Ein letztes Mal haben sie sich alle auf einer Bühne versammelt, hier auf dem Marktplatz in Düsseldorf . Die CDU will Kompetenz demonstrieren und vor allem: Geschlossenheit. Da ist Norbert Röttgen , der eher glücklose Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen . Direkt neben ihm Kanzlerin Angela Merkel , die die Wahl am Sonntag nicht als Abstimmung über ihren Europa-Kurs verstanden wissen will, obwohl Röttgen das doch so gesagt hatte. Dahinter Armin Laschet , der an Röttgens Stelle Chef im Westen werden wollte. Umringt sind sie vom Schattenkabinett der Partei für Nordrhein-Westfalen und all den anderen Granden, die sich jetzt noch 48 Stunden zusammenreißen müssen. Mehr als 20 Politiker stehen da beim Wahlkampf-Finale am Freitagabend in Düsseldorf und beklatschen sich eine Stunde lang gegenseitig. Es ist ein Sich-Mut-Anklatschen.

Ermutigen soll vor allem Angela Merkel . Es ist ihr neunter und letzter Auftritt im Blitz-Wahlkampf. Für eine Landtagswahl kam die Kanzlerin ungewöhnlich oft. Sie weiß, wie wichtig die Entscheidung am Sonntag auch für die Bundespolitik ist. Ihre Rede ist nicht schlecht, auch wenn sie eben diese Rede schon auf acht anderen Marktplätzen gehalten hat. Routiniert und prägnant geht sie noch einmal die wichtigsten Themen durch: "Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehören zusammen, das ist soziale Marktwirtschaft", ruft sie. " Hannelore Kraft hat in zwei Jahren nichts gelernt", sagt sie und meint damit die Haushaltspolitik der bisherigen SPD-Ministerpräsidentin . Und ein bisschen schmeichelt sie sich auch ein bei den Düsseldorfern: "Es gibt keinen Grund, warum NRW schlechter dastehen sollte als Bayern oder Baden-Württemberg !" Ein Satz, der über die letzten Meter des Wahlkampfes trägt.

Und dann gegen Ende sagt sie: "Es geht am Sonntag nicht darum, ob Frau X oder Herr Y gewinnen, es geht nicht um deren Karrieren." Sie wendet sich direkt an die Zuhörer auf dem Platz. "Es geht um Ihre persönliche Zukunft!" Es ist Merkels Versuch, die Debatte um Röttgens Rolle zwischen Berlin und Düsseldorf beiseitezuschieben und die Frage, was der Bundesumweltminister denn bei einer Wahlniederlage machen wird, vergessen zu machen. Sie mag Recht haben damit, dass eine Landtagswahl viel mehr ist als die Abstimmung über eine Politikerkarriere. Ein Zeichen für einen gelungenen Wahlkampf ist die Betonung darauf nicht gerade. Merkel versucht zu retten, was zu retten ist.

Kein Wahlkampfthema der CDU hat überzeugt

Röttgen selbst teilt heftig aus in seiner Rede. In Anspielung auf ein längst berüchtigtes Wahlplakat der Sozialdemokraten ruft er: "Die SPD bietet im Wahlkampf inhaltlich Currywurst, und in der Regierung hat sie Flaschen!" Das Publikum johlt. "Am Anfang hat Hannelore Kraft gemeinsame Sache mit den Linken gemacht, am Ende ist ihre Regierung gestürzt. Und dazwischen war nix außer Schulden." Es ist eine gute Rede von Röttgen, viel besser als seine Zahlendrescherei im TV-Duell . Es scheint, als hätte er auf der Zielgraden endlich seinen kämpferischen Ton gefunden. Die scheinbare Aussichtslosigkeit auf einen Wahlsieg hat Norbert Röttgen befreit.

Erstaunlich gute Laune scheint an diesem Abend ausgerechnet Armin Laschet zu haben. Auf der Bühne grinst er breit und wippt auf den Zehen auf und ab. Ihm werden neben Karl-Josef Laumann , dem bisherigen Fraktionschef, die besten Chancen auf die Nachfolge von Röttgen zugerechnet, falls der die Wahl nicht gewinnen und sich deshalb wieder nach Berlin zurückziehen sollte. Und danach sieht momentan vieles aus.

Das liegt daran, dass bis jetzt kein Wahlkampfthema der CDU so richtig gegriffen hat. Auch nicht die Haushaltspolitik. Neben die Bühne in Düsseldorf hat die Junge Union einen riesigen aufblasbaren Schuldenberg gestellt. Die Finanzen sollten nach dem Willen der CDU diese Wahl entscheiden. Doch die Umfragen deuten nicht darauf hin, dass die Wähler den Konservativen darin folgen. Auf der anderen Seite der Bühne, am Rathaus der Stadt, ist eine eher ungewöhnliche Schuldenuhr installiert. Sie zeigt nicht an, wie viele Schulden pro Sekunde die Stadt anhäuft, sondern seit wann sie schuldenfrei ist. Über viereinhalb Jahre sind es mittlerweile. Die Stadt Düsseldorf ist aus Röttgens Sicht ein Vorbild für das Bundesland, das von hier aus regiert wird.

Röttgen fehlte der Mut

Daher sind auch Stammwähler skeptisch, wenn man sie nach den Aussichten für Sonntag fragt. Zum Beispiel Gerhard Smits, der extra nach Düsseldorf gekommen ist, um die Kanzlerin zu sehen. "Merkel kommt für mich direkt nach Adenauer", sagt er und glaubt trotzdem nicht an ein gutes Wahlergebnis. Das Ehepaar, das später mit einem eingerollten CDU-Plakat in der Straßenbahn sitzt, hätte sich vom Spitzenkandidaten etwas mehr Mut gewünscht. "Ich arbeite in der Stadtverwaltung und habe den Entschuldungskurs der Stadt mitbekommen, das war damals ganz schön schmerzhaft", sagt die Frau. "Aber im Nachhinein war das absolut richtig, es hat sich gelohnt." Röttgen hätte deshalb ruhig deutlichere und drastischere Sparvorschläge machen können.

Am Ende, als die Helfer die Bierbänke und Werbebanner abbauen, steht die CDU-Truppe noch einige Zeit zusammen vor der Bühne herum, nur die Kanzlerin ist schon gefahren. Einige Anhänger wollen noch ein Erinnerungsfoto mit Norbert Röttgen, einer hält eine Papp-Figur der Kanzlerin mit ins Bild, ihr Kopf liegt dann an der Schulter des Spitzenkandidaten, sehr zutraulich sieht das aus. Norbert Röttgen lächelt etwas gezwungen. Er weiß: Noch 48 Stunden, dann werden die Karten neu gemischt. Es könnte sein letztes Gruppenbild in Nordrhein Westfalen gewesen sein.