Schwarz-gelbe KoalitionSeehofers Wutausbruch war kalkuliert

Horst Seehofer ist vor laufender Kamera explodiert. Doch hinter seiner Wut steckt auch viel Taktik, kommentiert Katharina Schuler. von 

CSU-Chef Horst Seehofer beim Politischen Aschermittwoch 2011

CSU-Chef Horst Seehofer beim Politischen Aschermittwoch 2011  |  © Peter Kneffel/dpa

Horst Seehofer ist sauer, richtig sauer. Ohne Einschränkungen hat er ein nach einem Interview geführtes Hintergrundgespräch zur Veröffentlichung freigegeben.

Die Gründe für seine Wut liegen auf der Hand. Ganz vordergründig ist da der Ärger über den Wahlverlierer Norbert Röttgen , der den Ratschlag des CSU-Chefs, sich ganz der Landespolitik zu widmen, in den Wind geschlagen hatte und nun das entsprechende Ergebnis kassierte.

Anzeige

Weit wichtiger allerdings dürfte der Streit über das Betreuungsgeld sein. Mit diesem wollte Seehofer eigentlich die Stärke und den Einfluss der CSU demonstrieren. Doch trotz eines entsprechenden Beschlusses des Koalitionsausschusses ist noch immer nicht klar, was davon am Ende übrig bleiben wird.

Schlimmer noch für Seehofer: Die endlose Debatte hat die Akzeptanz der neuen Sozialleistung in der Bevölkerung auf ein Minimum sinken lassen. Es könnte durchaus sein, dass die CSU mit dem Betreuungsgeld – wenn es endlich durchgesetzt ist – mehr Zustimmung verliert als sie gewinnt.

Angst vor der Landtagswahl in Bayern

Hinzu kommt, dass Seehofer die Angst vor den bayerischen Landtagswahlen im kommenden Jahr im Nacken sitzt. Das nach wie vor miserable Image der Koalition in Berlin bedroht auch sein Ziel, die CSU in Bayern an der Macht zu halten, wenn irgend möglich sogar wieder von der Koalition mit einem Partner unabhängig zu machen.

Doch hinter Seehofers Wutausbruch steckt auch eine Menge Kalkül. Ihn ärgert schon lange, dass Themen wie das Betreuungsgeld, die Vorratsdatenspeicherung, das Erneuerbare-Energien-Gesetz oder die Energiewende in Berlin für seinen Geschmack zu lange diskutiert werden, ohne dass greifbare und für den Bürger nachvollziehbare Ergebnisse dabei rauskämen.

Das Treffen der drei Parteichefs der Koalition, das Seehofer nun fordert, wäre zwar sicher auch durch stille Vorzimmerdiplomatie zu erreichen gewesen. Weder Angela Merkel noch Philipp Rösler hätten ihm wohl ein Gespräch verweigert, wenn er dieses gewünscht hätte.

Leserkommentare
  1. Also ich weiß ja nicht wie die Autorin "Wut" definiert, aber ein Wutausbruch war das sicher nicht. Mag sein, dass das Gesagte kalkuliert und bewusst auf diesem Weg verbreitet wurde, aber wütend erschien mir Seehofer jedenfalls nicht. Ich hatte eher den Eindruck das er letztlich eher genervt und etwas frustriert war/ist, weil es für die Koalition nicht besonders läuft.

    Die kommende Landtagswahl trägt natürlich ihr Übriges dazu bei. Ob es für Seehofer bei der nächsten Wahl schlecht steht bzw. stehen wird, werden wir sehen. Bis dahin ist noch viel Zeit.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 15. Mai 2012 13:18 Uhr

    ....politische Gegner zu diskreditieren.

    • edgar
    • 15. Mai 2012 15:39 Uhr

    Naja, das stand doch so schon in anderen Zeitungen, die schneller waren. Warum soll frau das nicht ungeprüft übernehmen ?

    Ich glaube bei der Betitelung dieses Artikels handelt es sich mal wieder um einen Standard-Fall von medialer Begrifflichkeits-Polemik! Die Medien sind anscheinend auf unsachliche Berichterstattung angewiesen. Alleine zu dem aktuellen Interview mit Seehofer habe ich bereits in über zehn verschiedenen Artikeln verschiedener 'seriöser' Zeitungen reißerische Überschriften gesehen; die Bild-Zeitung war nicht dabei! -_- Fakt ist, Seehofer hatte keinen "Wutanfall" oder sonst etwas in der Richtung; er schmunzelt sogar zwischendurch, aber die deutsche Medienkultur propagiert die direkte und offene Meinungsäußerung immer gleich als grenzüberschreitend; ohne den Inhalt des Seehofer-Interviews bewerten zu wollen. Wie wäre es, stattdessen einfach mal NUR sachlich und objektiv zu bleiben innerhalb der Berichterstattung!?

