei?

Weisband: Nein, das verträgt sich nicht. Und ich bin auch kein Star der Piraten. Ich bin eine von den Medien gehypte Person. Innerhalb der Piraten existiert kein Machtgefälle. Es gibt keine Vergötterung, ich werde ganz normal gegrüßt und geknuddelt. Natürlich kennt mich hier jeder und ich habe einen gewissen Einfluss, auch weil ich viel in der Öffentlichkeit bin. Aber ich habe keine Macht.

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ZEIT ONLINE: Trotzdem nehmen Sie eine Sonderrolle ein. Viele Piraten loben Sie für Ihre Präsenz im vergangenen Jahr, andere sind neidisch auf Ihre Popularität.

Weisband: Respekt wird meistens mit Gegenrespekt erwidert: Ich hatte sehr viel Respekt vor meiner Aufgabe. Am Anfang hatte ich sogar Panikanfälle. Ich habe die Partei um Hilfe gebeten und jede Kritik ernst genommen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich überfordert gefühlt? Ist Spitzenpolitik vielleicht doch eher etwas für gestandene 50-Jährige als für Studenten?

Weisband: Ich habe vor einem Jahr spontan kandidiert. Und die drei Tage danach nicht geschlafen. Ich habe immer wieder geweint und Panikattacken gehabt. Ich übertreibe nicht! Ich habe die ersten Wochen eigentlich immer nur überlegt: Wie kann ich wieder zurücktreten?

ZEIT ONLINE: Was war so schlimm?

Marina Weisband

Marina Weisband ist die wohl bekannteste Politikerin der Piratenpartei. Sie war seit 2011 Politische Geschäftsführerin der Partei und vertrat sie seither häufig in der Öffentlichkeit. Nun aber nimmt sich die 24-Jährige eine Auszeit, auf eigenen Wunsch. Sie will ihr Psychologie-Studium abschließen und mit etwas Abstand über ihre Zukunft nachdenken. Deshalb verzichtete sie auf eine erneute Kandidatur für den Bundesvorstand der Piraten.

Weisband: Der Druck, den ich mir selbst gemacht habe. Ich wurde von Anfang an als Hoffnungsträgerin gesehen – nach einer einzigen drei-minütigen, improvisierten Bewerbungsrede auf dem Parteitag. Ich habe immer nur geglaubt: Hallo, ich bin kein Hoffnungsträger, sondern eine 24-jährige Studentin. Ich kann das nicht so gut. Ich werde Fehler machen. Erst so nach etwa drei Monaten hatte ich das Gefühl: Ja! Ich bin richtig hier. Ich kann das Amt!

ZEIT ONLINE: Was war auf einmal anders?

Weisband: Ich hatte mich eingearbeitet. Und ich habe gesehen, dass das, was ich mache, gut ist. Dann kam irgendwann die Berlin-Wahl. Unser erster großer Erfolg. So kam ich plötzlich in die Medien. Das war wieder eine Herausforderung, diesmal zwar ohne Panik. Aber ich glaube schon, dass ich zuletzt am oberen Ende meiner Kompetenz angelangt war: Seit unseren Landtagseinzügen sitze ich mit Menschen in Talkshows, die in ihre Partei eingetreten sind, bevor ich geboren wurde. Die können aus ihrem ganzen Wissen schöpfen, das sie sich in ihren 20, 30 Jahren als Politiker angeeignet haben. Und ich habe versucht, mit meinem ein Jahr alten Wissen dagegen zu halten.

ZEIT ONLINE: Hat der Job Ihnen zu viel abverlangt? Die BILD titelte kürzlich von ihrem Schwächeanfall vor einem Talkshow-Auftritt.

Weisband: Sie meinen, weil ich umgekippt bin? Das ist ganz normal. Das passiert mir seit der Schule ständig. Das ist kein Anzeichen von Überforderung. Natürlich bin ich erschöpft und ausgezehrt. Das liegt aber daran, dass ich die ganze Explosion, die die Piraten in einem Jahr erlebt haben – von zwei auf zwölf Prozent – mitgetragen habe. Unsere Strukturen waren auf diese neue Parteigröße noch nicht ausgelegt. Inzwischen haben wir den Vorstand vergrößert. Ich habe gelernt: Der ideale Vorstand behält den Überblick und delegiert. Ich habe anfangs zu viel selbst gemacht.

