Gauck findet reichlich Elefanten. Den Soldaten der Bundeswehr sagte er, Gewalt werde immer ein Übel bleiben. " Aber sie kann – solange wir in der Welt leben, in der wir leben – notwendig und sinnvoll sein, um ihrerseits Gewalt zu überwinden oder zu unterbinden. " Die Kämpfer für die Wende zu den erneuerbaren Energien mussten hören: " Es wird uns nicht gelingen allein mit planwirtschaftlichen Verordnungen. Wohl auch nicht mit einem Übermaß an Subventionen. " Denen, die mit Gaucks Vorgänger Christian Wulff sagen, der Islam gehöre zu Deutschland, antwortete er: " Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland. " Deutschlands Senioren erklärte der Präsident, sie könnten auch bis ins Alter von 67 oder 70 Jahren arbeiten: " Niemandem sollte Unzumutbares zugemutet werden. Aber das Zumutbare schon, zumal, wenn es sich mit dem Erwünschten deckt. " Und den Führern der Welt rief er zu: " Zwar treffen sich die Staats- und Regierungschefs auf internationalen Gipfeln – und das ist wichtig – und doch kommen die Reformen der internationalen Regelwerke, Organisationen und Gremien nur langsam voran."

Erschöpfender Mut

Was davon ist falsch? Wenig, wenn man ehrlich ist. Noch weniger, wenn man versteht, wie Gauck sein Amt definiert : " Ich sehe meine Aufgabe darin, den Bürgern klarzumachen, dass Politik sich dem Ideal bestenfalls nähert, immer aber aus Kompromissen bestehen wird." Sein moralischer Anspruch, sein anhaltendes Reden von Freiheit, Verantwortung, Vertrauen, ist seine Methode, den politischen Möglichkeitsraum auszuloten. Die Menschen mögen ihn dafür, die Zustimmung in der Bevölkerung stieg seit seiner Wahl von 68 auf 78 Prozent.

Klingt alles toll, jedoch: Macht dieser Präsident gar keine Fehler? Doch, immer wieder. In Brüssel sagte er beispielsweise Sätze, die sich als Schurigelei des Verfassungsgerichts missverstehen lassen. In Israel glaubte man zu hören, er setze sich von der Kanzlerin ab , weil ihm das Wort Staatsräson nicht richtig erscheint. Doch hat Gauck niemals für sich reklamiert, unfehlbar zu sein.

Vielmehr setzt er politischer Vorsicht das offene Wort, auch mal den Streit entgegen. Er will, dass wir unseren Kindern und Enkel hinterlassen sollen: " Nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen." Und Mut hat er, fürwahr. Eine Gefahr allerdings liegt in Gaucks stetem Mutigsein: Irgendwann könnte es uns allen zu viel werden. Nach hundert Tagen, sechs Ländern, fünf großen Themen ist mancher leicht erschöpft.