Problemgebiete in NRW: "Die wählen sowieso nicht"
Köln-Chorweiler ist ein Problem-Stadtteil. Die meisten Menschen hier sind arm, abgehängt – und haben keine Lust mehr auf Demokratie.
© Rolf Vennenbernd

Der Stadtteil Chorweiler in Köln
Die Wahlbeteiligung in Deutschland hängt stark von der sozialen Lage ab. Statistiken zeigen: Je ärmer ein Mensch ist, desto weniger beteiligt er sich an der Demokratie. Armin Schäfer vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln hat die Wahlergebnisse von 1.500 Stadtteilen aus 34 deutschen Großstädten untersucht. Sein Befund: Die höchste Konzentration von Nichtwählern gibt es in sogenannten städtischen Problemgebieten.
Chorweiler, eine Trabantenstadt im äußersten Norden Kölns, ist solch ein Problemgebiet. Anfang der siebziger Jahre wurde hier im großen Stil sozialer Wohnraum geschaffen. Es war die Zeit der Planungseuphorie und der Stadtflucht. Die vielen Parks, Spielplätze und Fahrradwege zeugen von der familienfreundlichen Atmosphäre, die hier entstehen sollte. Heute gilt es in Köln fast als soziales Stigma, wenn man aus Chorweiler kommt.
13.000 Menschen leben hier, Tendenz sinkend. Der Anteil von Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen, besonders unter den vielen Jugendlichen, ist so hoch wie sonst nirgends in Köln. Das spiegelt sich auch in den Wahlergebnissen wider. An der letzten Landtagswahl 2010 beteiligten sich nur 32 Prozent der Wahlberechtigten in Chorweiler. In manchen Kölner Villen-Vierteln waren es rund 80 Prozent.
Parteien schöpften Wähler-Potenzial nicht aus
An diesem Ungleichgewicht seien die Parteien nicht unschuldig, sagt der Gesellschaftsforscher Schäfer. Er hält ihnen mangelndes Problembewusstsein vor. Vor allem SPD und Linke, die in diesen Stadtteilen überdurchschnittlich gute Ergebnisse erzielen, würden ihr Wähler-Potenzial bei Weitem nicht ausschöpfen. Wie alle Parteien konzentrieren sie sich im Wahlkampf auf die urbanen Zentren.
Andreas Kossiski ist der SPD-Kandidat von Chorweiler. Der Polizeioberrat und Gewerkschaftsfunktionär arbeitete früher auf der Chorweiler Polizeiwache. In dem Stadtteil, den er künftig im Landtag vertreten will, wohnt er selbst nicht. Das könne er seiner Lebensgefährtin "nicht zumuten". Nur für den Wahlkampf umzuziehen komme für ihn auch nicht infrage. Kossiski schlägt vor, sich in der Kölner Innenstadt zu treffen, um gemeinsam "raus" zu seinem Wahlkreis zu fahren.
Vorbei geht's an Fabriken, am Niehler Industrie-Hafen und an einer großen Mülldeponie, die unlängst wegen eines Spendenskandals der Kölner SPD Schlagzeilen machte. Etwas später sieht man sie: die mächtigen und hässlichen Hochhäuser-Schluchten am Stadtrand. Der Komiker Dirk Bach, antwortete einmal auf die Frage, was er an Köln gern ändern würde: "Als erstes Chorweiler abreißen".
Kossiski hält auf einem großen Parkplatz vor dem City-Center. Dort haben zwei Parteifreunde einen kleinen Wahlkampf-Stand errichtet. Auch sie leben nicht hier. Sie sind jung, nett und engagiert. Dennoch verkörpern sie mustergültig, was die grüne Bezirksbürgermeisterin Cornelie Wittsack-Junge kritisiert: Dass die meisten Politiker, die sich in Chorweiler engagieren, keinen wirklichen Bezug dazu hätten.
Das Interesse am SPD-Stand auf dem Parkplatz hält sich in Grenzen. "Klassischer Wahlkampf" sei in Chorweiler kaum möglich, sagen die SPD-Helfer. Große Veranstaltungen sind nicht geplant, die Partei-Promis meiden den Bezirk. Einladungen zu Podiumsdiskussionen in Schulen oder Lokalzeitungen gibt es gut wie keine. Neben den Info-Ständen besteht Kossiskis Hauptbeschäftigung im Wahlkampf darin, "Multiplikatoren" zu Gesprächen zu treffen: Unternehmer, Gemeinden und Vereine. Es fehle an "Geld und Ressourcen", klagt er. In Chorweiler gebe es kaum Parteistrukturen. Er will das ändern. Sollte er gewählt werden, will er hier im Viertel ein Parteibüro errichten.





