Kita-AusbauKinder brauchen keine Aufbewahrungsanstalt

So schnell wie möglich will die Regierung jetzt möglichst viele Kitaplätze schaffen. Die Leidtragenden könnten am Ende die Kinder sein, kommentiert Katharina Schuler. von 

Zwei Erzieherinnen  mit ihrer Krippen-Gruppe beim Mittagesssen

Zwei Erzieherinnen mit ihrer Krippen-Gruppe beim Mittagesssen  |  © Patrick Seeger/dpa

Der 1. August 2013 könnte für die Bundesregierung das Datum einer großen Blamage werden. Ab dann haben alle Kinder unter drei Jahren, deren Eltern berufstätig sind, einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Doch bislang sieht es nicht so aus, als könnten Eltern diesen überall einlösen. Daran ändert auch das heute von der Familienministerin vorgelegte Zehn-Punkte-Programm zum Kita-Ausbau nichts.

Kurz vor der Bundestagswahl müsste die Regierung dann einräumen, dass sie mit einem ihrer zentralen Projekte zumindest partiell gescheitert ist. Fast noch schlimmer wäre das allerdings für die Kommunen. Denn die müssen mit Schadensersatzforderungen rechnen , wenn sie Eltern den gewünschten Platz nicht anbieten können.

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Der Druck auf alle Akteure ist also gewaltig. Sie wollen den Mangel so weit wie möglich begrenzen – von einer Zielerfüllung redet außer Kristina Schröder keiner mehr. Der Ausbau solle aber natürlich nicht auf Kosten der Qualität gehen, versichert die Ministerin. Und doch ist zu befürchten, dass genau das passiert.

Mangel an Fachkräften

In erster Linie liegt das an dem gravierenden Erziehermangel, der für die Kitas bereits heute ein Problem ist. Schon derzeit kann eine Kita in vielen Regionen froh sein, wenn sie freie Stellen überhaupt wieder besetzen kann. Auf die spezielle Qualifikation einer Fachkraft, auf ihre Begabung im Umgang mit Kindern kann die Einrichtung dabei kaum noch Rücksicht nehmen. Gleichzeitig sinkt der Druck auf die Erzieher, sich von sich aus weiterzubilden oder Zusatzqualifikationen zu erwerben.

Diese Situation wird sich in den kommenden Jahren verschärfen, denn um den Rechtsanspruch zu erfüllen, werden weitere Zehntausende Fachkräfte gebraucht. Weil die Ausbildung von Erziehern jedoch mindestens drei Jahre dauert, lässt sich diese Lücke in nur einem Jahr nicht mehr schließen.

Die Bundesregierung will deshalb vor allem Tagesmütter und -väter anwerben, die lediglich einen Kursus von etwa sechs Wochen absolvieren müssen. Von denen, die schon heute in dieser Funktion arbeiten, haben 40 Prozent sogar gar keine Ausbildung. Auch wenn ein großer Teil dieser Pflegekräfte sicherlich trotzdem gute Arbeit macht: Allein die massive Werbung für diesen Beruf wird dazu führen, dass auch viele Menschen sich davon angesprochen fühlen, denen es eher um den Job als um die Kinder geht.

Zwar versichert die Ministerin, Bufdis (früher: Zivis) sollten keinesfalls die Aufgaben von Fachkräften übernehmen. Und doch weiß jeder, dass Praktikanten und andere Hilfskräfte sehr schnell in eine solche Rolle hineinwachsen, wo Not am ausgebildeten Personal ist.

Leserkommentare
  1. jedenfalls die Sicherheitsbedürfnisse nicht anzugreifen. Dass Kinder kein Zeitgefühl haben, ist klar. Dass dies aber ein Problem darstellt, ist nicht richtig.

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    sie begreifen in der Regel einfach nicht, warum sich ihre erste Bezugsperson, meistens die Mutter, von ihnen abwendet und geht. Viele quittieren das mit herzzerreißendem Heulen, manche sind dann, wenn sie diese Äußerung von Angst und Stress nicht mehr von sich geben können, oft aus Erschöpfung, resigniert. Manche lernen, dass es gar keinen Zweck hat, zu schreien und zu toben, und resignieren, und manche Eltern glauben dann, nun haben sie ein braves Krippenkind. Und manches Kind wird dann aggressiv, manche Eltern verwechseln das mit Durchsetzungsfähigkeit. Der Irrtümer gibt es viele, und selten geht es wirklich ums Wohlergehen des Kindes.

