Fotos der NSU-Täter auf einem Protestplakat © Uwe Zucchi/dpa/lhe

Um den Mördern mehrerer Einwanderer auf die Spur zu kommen, hat die Sonderkommission Bosporus monatelang einen Schnellimbiss in Nürnberg betrieben. Bei der Vernehmung des bayerischen Oberstaatsanwalts Walter Kimmel im Untersuchungsausschuss des Bundstages stellte sich heraus, dass Polizisten ein halbes Jahr lang Döner verkauften. Um die Täter anzulocken, waren sie den Lieferanten Zahlungen schuldig geblieben. Die Polizei vermutete, dass möglicherweise ein Inkasso-Team in die Morde verwickelt war.

Zusätzlich wurde im Ausschuss bekannt, dass eine als Journalistin getarnte Ermittlerin unter türkischen Gewerbetreibenden unterwegs war. Sie war ebenfalls auf der Suche nach Spuren in der Organisierten Kriminalität.

Der Ausschuss soll Behördenversagen bei den Ermittlungen zu der Mordserie an neun Migranten und einer Polizistin durch die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund aufklären. Die Sonderkommission hatte die Täter jahrelang im Bereich der Organisierten Kriminalität vermutet und keinen Rechtsextremismus-Verdacht geschöpft. Als ein Video der Täter bekannt wurde, wurde das tatsächliche Motiv klar.

Zwischen 2000 und 2006 waren acht türkische und ein griechischer Kleinunternehmer, 2007 eine Polizistin in Heilbronn ermordet worden. Die Sonderkommission Bosporus bildete sich in Bayern, weil die Täter dort zuerst töteten. Sie arbeitete auch mit Ermittlergruppen in anderen Bundesländern zusammen.

Ungläubige Nachfragen

Polizeiintern und in Berichten war lange von "Döner-Morden" die Rede – vor dem Hintergrund der neuen Information besonders absurd.

Die Information von dem Döner-Imbiss führte in der Abgeordnetenrunde zum Eklat. Ungläubig fragte Ausschusschef Sebastian Edathy bei Staatsanwalt Kimmel nach: "Wie habe ich mir das vorzustellen mit dem Döner-Stand? Da stehen dann Scharfschützen rund um die Uhr?" Der sichtlich verärgerte FDP-Parlamentarier Hartfrid Wolff verlangte, die Sitzung sofort zu unterbrechen und die Öffentlichkeit auszuschließen.

Edathy hatte die Information erst am Abend vorher von dem Ermittlungsbeauftragen erhalten – die anderen Fraktionen schienen darüber nicht im Bilde zu sein. Im geheimen Teil der Sitzung entschuldigte sich Edathy bei den anderen Abgeordneten dafür, dass er die Information über die Dönerbude für sich behalten hatte.

Aber auch der Leitende Staatsanwalt Kimmel hat die Brisanz offenbar nicht erkannt: Er habe zwar davon gewusst, die Aktion mit dem Imbissstand aber nicht angeordnet, rechtfertigte er sich. Wie genau alles vor sich gegangen sei, könne er nicht sagen. Die SPD-Abgeordnete Eva Högl sagte, es falle ihr schwer, sich "vorzustellen, dass Sie trotz täglicher Besprechungen mit den Beamten von so einer Aktion keine Kenntnis gehabt haben wollen".

Falsche Spur aus der Türkei

Högl hatte auch in einer persönlichen Anmerkung erklärt, sie hätte vom Staatsanwalt, der für die jahrelangen Ermittlungen in die falsche Richtung Organisierte Kriminalität die juristische Verantwortung trägt, gern ein "Wort des Bedauerns" gehört. Das sei man auch den Opfern und ihren Angehörigen schuldig. Kimmel sagte aber lediglich, man habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

In der falschen Richtung bestätigt wurden die deutschen Ermittler auch durch die Türkei: Nach Informationen der ZEIT hatten türkische Behörden den deutschen Beamten Ermittlungen im Bereich der Organisierten Kriminalität nahegelegt. Gestützt wurde die These auch von Hinweisen, dass drei der Mordopfer tatsächlich Verbindungen zur Organisierten Kriminalität hatten.

Die rechtsextremistischen Täter töteten in insgesamt fünf Bundesländern. Als Hauptverdächtige sitzt Beate Zschäpe in Untersuchungshaft, die zwei weiteren mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hatten sich kurz vor Enttarnung der Neonazi-Gruppe selbst getötet. Weitere mutmaßliche Helfer sind ebenfalls inhaftiert.