LandtagswahlenSozialdemokraten sorgen sich um Wähler

In Schleswig-Holstein und im Saarland hat die SPD schwächer abgeschnitten, als gedacht. Jetzt überlegt die Partei, wie sie Nichtwähler zurückholen kann. Von Lisa Caspari

Irgendwann reicht es Andrea Nahles. "Ich komme mir ein bisschen so vor, als ob ich hier eine Wahlniederlage kommentieren müsste", sagt die SPD-Generalsekretärin am Montag nach den Beratungen ihres Parteivorstandes zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Journalisten hatten sie wiederholt gefragt, warum die SPD nicht stärkste Partei geworden sei. Schließlich hatte Spitzenkandidat Torsten Albig eine Zielmarke von 40 Prozent vorgegeben, er landete zehn Prozentpunkte darunter.

Nahles will das so nicht stehen lassen. Bald werde der Norden aller Voraussicht nach wieder von einem Sozialdemokraten regiert. Und die schwarz-gelbe Landesregierung sei dort doch glasklar abgewählt worden, sagt sie leicht ungehalten: "Das ist die positive Nachricht, die uns heute beschäftigt hat."

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Dieser Nachsatz zeigt: Die SPD-Frau weiß natürlich, dass ihre Partei ein ziemlich großes Problem hat. Und das heißt: Wählermobilisierung. Im Saarland und in Schleswig-Holstein waren die Sozialdemokraten als Favoriten in den Wahlkampf gestartet – beide Male kam die CDU als stärkste Partei heraus. Das lag vor allem daran, dass viele potenzielle SPD-Wähler am Wahltag zu Hause geblieben waren, anstatt von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen.

40.000 Stimmen gingen an die Nichtwähler

Laut einer ARD-Umfrage hat die SPD im Norden über 40.000 frühere Sympathisanten an die Nicht-Wähler verloren, viermal so viel wie an die Piraten. Warum das so ist? Viele Befragten wüssten nicht, wofür die Bundes-SPD stehe, haben die Meinungsforscher herausgefunden. Das Ergebnis ist bitter, auch für den Kandidaten im Land, Torsten Albig. Schließlich führt er alle Beliebtheitsumfragen an, sein Wahlkampf war sehr bürgernah ausgerichtet. Im direkten Vergleich mit CDU-Kandidat Jost de Jager wirkte der ewig lächelnde Kieler Oberbürgermeister frischer, empathischer, zugewandter. Und doch half es ihm nichts. Seine SPD bliebt 0,5 Prozentpunkte hinter de Jagers Christdemokraten zurück, obwohl die noch nicht mal einen potenziellen Koalitionspartner vorzuweisen haben.

Lisa Caspari
Lisa Caspari

Lisa Caspari ist Redakteurin im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Wofür steht die SPD?

In der ARD gab sich Albig selbstkritisch: Ihm sei es offensichtlich nicht gelungen, seine Popularität auf die Partei zu übertragen, sagte er. "Da werden wir noch stärker dran arbeiten müssen." Der schleswig-holsteinische Kandidat war auch aus dem eigenen Lager für seinen eher inhaltslosen Wahlkampf kritisiert worden. Albig ließ ein Herz mit dem Slogan "Mein Lieblingsland" auf seine Plakate drucken, radelte durch das ganze Land, um sich bekannt zu machen. Unklar blieb aber, wie er die enormen Einsparungen leisten will, die eine neue Landesregierung wegen der Schuldenbremse vor sich hat. Immer wenn es darum im Wahlkampf ging, flüchtete sich der ehemalige Pressesprecher von Ex-Finanzminister Peer Steinbrück ins Schwammige.