"Wer von Transferleistungen lebt, verliert schnell seine Selbstachtung und damit auch das Interesse, seine Nachbarn und seine Umwelt nicht zu schädigen."
die mentale Verfassung der politischen €liten?
sondern eher besonders notwendig. Zum Problem wird sie, wenn das zugrundeliegende Menschenbild nichts mit der Realität zu tun hat, sondern schlicht auf Wunschdenken beruht. Jedes Viertel wird zum Problemviertel, wenn es (nur) von Menschen mit derartigen Problemen bewohnt wird.
""haben keine lust mehr auf demokratie"
das klingt sehr gewagt....
lieber sollten sie schreiben: keine lust mehr auf politik"
Es ist nicht leicht. Die traditionelle Politik ist der Hansel des großen Geldes, die sozialdemokratisch geprägte LINKE wird von den KonzernMedien in Grund und Boden diffamiert, und ursprünglichere Formen politischer Aktion treffen auf eine paranoide Staatsgewalt.
Daß in einer entsolidarisierten Gesellschaft die Individualisierung 'persönlicher Einzelschicksale' die Hilflosigkeit steigert ist ebenso erwünscht wie beinahe unvermeidlich.
selbst wenn ganz Köln nicht wählen geht, in Düsseldorf bleibt kein Sessel leer. Man kann sich zwar mit "keine Lust auf Demokratie" rausreden, faktisch drückt man aber seine implizite Generaleinverständnis mit der Politik aus.
Ein Nichtverstehen des Systems allein rechtfertigt nicht dessen Anfechtung.
Man hätte diesen Artikel auch überschreiben können: Wieso die Linken aus dem Landtag flogen.
CDU und FDP vertreten ohnehin den Glauben, Armut sei selbstverschuldet, Rot-grün hat in der Schröder-Ära hinter allen Absteigern die Kellertüre zugestoßen. Verbleiben Linke, Piraten und Splitterparteien als denkbare Vertretung.
Die Piraten gelten bildungsfernen Schichten noch als Internet-Nerds, die ihrer Welt fernstehen, selbst wenn einige der Ideen der Piraten neue Aufstiegschancen ermöglichen würde (das muss man erst einmal erkennen, was nach dem Verlust aller Hoffnung wohl schwerfällt).
Bleiben also alleine die Linken. Beim letzten Mal schafften sie es zu vermitteln, sie könnten etwas verbessern. Ob sie auch in Köln-Chorweiler, Bochum-Hamme usw. gut mobilisieren konnten, ist die entscheidende Frage. Dann nämlich gilt: Die Leute dort haben noch einmal die Linke gewählt. Diese konnte in der Opposition nicht viel ausrichten und die Regierung war in der klassischen Sachzwanglogik gefangen. Damit haben diese Menschen endgültig aufgegeben. Das Parlament ist halt tatsächlich keine Volksvertretung, sondern eine Vertretung der Mittel- und Oberschicht. Dies gilt dann halt in beide Richtungen...
ganz verstehe ich Ihre Kritik nicht. Die von Ihnen genannten Zitate tauchen doch im Text alle auf.
Auch werden Politiker nicht als "arrogante Besserwisser" dargestellt, sondern explizit "jung, nett und engagiert" genannt. Der Vorwurf, dass viele Politker nicht in Chorweiler leben wollen, stammt von der Bezirksbürgermeisterin.
Viele Grüße aus Düsseldorf
Michael Schlieben
Sie haben recht: Es fiel mir wirklich schwer wie selten, mit den Chorweilern über Politk ins Gespräch zu kommen, wie ja auch im Artikel eingeräumt.
Was auch damit zusammenhängt, dass ich nur einige Stunden dort war. Und eine Ausgangsfragestellung eben war: Wie funktioniert Politik in Nichtwählerhochburgen?
Dennoch trage ich Ihren Subjekt-Objekt-Gedanken seither auch mit mir rum. Die Resonanz auf diesen Artiekl bestärkt uns jedenfalls darin, uns künftig eingehender mit dem Thema zu beschäftigen.
Viele Grüße
Michael Schlieben
Nicht die Kosten, sondern die Ausgaben wurden gekürzt
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