FamilienpolitikFalscher Alarm beim Betreuungsgeld

Die umstrittene Familienleistung ist zwar Geldverschwendung. Negative Auswirkungen auf die Bildung werden aber überschätzt, kommentiert Katharina Schuler. von 

Eine Mutter liest ihrem Kind vor

Eine Mutter liest ihrem Kind vor  |  © Adam Berry/Getty Images

Die Sache mit dem Betreuungsgeld wird immer peinlicher. Vor Kurzem wies die OECD auf die negativen Effekte hin , die diese Art der Familienunterstützung in skandinavischen Ländern entfaltet hat. Nun kann die Bundesregierung auch in einem von Bund und Ländern in Auftrag gegebenen nationalen Bildungsbericht nachlesen , was Wissenschaftler von der geplanten Geldleistung für Daheim-Erziehende halten: gar nichts.

Der geplante Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung für Kinder unter drei Jahren stelle den Staat vor eine große Herausforderung, lautet das Hauptargument der Bildungsbericht-Autoren. Die gleichzeitige Einführung einer Förderung für Kinder, die zu Hause betreut werden, überfordere ihn. Dem ist sicher wenig hinzuzufügen.

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Stutzig macht allerdings Folgendes: Die Wissenschaftler fordern, der Staat solle sich auf den Ausbau der Kita-Betreuung konzentrieren. Untersuchungen hätten den Nutzen frühkindlicher Bildung in Betreuungseinrichtungen eindeutig belegt, heißt es in der Studie. Zumindest soweit sie bisher bekannt ist. Offiziell wird der Bericht erst am Freitag vorgestellt.

Auch mit Betreuungsgeld kann es frühkindliche Bildung geben

Einmal mehr wird hier suggeriert, Kleinkinder seien in der Kita per se besser aufgehoben als in der Familie. Ohnehin kann man in der erregten Debatte über das Betreuungsgeld mitunter den Eindruck gewinnen, diese Leistung werde eine ganze Generation von Bildungsversagern produzieren.

Diese Argumentationslinie ist überzogen. So haben die Forscher im aktuellen Fall übersehen, dass das Betreuungsgeld laut den aktuellen Plänen der schwarz-gelben Koalition nur für unter Dreijährige gezahlt werden soll. Wenn also in dem neuen Bildungsbericht darauf verwiesen wird, dass Kinder, die mindestens drei Jahre eine Kita besuchen, besser auf die Schule vorbereitet seien als andere Altersgenossen, so ist dies kein Argument gegen das Betreuungsgeld. Denn auch wer erst mit drei Jahren in eine Kita kommt, verbringt dort bis zum Schulbeginn noch weitere drei Jahre.

Auch für Kinder von Migranten, für die Kritiker besonders negative Auswirkungen des Betreuungsgeldes befürchten, gilt: Selbst wenn sie erst mit drei Jahren in die Kita kämen, hätten sie immer noch sehr gute Chancen, bis zum Schulanfang richtig gut Deutsch zu lernen.

Fragwürdig erscheinen auch einige andere Argumente, die derzeit gegen das Betreuungsgeld vorgebracht werden. So zum Beispiel die häufig geäußerte Befürchtung, vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien würden durch das Betreuungsgeld vom Kita-Besuch abgehalten. Tatsächlich ist der Anreiz, das Betreuungsgeld zu beziehen, umso höher, je niedriger das Arbeitseinkommen ist. Doch ist wenig Geld zu verdienen wirklich automatisch gleichbedeutend mit ungebildet sein? Die unter dem Generalverdacht der Bildungsferne stehenden Hartz-IV-Empfänger sollen von der neuen Leistung ohnehin nicht profitieren.

Leserkommentare
  1. Es geht um Kompetenzen, also die Fertigkeiten und Fähigkeiten Probleme zulösen, sowohl aug pädagogischem, sozialen, ökonomischen und ökologischen Feldern.
    Das haben viele auch bei PISA nicht verstanden, da geht es auch nur nebenbei um Bildung.

