Hat er all diese Zahlen wirklich im Kopf? Es geht jetzt gerade um Kitaplätze, und Norbert Röttgen feuert Millionensummen, Prozente und Quoten auf seine Kontrahentin Hannelore Kraft ab, dass einem schwindelig wird. Auf die Notizen vor ihm wirft er dabei keinen einzigen Blick. Der CDU-Spitzenkandidat scheint ein außerordentliches Gedächtnis für Ziffern und Statistiken zu haben, soviel ist schon nach wenigen Minuten dieses TV-Duells klar. Nur: Wahlen gewinnt man damit nicht.

Das Aufeinandertreffen der Spitzenpolitiker von SPD und CDU wenige Tage vor der vorgezogenen Landtagswahl war ein Kampf um Zahlen und Detailfragen. 60 Minuten voller Statistiken, Haushaltsposten, und Begriffen wie "Konnexität". Es war über weite Strecken ein Duell für Eingeweihte. Besonders Herausforderer Röttgen gelang es viel zu selten, ein Gesamtbild davon zu vermitteln, was er als Regierungschef aus dem Land machen will.

Vier Großthemen bekamen die Kandidaten hingeworfen: Familie, Finanzen, Arbeit und Soziales, und Energie. Und jeweils war es das gleiche Bild. Ein angriffslustiger Röttgen und eine Ministerpräsidentin Kraft, die nicht viel mehr machte, als diese Angriffe abzuwehren. Sie habe eine Kitapflicht gefordert, warf Röttgen ihr gleich zu Anfang vor. "Habe ich nicht", sagte Kraft. " NRW ist bei der Kinderbetreuung auf dem letzten Platz", kritisierte Röttgen. Stimmt nicht, "der Verzug lag in der Vorgängerregierung von CDU und FDP ", konterte Kraft.

Kaum gespart?

Diese Rollenverteilung entspricht den tatsächlichen Machtverhältnissen, ist quasi vorgegeben: Die Ministerpräsidentin hat in ihrer Regierungszeit bereits geliefert, ihre Politik kennen die Wähler. Nun muss sie ihren Kurs verteidigen. Der Herausforderer hingegen muss erklären, was er anders und besser machen will.

Beim wohl wichtigsten Thema der Landespolitik, dem Haushalt, gelang Röttgen das nur teilweise. Zu Recht kritisierte er, dass die rot-grüne Regierung trotz steigender Steuereinnahmen in den vergangenen zwei Jahren kaum gespart hat. Krafts Ansatz, Politik durch mehr Ausgaben im Bildungs- und Sozialbereich zu machen, ist natürlich auch ein Schutzschirm, unter dem sich eine spendable Haushaltspolitik bequem verstecken kann. Denn gegen "Vorsorge statt späterer hoher Reparaturkosten", wie Kraft auch jetzt wieder argumentierte, kann grundsätzlich niemand etwas haben. Und so hatte Norbert Röttgen einen seiner wenigen Höhepunkte in diesem Duell, als er erwiderte: "Das Prävention immer besser ist als Reparatur, das wissen wir alle, das ist ein Gemeinplatz."

Moderatoren eher passiv

Doch wo er selbst konkret sparen will, sagte er nicht. Hier wurde der Zahlenmensch Röttgen plötzlich schwammig. "Wir werden keine neuen Förderprogramme machen", sagt er, und Kraft wirft genüsslich ein: "Damit sparen Sie aber noch nicht!" Röttgens Problem ist, dass er im Wahlkampf niemandem weh tun will. Als sie noch in der Opposition war, wollte die CDU beispielsweise die Studiengebühren wieder einführen , jetzt nicht mehr. Stattdessen will er bei "sächlichen Verwaltungskosten" und Subventionen "drei oder vier, auch mal sechs Prozent", kürzen. 1,6 Milliarden Euro sollen so zusammenkommen.

Kraft als klare Siegerin

Je länger das Duell dauert, desto munterer wird es. Kommunalfinanzen, Steuerabkommen mit der Schweiz , Mindestlohn: Die Differenzen der Kandidaten werden deutlich, nach diesem Duell kann niemand mehr behaupten, man müsste "die Unterschiede mit der Lupe suchen", wie Moderatorin Gabi Ludwig zu Beginn der Sendung behauptet hatte.

Überhaupt, die Moderatoren: Ludwig und ihr Kollege Jörg Schönenborn halten sich vor allem anfangs so weit zurück, dass man sie zeitweise komplett vergisst. Minutenlang streiten Kraft und Röttgen, ohne dass jemand eingreift. Beherztere Journalisten, die auch einmal die Diskussionsbeiträge zusammenfassen und so den Zuschauern dabei helfen, dem rasanten Schlagabtausch zu folgen, hätten der Sendung gutgetan. So waren die beiden Kandidaten meist sich selbst überlassen, und wiederholten viele der Argumente, mit denen sie schon seit Wochen Wahlkampf machen.

Der Stil macht den Unterschied

Anders als bei den Sachthemen gab es in Sachen Auftreten und Ausstrahlung einen klaren Sieger des Duells: Hannelore Kraft. Sie lächelte mehr und wirkte ruhiger, Norbert Röttgen hingegen ruckelte ständig an seiner Krawatte, grummelte in sein Mikro, und sagte dauernd Dinge wie "nein, nein, nein, nein, nein" oder "dooooch!", was ein wenig patzig wirkte. Zum Schluss standen ihm Schweißperlen über der Oberlippe.

Am Ende könnten nicht die einzelnen politischen Positionen den Unterschied ausmachen, sondern der Stil der Kandidaten. Krafts ständig wiederholte Kernbotschaft "Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt" ist einerseits natürlich eine hohle Floskel, anderseits aber Ausdruck ihrer Strategie, den Wählern sozusagen rhetorisch den Arm um die Schultern zu legen. Röttgen sagt so etwas nicht, es würde auch nicht zu ihm passen. Zu Beginn seines Schlussstatements spricht er die Zuschauer als "liebe Bürgerinnen und Bürger" an. Hannelore Kraft sagt: "liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger". Solche Details sind es, die Wahlen entscheiden können.