Die Spitzenkandidatin der SPD: Hannelore Kraft © Michael Kappeler /AFP/Getty Images

"Kleine Bundestagswahl" nennen sie die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gern. Manches Mal wurde in NRW die Zukunft der Bundespolitik bestimmt. Hier wurde einst die sozialliberale Koalition auf ihre Tauglichkeit getestet, hier ging das rot-grüne Projekt von Gerhard Schröder und Joschka Fischer zu Bruch.

Markiert die Wahl vom Sonntag nun den Anfang vom Ende der Ära Merkel und die Rückkehr von Rot-Grün? Nur 26 Prozent der Stimmen hat der CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen im bevölkerungsreichsten Bundesland geholt. Das ist ein Desaster. Dennoch eignet sich diese Wahl hervorragend dazu, falsche Schlüsse zu ziehen.

Zum Beispiel Rot-Grün: Ihr Sieg bedeutet mitnichten, dass sich die Ausgangslage für eine solche Koalition im Bund verbessert hat. Denn es ändert sich ja nicht einmal die Mehrheit im Bundesrat. Von den rund 39 gewonnenen Prozent ist die SPD auf Bundesebene Lichtjahre entfernt. Worin also soll das "klare Signal nach Berlin " bestehen, das Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ausgemacht haben will? Die SPD bräuchte erstmal eine Idee – oder einen Kopf.

Doch ist der Kurs der Bundes-SPD immer noch erratisch, mal staatstragend merkelhaft, mal aufmüpfig hollandeesk. Die SPD ist noch immer eine zutiefst ratlose Partei, anhaltend zerstritten über die Rente mit 67 und Hartz IV. Weshalb 52 Prozent der potenziellen SPD-Wähler nicht genau wissen, wofür ihre Partei eigentlich steht.

Unter CDU-Anhängern gibt es ebenfalls solche Zweifel. Doch hat die Union einen entscheidenden Vorteil, der auch mit dieser Wahl nicht verschwunden ist: Angela Merkel . Rot-Grün dagegen hat bloß eine vertagte Personaldebatte (Grüne) und drei Möchtegern-Kanzlerkandidaten (SPD), von denen der einzig halbwegs aussichtsreiche, Peer Steinbrück , in der Partei nicht gemocht wird.

Im Grunde konnte der Bundeskanzlerin nichts Besseres passieren als dieser Wahlausgang. Ihr einziger innerparteilicher Konkurrent, Norbert Röttgen , ist seinen Landesvorsitz los und kehrt gedemütigt zurück ins Berliner Kabinett. Wichtiger noch: Die Ampel-Debatte , gerade erst begonnen, ist schon wieder tot. Nichts wäre gefährlicher für Merkels Koalition geworden, als wenn die NRW-FDP einen Lagerwechsel hin zu Rot-Grün eingeleitet hätte. Ein solcher Schritt hätte das Berliner Bündnis mehr destabilisiert als alle FDP-Misserfolge zuvor.

Statt Wechsel-Gedankenspielen zu fröhnen werden die Liberalen nun in den kommenden Monaten vor allem darüber diskutieren, ob sie mit Parteichef Philipp Rösler oder lieber mit Christian Lindner in den Bundestagswahlkampf ziehen wollen. Merkel kann's recht sein, solange ihr nicht die Option auf eine schwarz-gelbe Regierung abhanden kommt.

Fürchten muss die Kanzlerin nach heutigem Stand nur wenig: Dass ihr die Euro-Krise entgleitet beispielsweise, oder dass die Deutschen plötzlich auf den Kurs des neuen französischen Präsidenten François Hollande einschwenken. Oder dass die SPD beschließt, Hannelore Kraft zur Kanzlerkandidatin zu machen. Dann hätte diese "kleine Bundestagswahl" tatsächlich einen Wechsel eingeleitet. Doch diesen Schritt hat Kraft selbst schon ausgeschlossen.