    Mit der Fähigkeit, Personen zu unterscheiden, hat das alles aber nun wirklich gar nichts zu tun. Hier gibt es lediglich eine bedenkenswerte Zahl, und die ist 4. Das ist die Zahl der ohne Schaden durchschnittlich akzeptierten Bezugspersonen durch das Kleinkind, und natürlich kann das Kind dann diese Personen von anderen Personen unterscheiden. Wenn die Großeltern in die Betreuung einbezogen sind, vorausgestzt, beide Eltern sind Bezugspersonen, eigentlich heute eine Selbstverständlichkeit, bleibt da keine weitere Bezugsperson übrig. Das Kind wäre also in der Krippe ständig überfordert und würde mit ungesundem, ständig überhöhtem Stress reagieren. Die Cortisoltagesprofile gleichen dann denen, die bei Kindesmisshandlungen auftreten, und das Kind empfindet das auch so.

    • E.Wald
    • 30. Mai 2012 20:49 Uhr

    Dass es heute zu wenig qualifiziertes Personal gibt, ist ein Versagen der Politik, denn das Versprechen, ausreichend Plätze zu schaffen, existiert ja schon einige Jahre (leider weiß ich nicht genau seit wann). Nachdem jahrelang keine Anreize gesetzt und keine Anstrengung unternommen wurde, eine ausreichende Zahl an Fachkräften auszubilden, steht man jetzt plötzlich - oh, Überraschung! - vor dem Termin 2013 und bemerkt, dass es zu wenig Leute gibt.
    Das ist entweder ein eklatantes organisatorisches Versagen, oder der Ausdruck davon, dass man diese Änderung trotz Versprechen im Grunde gar nicht wollte (trifft auf Bayern z.B. voll zu) - in jedem Fall ein Ärgernis für alle, die nicht über den Luxus von nahe wohnenden Großeltern oder entsprechendem Einkommen verfügen, sowie über alle, deren Kinder gerne in Kitas gehen.

    An alle die denken, einem Kind gehe es nur bei Mutti gut: Wenn Sie wollen, erziehen Sie Ihre Kinder zuhause. Aber geben Sie sich nicht der Illusion hin, Sie hätten die einzig wahre Erziehungsmethode für alle Kinder gefunden. Kinder sind unterschiedlich, ihre Beziehung zu den Eltern ist unterschiedlich, und es gibt Kinder, denen der Kitabesuch schlicht gut tut. Sie können die Entscheidung Kita/nicht Kita begründet auch nur für Ihr eigenes Kind treffen, alles andere ist unseriös.

  2. Wer mit der Einführung des Betreuungsgeldes Wahlfreiheit zwischen häuslicher Betreuung und Kita-Betreuung verspricht, muss auch garantieren können, dass eine echte Wahlfreiheit besteht. Das Geld, das für das Betreuungsgeld eingeplant ist, sollte tatsächlich in den Ausbau von nicht vorhandenen Betreuungsplätzen und in die Qualifizierung des notwendigen Personals gesteckt werden. Das wäre auch im Interesse vieler Kinder und Eltern, die schon lange auf einen guten Betreuungsplatz warten. Herr Seehofer sollte sich jetzt von seinem Lieblingsprojekt Betreuungsgeld verabschieden.

  3. in keine Tagesstätte, wo ''betreut'' werden.
    Kinder müssen nicht unbedingt betreut werden, sie müssen erzogen werden.
    Die Verantwortung für die eigenen Kinder trägt das Elternhaus und nicht der Staat. Eine Mutter, welche ihr Kind nicht ordentlich erziehen kann, sollte keine Mutter sein!

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    Ich halte dagegen, Kinder müssen in erster Linie geliebt, respektiert und mit Geborgenheit umsorgt werden. Das gute Benehmen kommt dann nach meiner Erfahrung ganz von alleine, indem die Erwachsenen den Kindern vorleben, wie man sich gesellschaftskonform verhält. Ziehen und zerren muß man da eigentlich nicht.

    wird das sicherlich nicht funktionieren. Die Eltern müssen bei ihren Kindern sein, so können sie für das Wohl ihrer Kinder sorgen, diese erziehen und ihr größtes Glück, die eigene Familie, aufrecht erhalten.

