NRW-WahlkampfLetztes Gruppenbild mit Dame

Beim CDU-Wahlkampf-Finale in Düsseldorf geben sich Kandidat Röttgen und Kanzlerin Merkel noch einmal kämpferisch. Morgen werden die Karten in der Landespartei neu gemischt. von 

Bald wieder gemeinsam in Berlin? Bundeskanzlerin Angela Merkel und CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen beim Wahlkampffinale in Düsseldorf

Bald wieder gemeinsam in Berlin? Bundeskanzlerin Angela Merkel und CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen beim Wahlkampffinale in Düsseldorf  |  © dpa

Ein letztes Mal haben sie sich alle auf einer Bühne versammelt, hier auf dem Marktplatz in Düsseldorf . Die CDU will Kompetenz demonstrieren und vor allem: Geschlossenheit. Da ist Norbert Röttgen , der eher glücklose Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen . Direkt neben ihm Kanzlerin Angela Merkel , die die Wahl am Sonntag nicht als Abstimmung über ihren Europa-Kurs verstanden wissen will, obwohl Röttgen das doch so gesagt hatte. Dahinter Armin Laschet , der an Röttgens Stelle Chef im Westen werden wollte. Umringt sind sie vom Schattenkabinett der Partei für Nordrhein-Westfalen und all den anderen Granden, die sich jetzt noch 48 Stunden zusammenreißen müssen. Mehr als 20 Politiker stehen da beim Wahlkampf-Finale am Freitagabend in Düsseldorf und beklatschen sich eine Stunde lang gegenseitig. Es ist ein Sich-Mut-Anklatschen.

Ermutigen soll vor allem Angela Merkel . Es ist ihr neunter und letzter Auftritt im Blitz-Wahlkampf. Für eine Landtagswahl kam die Kanzlerin ungewöhnlich oft. Sie weiß, wie wichtig die Entscheidung am Sonntag auch für die Bundespolitik ist. Ihre Rede ist nicht schlecht, auch wenn sie eben diese Rede schon auf acht anderen Marktplätzen gehalten hat. Routiniert und prägnant geht sie noch einmal die wichtigsten Themen durch: "Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehören zusammen, das ist soziale Marktwirtschaft", ruft sie. " Hannelore Kraft hat in zwei Jahren nichts gelernt", sagt sie und meint damit die Haushaltspolitik der bisherigen SPD-Ministerpräsidentin . Und ein bisschen schmeichelt sie sich auch ein bei den Düsseldorfern: "Es gibt keinen Grund, warum NRW schlechter dastehen sollte als Bayern oder Baden-Württemberg !" Ein Satz, der über die letzten Meter des Wahlkampfes trägt.

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Und dann gegen Ende sagt sie: "Es geht am Sonntag nicht darum, ob Frau X oder Herr Y gewinnen, es geht nicht um deren Karrieren." Sie wendet sich direkt an die Zuhörer auf dem Platz. "Es geht um Ihre persönliche Zukunft!" Es ist Merkels Versuch, die Debatte um Röttgens Rolle zwischen Berlin und Düsseldorf beiseitezuschieben und die Frage, was der Bundesumweltminister denn bei einer Wahlniederlage machen wird, vergessen zu machen. Sie mag Recht haben damit, dass eine Landtagswahl viel mehr ist als die Abstimmung über eine Politikerkarriere. Ein Zeichen für einen gelungenen Wahlkampf ist die Betonung darauf nicht gerade. Merkel versucht zu retten, was zu retten ist.

Kein Wahlkampfthema der CDU hat überzeugt

Röttgen selbst teilt heftig aus in seiner Rede. In Anspielung auf ein längst berüchtigtes Wahlplakat der Sozialdemokraten ruft er: "Die SPD bietet im Wahlkampf inhaltlich Currywurst, und in der Regierung hat sie Flaschen!" Das Publikum johlt. "Am Anfang hat Hannelore Kraft gemeinsame Sache mit den Linken gemacht, am Ende ist ihre Regierung gestürzt. Und dazwischen war nix außer Schulden." Es ist eine gute Rede von Röttgen, viel besser als seine Zahlendrescherei im TV-Duell . Es scheint, als hätte er auf der Zielgraden endlich seinen kämpferischen Ton gefunden. Die scheinbare Aussichtslosigkeit auf einen Wahlsieg hat Norbert Röttgen befreit.

Erstaunlich gute Laune scheint an diesem Abend ausgerechnet Armin Laschet zu haben. Auf der Bühne grinst er breit und wippt auf den Zehen auf und ab. Ihm werden neben Karl-Josef Laumann , dem bisherigen Fraktionschef, die besten Chancen auf die Nachfolge von Röttgen zugerechnet, falls der die Wahl nicht gewinnen und sich deshalb wieder nach Berlin zurückziehen sollte. Und danach sieht momentan vieles aus.

