Bundespräsident : Gaucks Elefanten

Seit hundert Tagen ist Bundespräsident Gauck im Amt. Seither lehrt er das Land, dass Streben nach Idealen und Realpolitik keine Gegensätze sein müssen.
Bundespräsident Joachim Gauck trifft politische Enkel während eines Schulbesuchs in Tübingen ©Marijan Murat/dpa

Hundert Tage nach seiner Amtseinführung ist Bundespräsident Joachim Gauck Geschichte. Deutsche Geschichte. Als Gauck am 18. März an das Mikrophon im Bundestag getreten war, um seine erste Rede als Staatsoberhaupt zu halten, hatte er diese Frage gestellt: "Ja, wie soll es denn nun aussehen dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal sagen sollen 'unser Land'?" Heute formuliert ist das auch eine Frage an eine komplizierte, unangenehme Vergangenheit. Und der Präsident legt Antworten vor, um die zu streiten es sich lohnt.

"Bürger Gauck" nennt er sich gerne. Wenn man den Bürger als jenen annimmt, auf dem unser demokratisches Gemeinwesen fußt, als den Souverän also, dann hat Joachim Gauck in diesen ersten hundert Präsidentschaftstagen gezeigt, was das heute ist, ein deutscher Bürger. Wie bei jedem Menschen fließen Biografie und öffentliche Handlungen dabei ineinander .

Gaucks Eltern waren Mitglieder der NSDAP, Mitläufer des Systems, er selbst als im Krieg geborener Jugendlicher gefangen zwischen Nichtwissen, Nichtfragen, später Wut und Angst um den nach Sibirien deportierten Vater. Im Westen wäre er " ganz sicher Teil der 68er-Bewegung gewesen ", sagt er selbst . Vierzig Jahre später stand Gauck dann in Rostock in seiner Kirche und redete gegen das System der DDR an. Alles was er tat, vom Musizieren in der Kirche bis zum Nacktbaden in der Ostsee, wurde ihm zur Botschaft: " Wir behaupten einen Freiraum gegen sie ."

Karsten Polke-Majewski

Karsten Polke-Majewski ist Leiter Investigativ/Daten von ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

So verbinden sich in diesem Bundespräsidenten die Erfahrungen des Nationalssozialismus und des real existierenden Sozialismus, die unser Land prägen. An sie knüpfte er in den ersten drei Monaten seiner Amtszeit an: Als er kurz nach der Vereidigung nach Leipzig reiste, die Stadt der Helden von 1989, später seine Reise in die Ukraine absagte und als sich auffallend deutlich kein Termin zu einem Besuch bei Russlands Staatspräsident Wladimir Putin finden ließ. Wenn er erst Polen besuchte, dann als erstes deutsches Staatsoberhaupt am Tag der Befreiung in den   Niederlanden sprach, schließlich in Israel im Gedenkbuch von Jad Vaschem vermerkte: " So wirst du denn hier stehen, und dein Gefühl, dein Verstand, dein Gewissen werden dir sagen: Vergiss nicht! Niemals. Und steh' zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften. "

Der Präsident Gauck trägt also Geschichte in sich und bewegt sich damit nach vorne. Dabei erkennt er entscheidende Momente nicht nur, sondern bennent sie auch. Oder, wie das Bonmot eines Mitarbeiters geht: " Wenn Gauck einen Elefanten im Zimmer stehen sieht, und keiner sagt was, dann sagt er: Da steht doch ein Elefant im Zimmer. "

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Kommentare

108 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Ich habe beim 200sten aufgehört zu zählen.....

Was ist eigentlich mit seiner Rede vor der Bundeswehr?

