Wagenknecht trifft GauweilerEin Abend ohne Haushaltsdisziplin

Die Linke Sahra Wagenknecht diskutiert mit FAZ-Herausgeber Schirrmacher und CSU-Rebell Gauweiler. Dabei zeigt sich: Antikapitalismus kommt an, auch bei Bürgerlichen. von 

Die Euro-Krise hatte bei aller Tragik mal etwas Hoffnungsträchtiges. Als der eigentlich konservative Publizist Frank Schirrmacher und vor ihm Charles Moore vor einem Dreiverteljahr in Essays mit dem Neoliberalismus abrechneten, erschien es denkbar, dass das Schulden-Inferno zumindest ein Gutes mit sich bringen könnte: Das Ende des blinden Marktglaubens. Vielleicht gar ein Versuch, Wirtschaftspolitik noch einmal gänzlich neu zu denken.

Zwischenzeitlich aber ist alles wieder Verwaltung geworden. Der Neoliberalismus ist nicht tot, sondern wird unter dem Namen Wettbewerbsfähigkeit gen Süden exportiert. Statt eines sozioökomischen Umbruchs gibt es in Deutschland jetzt Piraten , die mit ihrer possierlichen Unentschlossenheit die Eliten nicht wirklich stören. Von ernstzunehmenden Gedankenexperimenten bekommt zumindest der Halblaie kaum etwas mit.

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Zu diesem Abend in der Berliner Kulturbrauerei aber sind Fiskaldisziplin und Alternativlosigkeit nicht eingeladen. Dort sitzen weder Regierungspolitiker noch Institutsökomomen, sondern FAZ-Herausgeber Schirrmacher , Linkenpolitikerin Sahra Wagenknecht und CSU-Rebell Peter Gauweiler , die anlässlich der Vorstellung des Wagenknecht-Buches Freiheit statt Kapitalismus die Euro-Krise und den Kapitalismus wälzen. Und dabei ein wenig Entschädigung leisten für den verloren gegangenen Frühling der wirtschaftspolitischen Unordnung.

Frankreich und Griechenland verändern die Debatte

Ist er wirklich verloren? Die Euro-Krise ist seit den Wahlentscheidungen vom vergangenen Sonntag ganz plötzlich wieder da. Franzosen und Griechen haben nicht nur negativ über ihre Volksvertreter und Regierungschefs entschieden, sondern auch über Angela Merkel und deren Dogma, dass die Unabhängigkeit von den Finanzmärkten vor allem über einen ausgeglichenen Haushalt erreicht werden könne. Eingezwängt von einem linken französischen Präsidenten , einer widerstandsbereiten griechischen Parlamentsmehrheit und einem generellen Glauben, dass Sparen allein nicht reicht, droht die Kanzlerin ihre bisher recht unangefochtene Diskurshoheit zu verlieren.

Für Wagenknecht ist das ein Grund zur Freude, aber das ist nichts Neues. Sie meint schon länger, dass es mit der Bändigung des Kapitalismus seit Rot-Grün vorbei sei. Dass Griechenland einen einseitigen Schuldenschnitt herbeiführen sollte und die Reichen Europas die Schulden bezahlen sollten. Viel erstaunlicher ist es, welchen Respekt sie für ihre vernichtende Diagnose von ihren nicht eben linken Gesprächspartnern erhält.

Schirrmacher bezeichnet das Buch als "intellektuellen Beitrag, der sich parteipolitisch nicht mehr verarbeiten lässt". Zum Beweis führt er Mittelständler an, die begeistert auf den FAZ-Vorabdruck reagiert hätten. Habe es vielleicht gerade eine Ostdeutsche gebraucht, um zu zeigen, wie die soziale Marktwirtschaft einmal gedacht war? Gauweiler – der in Zeiten einst den Slogan "Freiheit statt Sozialismus" mitersann – bescheinigt der ostdeutschen Sozialistin gar, die Idee Ludwig Erhards zu verteidigen. "Das, wofür wir damals gekämpft haben." Welch eine Verschiebung!

Leserkommentare
  1. ist die gute Seite "Anti-Sozialismus" ist dann wohl die böse.

    Würden viele "Zeit" Leser aufwachen wenn man ihnen sagen würde das "Anti-Kapitalismus" ein Geschäft ist an dem Frau Wagenknecht auch richtig mitverdient?

    Letztens kam raus das IKEA (Kapitalistisch) in Cuba und der DDR (Kommunistisch) produziert hat.

    Kapitalismus und gelebter Sozialismus gehen also Hand in Hand.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das ist seit Jahrzehnten bekannt, hat nur niemanden interessiert.

    Es gibt den schönen Spruch:
    "Der Kapitalismus hat nicht gesiegt, er ist übriggeblieben."