Leserkommentare
  1. 49. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen. Danke, die Redaktion/ls

    • PigDog
    • 04.05.2012 um 13:59 Uhr

    "dieser Art" mit Kusshand in der Politik begrüßen!

    ---

    Gutes Interview, Frau Weisband! Danke dafür.

    ---

    Danke auch an die "Journaille"...
    [...]

    ... daß sie mit der Wahl der Überschrift die Aussage von Frau Weisband so eindeutig bestätigt - Der Hype ist notwendig, Clickzahlen, da muss eine reißerische Überschrift schon sein!

    Etwas mehr Seriosität täte auch der ZEIT von Zeit zu Zeit gut!

    Gekürzt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    Antwort auf "Es gibt zu ..."
    • PigDog
    • 04.05.2012 um 14:05 Uhr

    "Möchten wir von einer Partei regiert werden, die zu vielen Schwerpunktthemen keine Meinung hat, bzw. diese erst demokratisch finden muss?"

    oder möchten wir lieber von Parteien regiert werden, die sich die "Meinung" von Lobbys verkaufen lassen???

    Befremdlich finde ich eher, daß Sie sich darüber wundern, daß in einer Demokratie ein Partei Ihre Meinung demokratisch bildet bzw. findet...

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    Ich erwarte von einer Partei, dass sie meine Fragen beantworten kann, mir gegebenenfalls eine Erklärung bietet. Man delegiert von Volkes Seite aus die Aufgabe an die Regierung, weil man eben vieles nicht weiss, oder schlecht einschätzen kann. Bei den Piraten sitzen viele, an die ich nicht delegieren muss, weil deren Meinung und Wissen genauso fundiert ist wie mein eigenes.
    Mal eine ernste Frage. Haben die Piraten Antworten auf wichtige Fragen der Zeit? Ja, wenn es um Ideale und das Internet geht, vielleicht auch bei der Freiheit (für mich der Gegenentwurf zu Schäuble), aber zur Politik gehört mehr und irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass sich das Bild breitmacht, eigentlich brauchen wir keine Politiker, wir können das selbst besser und wissen was wir wollen und das wirkt zum Teil doch anmaßend. Politik ist kein Hobby, kein gutdotierter Nebenjob. Es gibt und gab viele schwarze Schafe, aber man sollte dennoch nicht so gänzlich den Respekt verlieren vor Politikern und der Politik an sich und das schreibe ich als Person, die viele politische Entwicklungen ausgesprochen kritisch betrachtet.

    Ich erwarte von einer Partei, dass sie meine Fragen beantworten kann, mir gegebenenfalls eine Erklärung bietet. Man delegiert von Volkes Seite aus die Aufgabe an die Regierung, weil man eben vieles nicht weiss, oder schlecht einschätzen kann. Bei den Piraten sitzen viele, an die ich nicht delegieren muss, weil deren Meinung und Wissen genauso fundiert ist wie mein eigenes.
    Mal eine ernste Frage. Haben die Piraten Antworten auf wichtige Fragen der Zeit? Ja, wenn es um Ideale und das Internet geht, vielleicht auch bei der Freiheit (für mich der Gegenentwurf zu Schäuble), aber zur Politik gehört mehr und irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass sich das Bild breitmacht, eigentlich brauchen wir keine Politiker, wir können das selbst besser und wissen was wir wollen und das wirkt zum Teil doch anmaßend. Politik ist kein Hobby, kein gutdotierter Nebenjob. Es gibt und gab viele schwarze Schafe, aber man sollte dennoch nicht so gänzlich den Respekt verlieren vor Politikern und der Politik an sich und das schreibe ich als Person, die viele politische Entwicklungen ausgesprochen kritisch betrachtet.

