Im nationalen Bildungsbericht wird eindringlich vor der Einführung eines Betreuungsgeldes gewarnt. Der Ausbau der Kindertagesstätten, die Einlösung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei sowie dringend notwendige qualitative Verbesserungen in Kinderkrippen wie Kindergärten stellten den Staat bereits jetzt schon vor erhebliche finanzielle Herausforderungen, heißt es in dem Bericht. Bei zusätzlichen Leistungen – wie dem Betreuungsgeld – bestehe die Gefahr, dass keines der angestrebten Ziele zufriedenstellend erreicht werden kann.

Der Bildungsbericht ist gemeinsam vom Bundesbildungsministerium und der Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder bei namhaften Wissenschaftlern in Auftrag gegeben worden. Er wird alle zwei Jahre vorgelegt und soll an diesem Freitag offiziell vorgestellt werden.

Die Wissenschaftler verweisen in ihrer Analyse auf verschiedene Untersuchungen, die den Nutzen frühkindlicher Bildung in Betreuungseinrichtungen eindeutig belegten. So verfügten Kinder, die vor ihrer Einschulung mindestens drei Jahre eine Kita besuchten, in der vierten Grundschulklasse beim Lesen und beim Textverständnis in der Regel über einen Lernvorsprung von gut einem Schuljahr. Solche erheblichen Lernvorsprünge fänden sich "auffällig" auch bei Kindern aus problematischen Elternhäusern oder aus Migranten-Familien.

Am stärksten profitieren von einem Kita-Besuch dem Bericht zufolge allerdings Familien mit hohem Bildungsniveau, die sich ohnehin intensiv um die Vorbildung ihrer Kinder kümmern. Auch wenn beide Elternteile berufstätig seien und das Kleinkind tagsüber in einer Kita betreut werde, ließen zusätzliche Aktivitäten der Eltern wie Vorlesen, Wortspiele und Geschichten erzählen nicht nach. Kinder, die keine Unterstützung durch ihre Eltern erhielten und gleichzeitig auch keine Kita besuchten, seien bei der Bildung doppelt benachteiligt, schreiben die Wissenschaftler.

FDP will Änderungen durchsetzen

Die schwarz-gelbe Koalition will auf Betreiben der CSU das Betreuungsgeld durchsetzen. Der Versuch, den Gesetzentwurf noch vor der Sommerpause vom Bundestag verabschieden zu lassen, ist allerdings gescheitert, nachdem die erste Lesung wegen fehlender Beschlussfähigkeit verschoben werden musste.

Doch auch innerhalb der Regierungskoalition reißt die Kritik am Betreuungsgeld nicht ab, die FDP will das Gesetz noch ändern. So forderte der FDP-Haushaltspolitiker Jürgen Koppelin, die Entscheidung den Ländern zu überlassen: "Wir beschließen das Betreuungsgeld, aber die Länder sollen dann entscheiden, ob sie das Betreuungsgeld wollen, oder dieses Geld für den Ausbau der Kita-Plätze nehmen."

Seehofer will FDP den Mund verbieten

CSU-Chef Horst Seehofer reagierte sehr verärgert auf die neuerliche Kritik des Koalitionspartners, nachdem er am Wochenende bereits mit Koalitionsbruch gedroht hatte, sollte das Betreuungsgeld nicht eingeführt werden. "Die sollen jetzt endlich einmal schweigen und schlicht und einfach anwesend sein im Deutschen Bundestag und umsetzen, was beschlossen ist", sagte der bayerische Ministerpräsident. "Man kann nur umsetzen, wenn man anwesend ist", sagte Seehofer und spielte damit auf das Fehlen von insgesamt 126 Koalitionsabgeordneten an, was am 15. Juni zum Scheitern der ersten Lesung geführt hatte.

Doch die Liberalen lassen sich nicht von Seehofers Kritik einschüchtern. "Wenn Anwesenheit die neue Voraussetzung von Herrn Seehofer für Durchsetzungsfähigkeit ist, dann hat er nicht mehr viel zu melden in Berlin ", sagte FDP-Vize Birgit Homburger . Und der FDP-Bildungspolitiker Patrick Meinhardt sagte: "Ich lasse mir als gewählter FDP-Bundestagsabgeordneter nicht vom bayerischen Ministerpräsidenten vorschreiben, wie ich beim Betreuungsgeld abzustimmen habe." Seehofer sollte "rhetorisch abrüsten und seine Drohgebärden ablegen". In der jetzigen Form werde der Gesetzentwurf nicht durchgehen.