Die Wahlbeteiligung in Deutschland hängt stark von der sozialen Lage ab. Statistiken zeigen: Je ärmer ein Mensch ist, desto weniger beteiligt er sich an der Demokratie. Armin Schäfer vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln hat die Wahlergebnisse von 1.500 Stadtteilen aus 34 deutschen Großstädten untersucht . Sein Befund: Die höchste Konzentration von Nichtwählern gibt es in sogenannten städtischen Problemgebieten.

Chorweiler, eine Trabantenstadt im äußersten Norden Kölns, ist solch ein Problemgebiet. Anfang der siebziger Jahre wurde hier im großen Stil sozialer Wohnraum geschaffen. Es war die Zeit der Planungseuphorie und der Stadtflucht. Die vielen Parks, Spielplätze und Fahrradwege zeugen von der familienfreundlichen Atmosphäre, die hier entstehen sollte. Heute gilt es in Köln fast als soziales Stigma, wenn man aus Chorweiler kommt.

13.000 Menschen leben hier, Tendenz sinkend. Der Anteil von Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen, besonders unter den vielen Jugendlichen, ist so hoch wie sonst nirgends in Köln. Das spiegelt sich auch in den Wahlergebnissen wider. An der letzten Landtagswahl 2010 beteiligten sich nur 32 Prozent der Wahlberechtigten in Chorweiler. In manchen Kölner Villen-Vierteln waren es rund 80 Prozent.

Parteien schöpften Wähler-Potenzial nicht aus

An diesem Ungleichgewicht seien die Parteien nicht unschuldig, sagt der Gesellschaftsforscher Schäfer. Er hält ihnen mangelndes Problembewusstsein vor. Vor allem SPD und Linke , die in diesen Stadtteilen überdurchschnittlich gute Ergebnisse erzielen, würden ihr Wähler-Potenzial bei Weitem nicht ausschöpfen. Wie alle Parteien konzentrieren sie sich im Wahlkampf auf die urbanen Zentren.

Andreas Kossiski ist der SPD-Kandidat von Chorweiler. Der Polizeioberrat und Gewerkschaftsfunktionär arbeitete früher auf der Chorweiler Polizeiwache. In dem Stadtteil, den er künftig im Landtag vertreten will, wohnt er selbst nicht. Das könne er seiner Lebensgefährtin "nicht zumuten". Nur für den Wahlkampf umzuziehen komme für ihn auch nicht infrage. Kossiski schlägt vor, sich in der Kölner Innenstadt zu treffen, um gemeinsam "raus" zu seinem Wahlkreis zu fahren.

Vorbei geht's an Fabriken, am Niehler Industrie-Hafen und an einer großen Mülldeponie, die unlängst wegen eines Spendenskandals der Kölner SPD Schlagzeilen machte. Etwas später sieht man sie: die mächtigen und hässlichen Hochhäuser-Schluchten am Stadtrand. Der Komiker Dirk Bach , antwortete einmal auf die Frage, was er an Köln gern ändern würde: "Als erstes Chorweiler abreißen".

Kossiski hält auf einem großen Parkplatz vor dem City-Center. Dort haben zwei Parteifreunde einen kleinen Wahlkampf-Stand errichtet. Auch sie leben nicht hier. Sie sind jung, nett und engagiert. Dennoch verkörpern sie mustergültig, was die grüne Bezirksbürgermeisterin Cornelie Wittsack-Junge kritisiert: Dass die meisten Politiker, die sich in Chorweiler engagieren, keinen wirklichen Bezug dazu hätten.

Das Interesse am SPD-Stand auf dem Parkplatz hält sich in Grenzen. "Klassischer Wahlkampf" sei in Chorweiler kaum möglich, sagen die SPD-Helfer. Große Veranstaltungen sind nicht geplant, die Partei-Promis meiden den Bezirk. Einladungen zu Podiumsdiskussionen in Schulen oder Lokalzeitungen gibt es gut wie keine. Neben den Info-Ständen besteht Kossiskis Hauptbeschäftigung im Wahlkampf darin, "Multiplikatoren" zu Gesprächen zu treffen: Unternehmer, Gemeinden und Vereine. Es fehle an "Geld und Ressourcen", klagt er. In Chorweiler gebe es kaum Parteistrukturen. Er will das ändern. Sollte er gewählt werden, will er hier im Viertel ein Parteibüro errichten.