  4. Dass kleine Kinder in Kitas und Krippen "emotional keine Nachteile erleben" ist vielleicht Ihr Wunschdenken. Der Wahrheit entspricht es nicht. Als dreifache Mutter habe ich vielfach das Gegenteil erlebt, wenn ich mit meiner Tochter morgens in die Einrichtung kam und nach Mami schreiende 2-Jährige sich heiser brüllten. Viele Kinder brauchen lange, um sich an die Abwesenheit ihrer primären Bezugspersonen und an die fehlende Nestwärme zu gewöhnen. Sie fühlen sich unter Umständen verlassen, fremd, haben z.T. Angst vor aggressiveren Kindern, werden in ihrem Wunsch nach Aufmerksamkeit vielfach enttäuscht, da es einfach zu viele Kinder gibt, die um die Gunst der Tanten buhlen. Viele Kinder unter 3 sind einfach noch nicht reif für eine Tageseinrichtung, daß kann ein sensibler Beobachter deutlich spüren. Ich selbst mußte meine 3-jährige Tochter für einige Wochen aus der Einrichtung nehmen, weil sie morgens immer nur weinte und schluchzte - obwohl sie nur 3 Stunden bis Mittag dort ist. Das hat mich sehr erstaunt, da das erste halbe Jahr völlig problemlos verlaufen war. Es stimmt also keinesfalls, daß es Kindern ausschließlich "gut tut", fremdbetreut zu werden.

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    Genau so sieht auch meine Erfahrung aus. Gerade bei unter 2 Jährigen, sind die Unterschiede gewaltig. Unser 2 jähriges Kind ist zwar sehr kontaktfreudig, extrovertiert und fremdelte immer fast garn nicht. Sie fühlts sich äussers wohl bei Spielgruppen und Kinderparties. Dennoch, beim Kindergarten sagt sie immmer nein. "Kindergarten nein, Kindergarten geschlossen" sag sie. Bei Bekannten mit einer 2 jährigen Tochter, läuft es hingegen katastrophal ab. Sie hat inzwischen ein solches Trauma, dass sie bei Kindergeburtstagen hystersiche Schreianfälle bokommt und "nach Hause, nach Hause" schreit. Die Mutter braucht fast 30 min bis sie die Tochter beruhigen kann, während sie wie eine wilde eingesperrrte Katze an der Ausgangstür hysterrisch "weg weg weg" schreit. Offensichtlich hat sie bei neuen Gruppen fürchterliche Angst, dass die Mutter sie dort lässt. Das liegt vielleicht daran, dass sie wegen Platzmangel in 2 Kindergärten "aufbewahrt" wird.

    2 Jährige suchen Liebe, Geborgenheit, Bindung und Nähe, nicht Kommunikation und neue Freunde.

    Wir haben zum Glück die Möglichkeit unsere Kinder selbst zu betreuen. Zum gewöhnen haben wir mal, mit 2 * 2 Studen Kindergarten wöchentlicht angefangen. Wie gesagt, ist sie bereits damit nur sehr wenig begeistert. Spielgruppen hingegen, und Betreungsgemeinschaften hat sie hingegen sehr gerne. Auch haben wir mit anderen Paaren eine "Babysittingpool" vereinbart. Das funktioniert ebenfalls tadellos.

  5. Ich halte dagegen, Kinder müssen in erster Linie geliebt, respektiert und mit Geborgenheit umsorgt werden. Das gute Benehmen kommt dann nach meiner Erfahrung ganz von alleine, indem die Erwachsenen den Kindern vorleben, wie man sich gesellschaftskonform verhält. Ziehen und zerren muß man da eigentlich nicht.

  6. Wenn man mit dem Betreuungsgeld die Nachfrage so einfach steuern kann, ist es ein gutes Instrument. Vielleicht ließe sich damit auch die Arbeitslosenquote oder die Fertilität steuern.

  7. @55. "wer mit 6 nicht in die Schule will, bleibt dann halt zu Haus!

    Halten Sie das für sinnvoll?"

    Eine solche Äußerung zeugt davon, dass Sie wohl noch nicht mit Kindern zwischen 0 und 7 Jahren zu tun hatten.

    In dieser Zeit entwickeln sich Kinder sehr stark weiter, allerdings auch in einem sehr individuellen Tempo. Für das eine Kind (bzw. die Familie) mag es ok sein, wenn es bereits mit 14 Monaten teilweise in einer Kita ist, für ein anderes Kind mag erst mit 4 oder 5 Jahren genug Selbstsicherheit aus der Eltern-Kind-Beziehung getankt worden sein, um diesen Schritt zu verkraften.

    Die allermeisten Kinder sind aber mit 6 Jahren definitiv so weit. Und die ganz wenigen Kinder, die hier Schwierigkeiten
    haben, bruachen dann eben eine besondere Ausnahme. Auch das ist ja möglich.

    Aber wahrscheinlich war es Ihnen sehr wichtig, Ihren Sarkasmus los zu werden...

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