Das liegt daran, dass bis jetzt kein Wahlkampfthema der CDU so richtig gegriffen hat. Auch nicht die Haushaltspolitik. Neben die Bühne in Düsseldorf hat die Junge Union einen riesigen aufblasbaren Schuldenberg gestellt. Die Finanzen sollten nach dem Willen der CDU diese Wahl entscheiden. Doch die Umfragen deuten nicht darauf hin, dass die Wähler den Konservativen darin folgen. Auf der anderen Seite der Bühne, am Rathaus der Stadt, ist eine eher ungewöhnliche Schuldenuhr installiert. Sie zeigt nicht an, wie viele Schulden pro Sekunde die Stadt anhäuft, sondern seit wann sie schuldenfrei ist. Über viereinhalb Jahre sind es mittlerweile. Die Stadt Düsseldorf ist aus Röttgens Sicht ein Vorbild für das Bundesland, das von hier aus regiert wird.

Röttgen fehlte der Mut

Daher sind auch Stammwähler skeptisch, wenn man sie nach den Aussichten für Sonntag fragt. Zum Beispiel Gerhard Smits, der extra nach Düsseldorf gekommen ist, um die Kanzlerin zu sehen. "Merkel kommt für mich direkt nach Adenauer", sagt er und glaubt trotzdem nicht an ein gutes Wahlergebnis. Das Ehepaar, das später mit einem eingerollten CDU-Plakat in der Straßenbahn sitzt, hätte sich vom Spitzenkandidaten etwas mehr Mut gewünscht. "Ich arbeite in der Stadtverwaltung und habe den Entschuldungskurs der Stadt mitbekommen, das war damals ganz schön schmerzhaft", sagt die Frau. "Aber im Nachhinein war das absolut richtig, es hat sich gelohnt." Röttgen hätte deshalb ruhig deutlichere und drastischere Sparvorschläge machen können.

Am Ende, als die Helfer die Bierbänke und Werbebanner abbauen, steht die CDU-Truppe noch einige Zeit zusammen vor der Bühne herum, nur die Kanzlerin ist schon gefahren. Einige Anhänger wollen noch ein Erinnerungsfoto mit Norbert Röttgen, einer hält eine Papp-Figur der Kanzlerin mit ins Bild, ihr Kopf liegt dann an der Schulter des Spitzenkandidaten, sehr zutraulich sieht das aus. Norbert Röttgen lächelt etwas gezwungen. Er weiß: Noch 48 Stunden, dann werden die Karten neu gemischt. Es könnte sein letztes Gruppenbild in Nordrhein Westfalen gewesen sein.
 

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen sachlichen Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke. Die Redaktion/ag

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Diskussion des Artikelthemas. Danke. Die Redaktion/ag

  3. Das wäre neu. Auch die CDU ist von dem Irrglauben geleitet, dass parteiinterne Auseinandersetzungen der Partei schaden. Denn Frau Merkel erkennt nicht den Unterschied zwischen unkontrolliertem Rumoren, das in die Öffentlichkeit dringt und einer klaren kritischen Ansage der Chefin. Klare Linie vorgeben und deutliche Worte wären eine Wohltat in diesem politischen Einheitsbrei. Wie sähe die merkelsche Popularität aus, wenn sie neben ihrer breit anerkannten Arbeit auch noch auf das Aussitzen verzichten würde?

  4. "Ich hab es versucht. Ich habe es versemmelt". Mit dieser Erkenntnis wird Norbert Röttgen am Montag zurück an die Spree fahren, sofern er ein Ergebnis erzielt, welches für die CDU noch unterhalb jenes von 2010 liegt. Ob er sich damit am Regierungstisch halten kann, ist fraglich.

    "Ich trage die Schuld nicht alleine". Auch das kann eine Erkenntnis am Sonntagabend sein, mit der er sich jedoch am Regierungstisch halten könnte. Wenn andere keine Mitschuld an einem schlechten Wahlergebnis tragen möchten, so wird sich Norbert Röttgen fragen: "warum soll ich es dann allein tun?". Verständlich.

    Wie groß die Gruppenloyalität gegenüber Norbert Röttgen ist, wird sich aus dem Ergebnis zeigen. Zwar wollte er gerne ein desaströses Wahlergebnis mit Angela Merkel über die Kompenente "Europapolitik" teilen, doch dieser Versuch wird ihm noch mehr Prozente gekostet haben. Mit seiner Äußerung, dass ja leider der Wähler entscheidet, wer Ministerpräsident wird, zeigt deutlich die Unbeholfenheit des Norbert Röttgen auf Menschen zuzugehen.