    Ihre Antwort hat leider nichts mit dem Thema zu tun! China würde wohl besser als Ikea als Beispiel passen. Wichtiger ist doch die These, daß unsere derzeitigen Eliten mit Erhard nichts mehr am Hut haben. Die absolute Markgläubigkeit findet doch bei der FDP ihre Heimstatt. Und deshalb zu Recht ein Auslaufmodell. Ein Analyt schrieb doch treffend zur Griechenlandwahl als "Antimerkelwahl". Bei etwas weniger Zurückhaltung müßte das auch zu Frankreich gesagt werden. Und diese Tendenz wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Ich sage schwere Zeiten für alle derzeit Regierenden in Europa voraus.

    Gute weiße Ware, zum halben Preis. Das war auch DDR-Ware. Das war eigentlich jedem bekannt. Heute kommen übrigens Ikea-Regale aus der VRChina und werden dort von Quasisklaven zusammengezimmert.

    Das hat aber alles nichts damit zu tun, dass wir hier in Deutschland durch Kohls geistig-moralische Wende und Schröders Agenda 2010 und merkels Durchlatedings zu einem neoliberalen Land degeneriert sind. Damit sollte andlich Schluß gemacht werden.

    • efka
    • 09. Mai 2012 12:22 Uhr

    @aaron_lieberknecht

    Und letztens bei Aldi: hat das Unternehmen sich seine Ausbildungskosten vom Staat abnehmen lassen - vom deutschen Staat.

    Ja, Teilnehmer der Märkte haben eine eingebaute Tendenz zum Ganznehmer, zur Alleinherrschaft und kennen nur eine Ideologie: den Profit für sich selbst.

    Der Sozialismus hält den Menschen in seiner Würde und in seiner Gesellschaft dagegen. Und das ist gut so!

    Ich bin allerdings eher bei den Piraten, die Entscheidungen und deren Kontrolle den Bürgern zutrauen.

    gruß efka
    .

    bloß gut das wir ein aufhänger haben über die DDR!
    aber als Sachse muß gefragt, ob es nur Geschichte in der
    DDR gegeben hat? und sie wird ja auch aufgearbeit!
    und im Westen?

    Ikea u.s.w., und...?

    lieber forist und die vielen geschichten der alten BRD?

    Südafrika vergessen?
    hat die Brd nicht Waffen und anderes Gerät zum unterdrücken und foltern der ganzen schwarzen häftlinge geliefert ?????????????

    vergessen!

    Bloß gut das es die DDR gab?!

    • cvnde
    • 09. Mai 2012 13:04 Uhr

    der Tollen Ikea-Tische kommt aus den Urwäldern Russlands.

    • Sredna
    • 09. Mai 2012 15:19 Uhr

    ...wird der Fehler gemacht, die DDR zum Beispiel des gelebten Sozialismus zu erklären. Falsch!
    Ich habe es hier schon mehrfach gesagt, mit einem Sozialismus wie er von Marx und Engels erdacht worden war, haben und hatten weder die DDR, noch die UdSSR, Cuba, China etc. etc. viel zu tun. Sie würden sich im Grabe umdrehen.
    Das erkennt man schon allein daran, dass keiner dieser Staaten demokratisch ist/war (denn, oh doch ihr Anti-Sozialisten, Demokratie ist ein wesentlicher bestandteil des Sozialismus - dass alle bisherigen "sozialistischen" Regime das nicht interessierte, ist auf die Bösartigkeit einzelner Menschen, nicht auf die Schwäche der Idee zurückzuführen).
    Von daher entbehrt ihr Schluss, dass "gelebter Sozialismus und Kapitalismus Hand in Hand gehen" jedweder Grundlage.

  2. das ist seit Jahrzehnten bekannt, hat nur niemanden interessiert.

    Es gibt den schönen Spruch:
    "Der Kapitalismus hat nicht gesiegt, er ist übriggeblieben."

    Antwort auf ""Anti-Kapitalismus"..."
  3. Ihre Antwort hat leider nichts mit dem Thema zu tun! China würde wohl besser als Ikea als Beispiel passen. Wichtiger ist doch die These, daß unsere derzeitigen Eliten mit Erhard nichts mehr am Hut haben. Die absolute Markgläubigkeit findet doch bei der FDP ihre Heimstatt. Und deshalb zu Recht ein Auslaufmodell. Ein Analyt schrieb doch treffend zur Griechenlandwahl als "Antimerkelwahl". Bei etwas weniger Zurückhaltung müßte das auch zu Frankreich gesagt werden. Und diese Tendenz wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Ich sage schwere Zeiten für alle derzeit Regierenden in Europa voraus.

    Antwort auf ""Anti-Kapitalismus"..."
  4. Frau Wagenknecht weiß also jetzt auch, wie man "Soziale Marktwirtschaft" schreibt. Na, da gratulieren wir doch herzlich!

    "Eine Erzählung von Europa, wie sie Schirrmacher von Wagenknecht verlangt, hat die Linkenpolitikerin ziemlich deutlich noch nicht."
    Kann man wohl sagen. Und deswegen werde ich diese Dame auch nicht wählen.