Doch es sind ja nicht nur die Länder, auch im Bund stagnieren die Umfragewerte für die SPD bei 27 bis 29 Prozent. Das ist zu wenig, um bei der nächsten Bundestagswahl eine starke Alternative zur Kanzlerinnen-CDU sein zu können. Sowieso: die Kanzlerin. Angela Merkel sozialdemokratisiere die CDU, klagt deren Koalitionspartner FDP im Moment gerne. Genau das ist ein Problem für die Sozialdemokraten, spätestens seitdem die CDU sich für Lohnuntergrenzen ausspricht, eine Art "Mindestlohn light". Zwar schimpft die SPD über eine Mogelpackung, aber die Details der Unterschiede dürften für viele Wähler zu kompliziert sein.

Ein SPD-Wert von 27 bis 29 Prozent ist auch zu wenig, um 2013 eine stabile rot-grüne Regierung bilden zu können. Insofern waren die beiden Landtagswahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein in gewisser Weise symbolisch für das, was der SPD bald auch im Bund drohen könnte: Im Saarland rettete man sich in eine angekündigte große Koalition, eine "Zweckehe", die sich der Haushaltskonsolidierung verschrieben hat. Und im Norden läuft jetzt alles auf ein Dreierbündnis mit der Partei der dänischen Minderheit hinaus. In NRW, wo am kommenden Sonntag gewählt wird, spekulieren einige außerdem schon über die FDP als möglichen "Steigbügelhalter" für eine rot-grüne Koalition. Hintergrund sind die starken Piraten, die die Mehrheitsverhältnisse durcheinanderbringen.

Milde Töne gegenüber den Piraten

Auffallend milde Töne schlagen alle SPD-Führungspersönlichkeiten gegenüber der neuen Gruppierung an. In Schleswig-Holstein hofft man darauf, dass sie eine mögliche Dänenampel dann und wann in Abstimmungen unterstützen wird, um den Ergebnissen eine breitere Mehrheit zu geben. Kandidat Albig sprach über die Piraten am Montag fast schon wie über einen potenziellen Koalitionspartner: "Wir haben viele Schnittstellen, wo wir Inhalte auch so darstellen können, dass sie für die Piraten zustimmungsfähig sind."

Die SPD will nun ihr Mobilisierungsproblem angehen. "Wir haben das Potenzial, Leute zu überzeugen, die sich abgewandt haben von der SPD", sagt Nahles – lässt aber offen, wie genau das funktionieren soll.

Parteiintern wird schon länger heiß diskutiert, ob sich die Oppositionspartei mit dem in Euro-Fragen sehr staatstragenden Kurs einen Gefallen tut. Den letzten von CDU-Kanzlerin Angela Merkel ausgehandelten Rettungsschirmen hat die Bundes-SPD im Parlament treu zugestimmt, "aus europapolitischer Verantwortung". Vor allem Parteichef Sigmar Gabriel könnte sich vorstellen, hier künftig mehr einzufordern. Gebremst wurde er bisher von Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, die mit Gabriel um die Spitzenkandidatur bei der nächsten Bundestagswahl buhlen. Nahles nahm am Montag jedenfalls schon mal den Wahlsieg des Sozialisten François Hollande in Frankreich zum Anlass, nochmals die SPD-Forderungen zu unterstreichen. Es brauche einen "ergänzten Fiskalpakt" für Europa und endlich Wachstumsprogramme für die Krisenstaaten, die diesen Namen auch verdienten. "Wir haben da ein Wörtchen über den Bundesrat mitzureden", drohte sie.


 

 
Leserkommentare
  1. Solange die SPD nicht zu ihren Wurzeln zurückkehrt und glaubhaft darstellt, wirklich für den kleinen Mann ( es gibt ihn wieder ) da zu sein, solange werden die Wähler, die sie mal hatten, nicht zurückkehren. Wovon träumen die Steinmeiers, Steinbrücks eigentlich Nachts??? Wollen die Mutti rechts überholen? Wollen sie dieses rumgeeiere noch übertrumpfen? Was wir brauchen um "alle" vernünftig leben zu können ist eine Umverteilung von oben nach unten und nicht weiterhin umgekehrt. Ist das so schwer zu begreifen? Anscheinend ja!!! Die nächste Enttäuschung wird hoffendlich nicht in NRW geschehen. Denn Frau Kraft ist da eine rühmlich Ausnahme, ihr wäre der Erfolg zu wünschen!!!