    Er sieht in dem Wähler eher ein Hindernis, als den Auftraggeber zur Regierungsbildung. Mit seiner Äußerung hat er diesen zum notwendigen Übel dekradiert und nicht zum Souverän unserer demokratischen Gesellschaft. Gewiss ein Freudscher Fehler von ihm. Doch Freudsche Fehler haben es nunmal an sich, dass sie ausgesprochen das wiedergeben, was das Unterbewusstsein denkt. Und Norbert Röttgens Unterbewusstsein scheint nicht allzu positiv über den Wähler zu denken.

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    am Freitagabend in Düsseldorf und beklatschen sich eine Stunde lang gegenseitig. Es ist ein Sich-Mut-Anklatschen. .... ““

    wird geschrieben (man feiert sich selbst, der Auftraggeber, Souverän und Wähler scheint Nebensache zu sein, er interessiert nicht) - dazu passt :

    ““ Bedauerlicherweise entscheidet nicht allein die CDU darüber, sondern die Wähler entscheiden darüber ....““

    Diese öffentliche Aussage - ZDF - log in - Interview, 08. 05. 2012 - von Herrn Röttgen über die Entscheidungsfindung, wer Ministerpräsident in NRW wird, war keine Ironie oder Versprecher: spontan bahnte sich offenkundig die Ehrlichkeit ihren Weg.
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitrag/video/1637594/Herr-Röttgen-und-der-Wähler

    Dokumentiert wird Herrn Röttgens mangelndes Demokratieverständnis und fehlender Respekt vor der verfassungsgemäßen Ordnung:

    ““ Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus ....““

    Den Parteien steht bei der politischen Willensbildung nur ein Mitwirkungsrecht zu, jedoch kein prägender Einfluss (GG Art. 20 und 21 und LV NRW). Diese Fehlentwicklung schlägt sich in der weit verbreiteten Politikerverdrossenheit (nicht Politikverdrossenheit) nieder. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Blender nicht gewählt werden.

  5. wenn die CDU ernsthaft Menschen wie Röttgen ( u.a. ) an die Spitze wählt, sollte sie sich nicht wundern, wenn Sie nicht gewählt und hoffentlich bald abgewählt wird!

  6. soll gewählt werden - dafür ist der Wähler zuständig...

    "Für eine Landtagswahl kam die Kanzlerin ungewöhnlich oft. Sie weiß, wie wichtig die Entscheidung am Sonntag auch für die Bundespolitik ist.":

    Man kann nur hoffen, dass der Wähler ihr auch mal ein alternativlos unter ihre selbstgerechte Nase hält...

    An genug Taten sind sie ja zu messen - unsere große Taktikerin und ihr einst so "geliebter" Norbert...

    Mich über Herrn Röttgen weiter zu äußern - das unterlasse ich an dieser Stelle - aber ich bin gespannt, was hier der Ein oder auch Andere noch hinsichtlich dieses Versuchs eines Volksvertreters in Wort und Schrift hinterlässt...

    Und da ich eine Pause vom ungebremsten oft wenig abhängigen Informationsfluss brauche - werde ich erst wieder morgen Abend in ein öffentliches Medium reinschaun...

    Bis dann!

  7. am Freitagabend in Düsseldorf und beklatschen sich eine Stunde lang gegenseitig. Es ist ein Sich-Mut-Anklatschen. .... ““

    wird geschrieben (man feiert sich selbst, der Auftraggeber, Souverän und Wähler scheint Nebensache zu sein, er interessiert nicht) - dazu passt :

    ““ Bedauerlicherweise entscheidet nicht allein die CDU darüber, sondern die Wähler entscheiden darüber ....““

    Diese öffentliche Aussage - ZDF - log in - Interview, 08. 05. 2012 - von Herrn Röttgen über die Entscheidungsfindung, wer Ministerpräsident in NRW wird, war keine Ironie oder Versprecher: spontan bahnte sich offenkundig die Ehrlichkeit ihren Weg.
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitrag/video/1637594/Herr-Röttgen-und-der-Wähler

    Dokumentiert wird Herrn Röttgens mangelndes Demokratieverständnis und fehlender Respekt vor der verfassungsgemäßen Ordnung:

    ““ Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus ....““

    Den Parteien steht bei der politischen Willensbildung nur ein Mitwirkungsrecht zu, jedoch kein prägender Einfluss (GG Art. 20 und 21 und LV NRW). Diese Fehlentwicklung schlägt sich in der weit verbreiteten Politikerverdrossenheit (nicht Politikverdrossenheit) nieder. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Blender nicht gewählt werden.

  8. es richtig ein: wenig unabhängigen Informationsfluss...

    So rum wird der passende Schuh draus - uff!

    Ich dachte wohl grad, von was man so abhängig sein kann - schwupps war er da - der Freudsche...

    Na ja! :(

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Angela Merkel | Norbert Röttgen | CDU | Hannelore Kraft | Armin Laschet | SPD
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