So z.B. dieses Zitat:

"Zum anderen ist es aber so, dass bei vielen ein Nicht-Wissen-Wollen existiert. Das ist irgendwie menschlich: Wir wollen nicht behelligt werden mit Gedanken, dass es langfristig auch uns betreffen kann, wenn anderswo Staaten zerfallen oder Terror sich ausbreitet, wenn Menschenrechte systematisch missachtet werden. Wir denken eben nicht gerne daran, dass es heute in unserer Mitte wieder Kriegsversehrte gibt. Menschen, die ihren Einsatz für Deutschland mit ihrer seelischen oder körperlichen Gesundheit bezahlt haben. Und noch viel weniger gerne denken wir daran, dass es wieder deutsche Gefallene gibt, das ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen."

Jaja, da werden deutsche Soldaten für deutsche Wirtschaftsinteressen verheizt (davon natürlich kein Wort vom Staatsdiener Nr. 1), getadelt allerdings wird das mangelnde Verständnis für die, die verkrüppelt oder tot zurückkehren, seitens derer, die sich sowieso schon fragen, seit wann Deutschland am Hindukusch verteidigt wird.

So not my president....

Die Leute, die Gauck nicht mögen

"Kann mal jemand nachzählen, wieviel lobende Artikel die ZEIT über den BP-Kandidaten und BP Gauck schon geschrieben hat? Ein bisschen zu elefantös."

Die Leute, die Gauck nicht mögen, werden ja auch nicht müde, ihre immer gleiche Ablehnung Gaucks - wobei merkwürdigerweise ein sehr auf der Hand liegender Ablehnungsgrund, der in einer Berufstätigkeit zwischen Pastorenamt und Bundespräsidentenamt lag, nie offen genannt wird - in immer weiteren Leserkommentaren zum Ausdruck zu bringen.

Ich finde, die schon rituelle Aufregung der immer gleichen Kommentatoren über jeden Gauck-Artikel hier, hat schon seine Amtszeit gerechtfertigt.

"Gauck nicht mögen" - ach was

Über Gauck selber habe ich noch keine fertige Meinung - deshalb streichen Sie mich bitte erst mal aus der Liste derer, "die Gauck nicht mögen".
Es wäre für mündige Leser nur leichter, sich eine Meinung zu bilden, wenn sie nicht so elefantös an uns herangetragen würde (solcherlei Unterstützung nimmt gegen den zu Unterstützenden irgendwann mal ein). Der Mann soll - und kann meiner Meinung nach auch gut - für sich selber sprechen. Was für ein BP er wird, entscheidet nicht vorab die ZEIT-Chefredaktion, sondern Gaucks Sprechen und Handeln, vor allem dann, wenn es darauf ankommt.
So etwas wie Weizsäckers Rede 1985 oder Raus Rede 2002 auf dem Erfurter Domplatz kann kein Augur vorhersagen.
Meine Kritik richtete sich daher nicht gegen G., sondern gegen die ZEIT, zu deren Motivation für die G´sche Erhöhung ich ja nichts schreiben durfte, was länger hier stehen könnte ;-)

Der Satz

bei seinem Israel Besuch war absolut richtig, auch wenn das Die Zeit nicht unbedingt teilt. Staatsräson führt genauso wie "uneingeschränkte Solidarität" zu Automatismen in der Politik. Vor allem wenn man sich die geografisch und politsch exponierte Lage von Israel betrachtet.

Hilfe für einen Partner? Ja. Per se? Nein.

Zwiespältig

ist meine Sicht auf Gauck. Bei manchen Themen trifft er genau die richtigen Worte, bei anderen deutlich nicht. Aber was genau hat er uns denn nun eigentlich "gelehrt"? Er lehrt nicht, sondern genießt den seltenen Luxus in der Politik, keiner klaren Linie folgen zu müssen, sich zu keinem Lager auf Biegen und Brechen zu positionieren. Er ist keinem politischen Zwang und Fraktionsdruck unterlegen und somit hat er die Möglichkeiten seine Meinung auszusprechen, die anderen Politikern den Kopf kosten würden, aber wirklich neues lehrt er nicht.