    • JayB
    • 04.05.2012 um 14:06 Uhr
    52. Fehler

    Fehler: das GG verlangt nicht, dass das Volk Deutschland eine neue Verfassung gibt. Es sagt lediglich, dass das GG seine Gültigkeit verliert, wenn eine neue Verfassung beschlossen wird, und das muss per Volksentscheid ablaufen. Das heißt aber nicht, dass man rückwirkend dem GG die Legitimation als vollwertige Konstitution absprechen kann, nur weil es in diesem Fall keine Volksabstimmung gab. Warum? Zum einen existiert das GG als Verfassung bereits, also braucht es auch keine Volksabstimmung mehr. Zum anderen ist mit der Wiedervereinigung das Legitimierungsproblem (falls es jemals existierte!) aus der Welt – Beitritt der ehemaligen DDR, Ausweitung des GG-Geltungsbereiches auf ganz Deutschland –, und das lief nunmal ohne Volksabstimmung ab. Auch die Verfassungskommission (aus legitimierten Volksvertretern) hat ein paar Jahre später keine Probleme gesehen. Sicher, man hätte das GG nach 1990 "Verfassung" nennen können, hat es aber nicht getan. Das bedeutet aber nicht, dass das GG nicht unsere Verfassung ist. LOL. Aber bitte, du bist souveräner Bürger dieses Staates und darfst gerne einen Verein zur Einführung einer neuen Verfassung gründen, Lobby-Arbeit machen usw.

    Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

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    Antwort auf "Re: Doch, natürlich"
  2. Ja, Frau Weisband ist eine sympathische und charismatische Person. Aber das, was sie mit ihrem kaugummiartigen Rücktritt als Geschäftsführerin der Piraten macht, ist total unprofessionell. Man gewinnt von außen den Eindruck, als wäre sie ein "gelber" Maulwurf. Es gibt an den Piraten einiges zu kritisieren. Diese Truppe ist noch eine junge Partei. Unbeholfen, ja etwas naiv, aber trotzdem recht professionell für diese kurze Zeit des Medienhyps.

    Sie wolle sich aus der Politik mehr und mehr zurück ziehen, so ihr Argument für ihren Rücktritt. So ganz glaubhaft ist das mittlerweile auch nicht mehr. Ist das jetzt Marketing für ihr zu erwartendes Buch? Wenn sie nicht mehr so im Rampenlicht der Piraten stehen wollte, warum drängt sie sich dann so sehr rein?

    Wenn sie nur noch Basisarbeit leisten möchte, dann solle sie dies auch tun und nur noch über ihr Privatleben auskunft erteilen. Aber sich als "Pseudofraktionssprecherin" zu Wort melden, ist eher ein Zeichen des Unpfrofessionellen.

    2 Leserempfehlungen
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    • Eimmot
    • 04.05.2012 um 14:56 Uhr

    ist doch irgendwie das Markenzeichen der Piraten. Im positiven Sinn, dass sie die politische Klasse etwas aufwirbeln. Leider aber auch im negative Sinne, wie es bei jungen Parteien nun einmal passiert. Ich kann mir gut vorstellen, dass Frau Weisbrand wegen ihrer Beliebtheit, Intelligenz, Telegenität und Medienkompetenz von Interviewanfragen nur so zugeschüttet wird. Da ist es natürlich schwierig zu sagen, ich bin nur einfaches Parteimitglied. Ich glaube, das kommt in dem Interview auch ganz gut rüber. Man sollte ihr keinen Strick daraus drehen. Der Umgang mit den traditionellen Medien und der Journalistenmeute fällt im Übrigen ja auch so manchem traditionellen Politiker schon nicht so einfach ... Da haben sich ja schon so einige ins eigene Knie geschossen.