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    • Paul I
    • 20. Juni 2012 18:21 Uhr

    Wer ist Frau Schuler? Sie ist so unbekannt, dass der Vorsitzende der CSU sie bald für höhere Aufgaben auswählen wird. Die hier anstehende Partei will in Bayern alle Hausfrauen, die ohne Arbeit sind, belohnen, um die nächste Wahl zu gewinnen. Besonders im ländlichen Bereich, gibt es keine Arbeitsplätze, die frei sind und besetzt werden können. Ich spreche aus Erfahrung.
    Es geht hier nicht um Kitas, sondern um Belohnung, für eine Wahl in Bayern.

    Paul I

  2. so verpönt, dass kleinkinder in ihrer familie aufwachsen?

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    der Artikel ist eindeutig überzogen. Es wird hier so getan als ob Kinder in Krippen und Kindergärten, um nicht diese Unwort Kita zu benutzen, nicht bei ihrer Familie aufwachsen - absoluter Nonsens.
    An dem BeGe, um in der "Tradition" der Verkürzung zu verharren, die Diskussion, ob ein Dorf oder nur eine Familie allein ein Kind großzieht, aufzuziehen und nicht das eigentliche Betreuungsgeld zu diskutieren, deren Sinnlosigkeit der Artikel nur kurz anzeichnet, finde ich falsch, spiegelt jedoch eine Diskussionsmentalität wieder, die hier sehr verbreitet ist.

    Verehrte(r) Kollege/in, Sie sind m.E. auf die Propaganda der Befuehrworter dieser Sozialleistung hereingefallen, die Kausalzusammenhaenge einfach rhetorisch umdrehen, umso einen falschen Eindruck zu vermitteln.
    Das Argument der Wissenschaftler ist NICHT, dass Erziehung zu Hause per se schlecht sei. Vielmehr ist das Argument, Kinder in die KiTa zu geben, helfe vor allem Kindern, deren Familien eben nicht zu Hause genuegend Anstrengungen unternehmen (koennen), sie zu foerdern, zu sozialisieren, etc.. Hinsichtlich des Betreuungsgeldes ist nun das Argument, dass dieses einen Anreiz setze genau fuer jene Familien, ihre Kinder nicht in die KiTa zu geben, deren Kinder KiTas wohl am dringendsten braeuchten. Deswegen ist die Wissenschaft sehr skeptisch. Statt "gute Erziehung" zu belohnen, gehen die Forscher davon aus, dass das Betreuungsgeld Familien, die ihre Kinder nicht hinreichend foerdern (koennen), dazu verleitet, die Kinder nicht in KiTas zu geben und so mit einem wichtigen Mittel entziehen, Sprach- und Erziehungsdefizite auszugleichen und Chancengleichheit zu schaffen. Seehofer macht daraus Stammtisch: Die Politik wolle Kinder von ihren Eltern fernhalten. Das ist Betrug und basiert auf einem realitaetsfernen Familienverstaendnis. Die Intention, "gute Erziehung" in der Familie zu belohnen, ist sicher loeblich. Wer allerdings das Betreuungsgeld wohl am meisten beantragen wird, sind Familien, deren Kinder die KiTa unbedingt braeuchten, um sie aus der sozialen falle zu holen

  3. und das ausgewählte bild suggeriert dem leser, es handele sich um ältere kinder.

    macht doch bitte ein passendes bild dahin, eines mit pummeligen windelträgern und pausbäckchen, damit nicht beschönigt wird, dass es hier um babys und kleinkinder geht.

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    Redaktion

    Liebe(r) mcharlie,

    Sie haben recht. Wir haben das Bild ausgetauscht. Unsere neue Protagonistin ist jünger!

    Viele Grüße und danke für den Hinweis, Lisa Caspari

  4. Eine Leserempfehlung
  5. "Einmal mehr wird hier suggeriert, Kleinkinder seien in der Kita per se besser aufgehoben als in der Familie."

    Einmal mehr wird hier suggeriert, die meisten Eltern hätten die Wahl, sich zu entscheiden.
    Die meisten jungen Familien können es sich doch gar nicht leisten, ihr Kind zuhause zu behalten, weil das Geld nur eines Partners nicht reicht.