  2. Aber, was ist schlimm daran, wenn ein Politiker, der im nächsten Jahr Wahlen gewinnen will, nach diesem NRW Debakel versucht, die Kanzlerin zu wecken? Frau Merkel vermeidet systematisch klare Positionen und energische Aussagen sobald es um ihre Partei geht. NRW hat gezeigt, dass die Wähler authentische Positionen und Personen honorieren. Seehofer, der sicher ein schwer zu kontrollierender Querkopf ist, hat keine Scheu, die Entscheidung zu suchen. Vor dem Hintergrund der übrigen Eierei eine Wohltat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehr richtig ihre Aussage!

    Das schlimme an dieser Regierung ist nicht Seehofer oder Rösler (obwohl ich kein Fan von denen bin), sondern die Bundeskanzlerin.
    Angela Merkel scheint alles zu tun um an der Macht zu halten, nämlich gar nichts. Ihre Beliebtheitswerte kann ich nicht nachvollziehen. Eine Politik der ruhigen Hand? Die von Frau Merkel ist so ruhig, dass ich befürchte die lebt schon gar nicht mehr.

    Nie zuvor hatte die Republik eine so schlechte, langweilige und mutlose Führungsperson.

    • xy1
    • 15. Mai 2012 20:38 Uhr

    Seehofer ein Ausbund von Geradlinigkeit?

    Nie hat er rumgeeiert. Wirklich?

  3. ... also wenn man sich die Entwicklung im Original ansieht: Interview - Interview Ende - Nachgeplänkel - Seehofers Aussage - Klebers Slomka Zitat - Seehofers Freigabe ansieht ...... also dann entbehrt die Aussage der Berechnung durch Seehofer von Frau Schuler nicht einer gewissen Kühnheit .....

    • awaler
    • 15. Mai 2012 12:53 Uhr

    Dass die Kamera weiterlief, war mit Sicherheit kein Zufall. Ich bin übezeugt, dass das abgesprochen war.

    Wenn N. Röttgen noch einen Funken Selbstachtung hat, tritt er als BMU zurück.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Afa81
    • 15. Mai 2012 16:05 Uhr

    Wenn ich mir einen neuen Job suche, kündige ich auch erst,
    wenn ich den Zuschlag zum neuen habe. So ist das nunmal.
    Ok, man posaut das vorher nicht rum - das war ein Fehler.
    Dass die Wähler in NRW das wohl alle anders machen würde -
    glaube ich nicht. Aber man kann ja von anderen etwas fordern,
    was man selbst nicht einhalten würde. Mit Herzblut hat das für
    mich nichts zutun.
    Aber bitte erklären Sie mir: Was hat das jetzt mit dem Bundesumweltminister zutun. Der Mann war einer der wenigen, die trotz Union schon lange fürden Ausstieg aus der Atomkraft war. Geht es jetzt auch bei den Wählern nurnoch um Machtpolitik und kein bischen mehr um Inhalte? Drehen jetzt alle durch???

    • awaler
    • 16. Mai 2012 18:27 Uhr

    Ich hatte geschrieben:
    "Wenn N. Röttgen noch einen Funken Selbstachtung hat, tritt er als BMU zurück."

    Herr Röttgen hatte knapp zwei Tage Zeit, seine Selbstachtung zu wahren und Konsequenzen zu ziehen. Er hat sie nicht genutzt.

    Die Bundeskanzlerin hat, was den Rauswurf betrifft, richtig gehandelt. Versager haben im Kabinett nicht zu suchen.
    Warum sie allerdings ausgerechnet den Juristen Altmaier zum neuen BMU macht, ist mir vorerst schleierhaft.

  4. Natürlich war dies kalkuliert, dieser "Auftritt" mindert aber nicht die Peinlichkeit seiner Dynamik ...

    Die Koalition stagniert! Und nur weil Herr Seehofer über die Baustelle-BRD "referiert" wird sich an dem Allgemeinzustand nichts ändern.