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    ..wen wählst du denn dann? Wer hat denn Lösungen für die momentanen Probleme? Wagenknecht versteht wenigstens was von Volkswirtschaft, überhaupt scheinen Grundkenntnisse darin depremierenderweise nur noch in der Linken vorhanden zu sein, zumindest bei manchen Akteuren dort.

    Aber es wird sich noch immer ein Grund finden, das vage (und immer wieder prächtig medial inszenierte) Unbehagen gegenüber der Linken in Pseudo-Argumente zu kleiden.

  5. Es ist beeindruckend, wie Frau Wagenknecht als Autodidaktin das Gegenstück zu einem Volkswirtschaftsstudium hingelegt hat. Beeindruckend, dass sie nicht allein an ihrer Karriere oder am Herausbrüllen ihrer Überzeugungen interessiert ist, sondern an Erkenntnis. Im politischen Bereich ist das nicht sehr oft zu sehen.

    Auf diese Weise sieht sie inzwischen Wahrheiten und spricht sie aus, die die regierungsamtlichen Volkswirte nicht sehen, nicht sehen wollen oder nicht sehen dürfen. Da kann ihr auch ein Bürgerlicher gern folgen.

    Noch hält sie an der Idee fest, man könne Marktlogik und Markteffizienz sowie die persönliche Freiheit eines Marktsystems einerseits und radikale Einkommens- und Vermögensumverteilung andererseits gleichzeitig haben. Ich glaube nicht, dass das geht. Mal sehen, wo Frau Wagenknecht ihre Wahrheitssuche in fünf oder zehn Jahren hingeführt haben werden.

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    • efka
    • 09. Mai 2012 13:02 Uhr

    @WolfHai

    wo Frau Wagenknecht ihre Wahrheitssuche in fünf oder zehn Jahren hingeführt haben werden.

    Zu den Piraten ;-)

    gruß efka
    .

    ...in eine soziale Marktwirtschaft zurück. Ist ja nicht so, dass es die nicht geben könnte.

  6. Wer diese Veranstaltung wahrnehmen durfte, musste sie mit Begeisterung für das Wissen, das Nachdenken und die Entwicklung dieser Frau verlassen - gleich, welchem politischen Lager man angehört. Wenn sich unterschiedliche Denker zusammenfinden, ist es gut. Man redet miteinander und akzeptierte andere Meinungen. Schon darin liegt eine große Begabung dieser Frau, die eine interessante Entwicklung in unserer Demokratie genommen hat und ganz sicher, dieser erhalten, verbessern, gerechter machen will. Sie ist und bleibt streitbar, aber sie denkt wenigstens nach und stellt sich fast tapfer in den Ring. Eine Lötsch konnte ihr nicht das Wasser reichen; mögen die jungen, klugen und demokratiebewussten sich bei den Linken durchsetzen. Wir kommen nicht umhin, miteinander zu diskutieren, wie es in unserem Land, in Europa und auf der Welt weitergehen soll. Darin liegt auch der Erfolg der Piraten, die mal um Wagenknecht werben sollten -:) -:)

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    ...Koalition aus Piraten und Linken fände ich am besten, die einen strikt basisdemokratisch, aufgeschlossen, technophil und bürgerrechtsorientiert, die anderen sozial und volkswirtschaftlich. Vielleicht könnte man die Grünen noch mit rein holen, wobei die bei weitem nicht mehr den Esprit der Anfangszeit haben.

    • max13
    • 09. Mai 2012 15:48 Uhr

    Man gestatte mir einen etwas polemischen Vergleich: Auch Goebbels war ein intelligenter Mensch. Das allein sagt aber noch nichts über die dahinterstehende Agenda aus.

    Anscheinend haben politische Rattenfänger, die in der Lage sind, grenzwertige Inhalte relativ unfallfrei in hübsche Worthülsen zu verpacken, noch immer Konjunktur in Deutschland. Komisch.

  7. Sahra Wagenknecht ist das Beste was die Linke derzeit zu bieten hat. Sie ist analytisch, bringt die Dinge logisch auf den Punkt und ist redegewandt, für mich eine potentielle Kanzlerin die für den größten Teil des deutschen Volkes Politik machen würde.

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    ...allemal besser als Merkel. Aber vor Personenkult möchte ich warnen. Solche Ämter stutzen jeden zurecht und zurück bleibt dann nichts als Enttäuschung.

    Wenn sie clever ist, setzt sie sich für ein mehr an Demokratie ein (falls sie jemals in eine solche Position kommen sollte) und stellt ihre Ideen zur Abstimmung. Das würde auch den etwas hysterischen Kommunismuswarnern den Wind aus den Segeln nehmen und es könnte ihr den Rückenwind bringen, den sie gegen die extrem mächtigen Interessen-Kreise, die Konzerne, den Finanzadel, die Banken, etc. bräuchte.

  8. Sie sollte wirklich ihre rote Farbe bekennen und linke Politik machen statt duch Talk Runden zu tingel,. Sarah mach dem Gabriel Beine, guck dir in France mal Melenchon an, so macht man das

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