Fast hatte man den Eindruck, Sigmar Gabriel wollte Hannelore Kraft imitieren. Er saß am Wahlabend in der Talkrunde von Günther Jauch – und gab sich sichtlich Mühe, freundlich, sachlich und ruhig rüberzukommen. Der SPD-Vorsitzende wollte sich nicht provozieren lassen, und wenn es doch mal geschah und er sich ein wenig echauffieren musste, wechselte er danach schnell wieder zurück zu dem Gestus und Duktus, der eher an die nordrhein-westfälische Landesmutter als den alten Streithansel Gabriel erinnerte.

Natürlich, säuselte Gabriel mehrfach, gehöre Frau Kraft nun "automatisch" zum Kreis der Spitzenkandidaten. Auch als Kanzlerkandidatin sei sie "denkbar". Das ging ihm vermutlich nur deshalb so flott von den Lippen, weil Kraft selbst mehrfach erklärt hatte, nicht nach Berlin zu wollen, sondern mindestens die kommenden fünf Jahre in Nordrhein-Westfalen zu bleiben.

Trotzdem ist Kraft spätestens seit Sonntag der neue Superstar der SPD . Anders als die drei potentiellen Kanzlerkandidaten hat sie nun schon zum zweiten Mal eine Landtagswahl gewonnen. Welch großen Anteil die Spitzenkandidatin am Ergebnis ihrer Partei hatte, zeigen die persönlichen Umfragen, in denen sie stets mit großem Abstand ihren CDU-Rivalen Röttgen hinter sich ließ . Mehr noch: Kraft ist beliebter als ihre Amtsvorgänger Rüttgers, Steinbrück und Clement. Ihre Popularitätswerte sind vergleichbar mit dem allseits verehrten Landesvater Johannes Rau.

Woher kommt das? Die Voraussetzungen, unter denen Kraft Ministerpräsidentin wurde, waren ja alles andere als gut. Seit ihrem Amtsantritt versuchen ihr Opposition und viele Medien das Etikett der "Schuldenkönigin" anzuhängen . Ihr diesjähriger Haushalt fiel erst vorm Verfassungsgericht durch, dann im Landtag. Mit beidem hatte sie nicht gerechnet. Häufiger wirkte Kraft in den vergangenen beiden Jahren nicht souverän. Mal wurde sie von ihrer grünen Vize-Ministerpräsidentin getrieben, mal stand sie wie eine Bittstellerin vor den Oppositionsparteien.

Ausgleichen und vermitteln

Gerade hierin aber liegt ein Schüssel ihres Erfolges. Kraft ist keine Politikerin, die nur darauf bedacht ist, den Kurs zu diktieren und ihre Agenda durchzudrücken. Im Gegenteil, ihre Stärke ist, ausgleichen und vermitteln zu können.

Das zeigte sich zunächst in ihrer eigenen Partei. Als Kraft die NRW-SPD übernahm, war die ein zerstrittener und skandalgeplagter Haufen. Besonders mit den beiden Ex-Ministerpräsidenten, den liberalen Modernisierern Steinbrück und Clement, fremdelte die Basis. Kraft hingegen befriedete den großen Traditionsflügel der Partei: Sie reintegrierte die Gewerkschaften, etwa indem sie den Landes-DGB-Chef Guntram Schneider zum Arbeitsminister machte.

Die Wähler dankten Kraft die arbeitnehmerfreundliche Politik: Bei der Landtagswahl holte die SPD große Teile des Ruhrpotts zurück, die sie einst an die CDU verloren hatte. Dennoch inszenierte sich Kraft nie einseitig als "Arbeiterführerin" , wie es ihr CDU-Vorgänger Rüttgers reichlich penetrant getan hatte. Stets betonte die gelernte Bankkauffrau, die aus einfachen Verhältnissen stammt, auch ihre Wirtschaftskompetenz und Unternehmernähe. Das kam an: Die meisten ihrer neuen Wähler holte die SPD von der CDU.