    Möchte man das Souverän - mal wieder -, für "dumm" verkaufen?

    • awaler
    • 15. Mai 2012 13:00 Uhr

    Auf youtube kann man sehen, dass das Bil weg war und dann wieder aufgeschaltet wurde. Das spricht m. E. für ein abgekartetes Spiel.
    So oder so war das eine wirkungsvolle Methode von Herrn Seehofer, seine Meinung unter die Leute zu bringen. Das Medium TV beherrscht er wesentlich besser als das Medium facebook, wo er nicht ganz ohne Berechtigung als Vollhorst 2.0 verspottet wird..

  5. Das war eine kühl berechnete Politikeransage zwecks Profilierung im innerparteilichen Streit CDU/CSU.
    Zur irgendeinem Politikwechsel sowas nicht.

  6. und nicht nur auf Röttgen und Konsorten gezielt.

    Was der Autorin anscheinend gar nicht aufgefallen ist: Seehofers voraussichtlicher Gegenkandiat in Bayern 2013, Christian Ude, ist auch vom Schlage Röttgen. Falls er nicht Ministerpräsident werden könne, hat Ude schon angekündigt, denke er garnicht daran Minister in einer großen Koalition zu werden oder gar Oppostionsarbeit zu machen.

    Seehofer bereitet stellt mit seiner Forderung, ein Kandidat müsse ohne wenn und aber bereit sein für das Land zu arbeiten, ein Dogma auf, das er dem lieben Christian genüßlich um die Ohren zu hauen gedenkt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .....denn gerade Ude ist ein Musterbeispiel für einen Möchtegern-Sonnenkönig, frei nach dem Motto "laß die Anderen die Arbeit machen, der "Ruhm" gebührt mir"!

    Röttgen und Ude sind nicht vergleichbar.

    Röttgen ist 20 Jahre jünger und kommt mit Kanzlerambitionen aus der großen Bundespolitik auf die Landesebene zurück. Ude kommt im Prinzip aus der Kommunalpolitik und bewirbt sich nochmal um ein Amt in der Landespolitik. Kein Mensch erwartet von einem 65 Jährigen das er sich nochmal auf die Oppositionsbank setzt, sondern das er bei einer Niederlage in Rente geht.

    nicht zu Bayern?

    • Afa81
    • 15. Mai 2012 16:14 Uhr

    Hoffentlich sind die Bayern nicht so dumm wie die NRW-Wähler.
    Das ist nun wirklich menschlich und kein Argument gegen ländisches Herzblut. Ein Spitzenpolitiker kann sich doch als Ministerpräsident anbieten ohne damit gleich festzuschreiben, dass er damit bei jedem Wahlausgang ein evtl. höheres Amt kündigt. Und Herzblut für ein Bundesland
    - mit solchen Forderungen fühle ich mich wie 1914 ala "Mit Gott für Kaiser und Reich." Wird sind doch nicht in den USA wo man erstmal beweisen muss, wie "amerikanisch" man ist.

    Bei Röttgen war das aus meiner Sicht absolut verständlich und nur ehrlich, dass er das vorher gesagt hat. Zu glauben, dass Lindner, Röttgen etc. die Bundespolitik an den Nagel hängen um im Landtag zu oppunieren - sorry Leute, das ist naiv und eine weitere Bedingung an Politiker: "Bitte bitte lügt uns an - Ehrlichkeit vertragen wir einfach nicht."

    Jetzt kann sich NRW erstmal auf eine Haushaltskonsolidierung ala Rot/Grün freuen - Schulden für die Kindeskinder - das nenne ich mal Herzblut, dass jedem das Herz bluten muss.

    Man sollte nicht vergessen, dass es Seehofer war, der als Erster forderte, Röttgen müsse sich auch für die Oppositionsbank verpflichten. Damals dachte ich schon, dass ist ein Schuss, der Röttgen noch schwer schaden wird - so ist es gekommen. Das Seehofer noch weitere Ziele im Blick haben könnte - Ude - wusste ich nicht. Ich dachte, er wolle nur Röttgen um jeden Preis loswerden.
    Und Röttgen muss sich eine Menge Feinde gemacht haben, denn kaum einer springt ihm jetzt bei - oder während seines Wahlkampfes.
    JRe

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Horst Seehofer | Angela Merkel | CSU | CDU | FDP | SPD
Service