    • Eimmot
    • 04.05.2012 um 14:56 Uhr

    ist doch irgendwie das Markenzeichen der Piraten. Im positiven Sinn, dass sie die politische Klasse etwas aufwirbeln. Leider aber auch im negative Sinne, wie es bei jungen Parteien nun einmal passiert. Ich kann mir gut vorstellen, dass Frau Weisbrand wegen ihrer Beliebtheit, Intelligenz, Telegenität und Medienkompetenz von Interviewanfragen nur so zugeschüttet wird. Da ist es natürlich schwierig zu sagen, ich bin nur einfaches Parteimitglied. Ich glaube, das kommt in dem Interview auch ganz gut rüber. Man sollte ihr keinen Strick daraus drehen. Der Umgang mit den traditionellen Medien und der Journalistenmeute fällt im Übrigen ja auch so manchem traditionellen Politiker schon nicht so einfach ... Da haben sich ja schon so einige ins eigene Knie geschossen.

    • PigDog
    • 04.05.2012 um 14:12 Uhr

    mal zum Schneider.
    Er kommt momentan ziemlich schäbig daher...

    ---

    Und übrigens noch sachlich falsch - wäre Sie Muslima, sie würde gerade deswegen noch viel mehr gehyped: als Beispiel für gelungene Integration.

    Antwort auf "[...]"
  3. "...das Gefühl, unter Freunden zu sein, die nicht alles todernst nehmen. Das ist wichtig. Andernfalls verbeißt man sich. Wirklich gut kann man nur arbeiten, wenn man ein bisschen Selbstironie hat."

    Das ist, jedenfalls für mich, der Satz, dessentwegen das Mädel (ätsch, ich sagte Mädel, ja!) bei mir gewonnen hat.

    Sonderbar. Wenn ich nichts überlesen habe, dann ist der Satz in keinem einzigen der teils jubelnden, teils skeptischen und leider teils auch gehässigen bislang 49 Kommentare auch nur erwähnt.

    Dabei ist das einer der genialsten Sätze, die ich aus politischem Mund gleich welcher Generation seit ich weiß nicht wann gehört habe.

    Ein Punkt in ihren Aussagen allerdings stört mich, es geht um die "feministische Kackscheiße".

    Es gibt rüpelhaften Chauvinismus, den sich nicht gefallen zu lassen keine Frau diesen "Feminismus" (den ich bewusst in Anführungszeichen setze) bemühen müsste. Wenn es bei den Piraten insoweit rüpelhaft zugehen sollte - na gut. Ich weiß das nicht.

    Aber wie Weisband das in obigem Interview herüberbringt, klingt das wie "Pass bei uns auf was du sagst!" Wer das im Ernst in meine Richtung meint, dem werde ich meine Kehrseite zudrehen.

    Sie persönlich hat mein Kompliment. In dem Tornado, in den sie geraten ist, hätte ich vermutlich bereits die Nerven verloren.

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    • sioux
    • 04.05.2012 um 14:40 Uhr

    "Aber wie Weisband das in obigem Interview herüberbringt, klingt das wie "Pass bei uns auf was du sagst!" Wer das im Ernst in meine Richtung meint, dem werde ich meine Kehrseite zudrehen."

    Sie sollten Ihr persönlich als Frau aber schon zugestehen, Aussagen als sexistisch zurückzuweisen, im Sinne von "Pass bei mir auf, was du sagst!". So interpretiere ich das eher. Meinungsfreiheit ist ja nicht spezifisch männlich.

    • sioux
    • 04.05.2012 um 14:40 Uhr

    "Aber wie Weisband das in obigem Interview herüberbringt, klingt das wie "Pass bei uns auf was du sagst!" Wer das im Ernst in meine Richtung meint, dem werde ich meine Kehrseite zudrehen."

    Sie sollten Ihr persönlich als Frau aber schon zugestehen, Aussagen als sexistisch zurückzuweisen, im Sinne von "Pass bei mir auf, was du sagst!". So interpretiere ich das eher. Meinungsfreiheit ist ja nicht spezifisch männlich.

    • th
    • 04.05.2012 um 14:16 Uhr

    sind aber mit Sicherheit noch viel zu unreif, um ihnen Mitentscheidungsbefugnis zu geben.

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