    Antwort auf "Alte kranke Tante SPD"
  2. Ich frage mich, wieso erkennen dies die doch so intelligenten Herrschaften nicht? Oder sollte es wirklich so sein, daß sie die heutige SPD-Politik für richtig halten? Ich mag es einfach nicht glauben.

    Antwort auf "Mein Angebot steht!"
  3. Am 26. April fand eine Abstimmung im Bundestag zu einem Antrag der Fraktion DIE LINKE statt, der die sofortige Aussetzung von Sanktionen im Rechtskreis des SGB II (Hartz IV) vorsah. Der Antrag wurde durch die Fraktionen der CDU und FDP abgelehnt, die gesammelte SPD-Fraktion sowie die Fraktion von BÜNDNIS 90/Grüne enthielten sich der Stimme, mit rühmlicher Ausnahme des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele (Grüne). Sowas Assoziales wählt man nicht!

    Eine Leserempfehlung
  4. anderen Parteien. Viele blieben der Wahl fern, junge
    Wähler gaben die Stimme den Piraten.
    Da kann die SPD, die ich seit der Agenda 2010 für nicht mehr
    wählbar halte, mit diesem Ergebnis noch zufrieden sein.
    Bloß die FDP Stimmen haben mich sehr verwundert?
    Wer wählt so eine Luftnummer???

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das gelingt denen immer wieder. liberalität fasziniert mich auch. Ich halte mir aber immer den Westerwelle , das Niebelministerium und sein Sparbuch vor Augen.

    Dann bin ich sofort geheilt die FDP zu wählen!

    das gelingt denen immer wieder. liberalität fasziniert mich auch. Ich halte mir aber immer den Westerwelle , das Niebelministerium und sein Sparbuch vor Augen.

    Dann bin ich sofort geheilt die FDP zu wählen!

    • sudek
    • 08.05.2012 um 7:32 Uhr

    @Caspari
    "...Laut einer ARD-Umfrage hat die SPD im Norden über 40.000 frühere Sympathisanten an die Nicht-Wähler verloren...."

    Das heißt doch, NichtWählerInnen der SPD sind nichtWählerInnen geblieben, nur dass sie nicht mehr mit der SPOD sympathisieren, sondern mit den Piraten.

    Worin bestäht der Unterschied zwischen SympathisantIn und NichtwählerIn.

    Lisa Caspari, bitte erklären Sie mir den Unterschied!!

  5. nur die Wähler bezahlen nicht die Partei und die Funktionäre! Das tun Lobbyisten und die heissen bei der SPD halt Seeheimer Kreis!
    Die SPD ist zur gekauften Partei verkommen!

    aus diesem Grunde haben alle Parteien vor den Piraten die Hosen voll!

  6. das gelingt denen immer wieder. liberalität fasziniert mich auch. Ich halte mir aber immer den Westerwelle , das Niebelministerium und sein Sparbuch vor Augen.

    Dann bin ich sofort geheilt die FDP zu wählen!

  7. Was soll man von einer SPD halten, die im Bundestag flammende Reden gegen Merkel bzw. deren Politik hält und nachher brav mit ihr stimmt?
    Was soll man von der Rede von Frau Nahles halten, in der sie sagt:
    Merkel ist wieder umgefallen, aber dieses Mal in die richtige Richtung.
    Das heisst doch nur, dass Merkel ihre Meinung korrigiert hat und jetzt alles richtig macht.
    Und weil Merkel so beliebt ist hat die SPD-Führung beschlossen sie nicht direkt anzugreifen.
    Und so entsteht der Eindruck einer sehr grossen Koalition. Wozu noch SPD wählen?

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