    19 Leserempfehlungen
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    kann es sich nicht um "die meisten Eltern" handeln, da "die meisten" Kleinkinder keine Plätze beseten können.

    ... reicht aber aus, um 420 Euro Gebühr (aktuell in Groß-Bieberau, Krippenbereich "Leo") für den Kitaplatz zu zahlen und darüberhinaus?

  6. der Artikel ist eindeutig überzogen. Es wird hier so getan als ob Kinder in Krippen und Kindergärten, um nicht diese Unwort Kita zu benutzen, nicht bei ihrer Familie aufwachsen - absoluter Nonsens.
    An dem BeGe, um in der "Tradition" der Verkürzung zu verharren, die Diskussion, ob ein Dorf oder nur eine Familie allein ein Kind großzieht, aufzuziehen und nicht das eigentliche Betreuungsgeld zu diskutieren, deren Sinnlosigkeit der Artikel nur kurz anzeichnet, finde ich falsch, spiegelt jedoch eine Diskussionsmentalität wieder, die hier sehr verbreitet ist.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "wird es denn wirklich "
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    ein dorf ist nicht das gleiche wie eine kinderkrippe/kindergarten sondern eine lebendige vielfältige und natürlich gewachsene gemeinschaft.

    man bringts früh morgens hin und bis man abends wieder mit dem kind daheim ist, ist es 5. geht das kleine um 7 schlafen, langt das grad noch zum abendessen und ins bett gehen.
    wo ist da noch familienleben?

  7. der Artikel eigentlich zu der Aussage, dass negative Wirkungen des Betreuungsgeldes überschätzt werden?
    Auch mit Betreuungsgeld mag es Kinderbildung geben, aber sichergestellt ist das (gerade im sozial/kulturell problematischen Umfeld) durch das Betreuungsgeld nicht und das Geld wirkt im Zweifel sogar prohibitiv.
    Wenn das gerade für die, die es nötig hätten nicht negativ genug ist, weiß ich nicht was wir noch brauchen.
    Dass das Betreuungsgeld im Mittelstand keine sonderlichen Probleme bereit, mag stimmen, aber die Welt umfasst mehr.

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    Natürlich hat jedes Ding mehrere Seiten, auch Betreuungsgeld und Verkrippung der Kinder. Krippen haben aber nur negative Seiten, wenn sie nicht von guter oder exzellenter Qualität sind, und das sind derzeit in Deutschland gerade einmal 2%, also jede 50. Einrichtung. In allen anderen Krippen erleiden die Kinder mehr oder weniger große Schäden, je nach Qualität der Einrichtung und individueller Robustheit der Kinder.

    Psychisch und physisch robuste Kinder überstehen die Verkrippung in der Regel, ohne erkennbaren Schaden zu nehmen, sensible und kränkliche Kinder haben da mehr Probleme. Deshalb sollte auf den extensiven Krippenausbau verzichtet und stattdessen ausschließlich Krippen guter bis sehr guter Qualität für Notfälle für Kinder im Alter von 2 bis 3 Jahren eingerichtet werden. Ein unter 2-Jähriges gehört, wenn es zur Betrereuung befähigte Eltern hat, überhaupt nicht in eine Krippe. Und an dieser Stelle sollte das Betreuungsgeld dann ansetzen, verbunden mit einer Betreuung von Eltern, die mit ihrem Elternsein, auch auf Grund tagtäglicher Verunglimpfung in den Medien, zunehmend Schwierigkeiten haben.

    Natürlich sollte Betreuungsgeld keine Anreize schaffen, dass in prekären Familiensituationen der Lebensunterhalt über das Betreuungsgeld verdient wird. Aber diese Ausnahmen werden zu sehr als Regel dargestellt und könnten durch mehr gesellschaftlichen Druck, die Kinder verantwortlich und mit Engagement zu erziehen, beträchtlich reduziert werden.

  8. kann es sich nicht um "die meisten Eltern" handeln, da "die meisten" Kleinkinder keine Plätze beseten können.

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