PresseschauGauck stellt die Integrationsdebatte auf die Füße

Die Worte des Bundespräsidenten zum Islam in Deutschland finden bei Kommentatoren Zustimmung. Thematisiert wird auch die Frage, ob Gauck seinen Vorgänger brüskierte.

Süddeutsche Zeitung: Ein bewusster Kniff

"Wollte er damit nur gegen seinen Vorgänger nachtreten? Oder ist er gar ein Gegner des Islam und der Migranten? Natürlich nicht. Der bewusste Kniff, sich Begriffe anderer nicht einfach anzueignen, spricht eher dafür, dass dieser Bundespräsident eben nicht nur im Reden gekonnt mit Sprache umgeht, sondern auch im Schweigen. Er verwendet Sprache meistens klug, aber er hinterfragt sie auch. Wer wüsste schließlich besser als ein Kirchenmann, dass mit dem Aussprechen eines Wortes der Anspruch, der damit erhoben wird, noch längst nicht erfüllt ist."

Kieler Nachrichten: Aufklärung hat Islam kaum erreicht

"Noch vor seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land hat Joachim Gauck nun auch noch am einzigen inhaltlichen Erbe von Christian Wulff gekratzt. Der vieldiskutierte Satz, der Islam gehöre zu Deutschland, ist derart umfassend, dass Gaucks Präzisierung hilft. Natürlich gehören Muslime, die hier leben, zu Deutschland. Aber zentrale Errungenschaften der europäischen Kulturgeschichte, wie Reformation und Aufklärung, haben den Islam bis heute kaum erreicht."

Anzeige

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Gauck hat Recht

"Auch wenn Wulff damals das Grundgesetz über den Islam stellte, blieb allein der Islam-Satz hängen. Wulff hatte es wohl auch so gewollt. Und eben diesen Satz will Gauck nicht stehen lassen. Hier hat er Recht. Natürlich gehören die vielen Muslime, die hier leben, zu Deutschland. Ob man das aber von der islamischen Religion sagen kann, die, anders als das Christentum, einen schmerzlichen Prozess der Aufklärung erst noch vor sich hat, ist durchaus zweifelhaft."

Nordwest-Zeitung: Menschen sind die Brücke

"Gehört der Islam oder gehören die hier lebenden Muslime zu Deutschland? Auf den ersten Blick scheint kein großer Unterschied zu bestehen zwischen den beiden Sätzen. Trotzdem rückt Gauck die Aussage Wulffs in einem wichtigen Punkt zurecht: Nicht der Islam ist die Brücke, sondern es sind die Menschen, die in der Bundesrepublik leben. Durch die Muslime hat der Islam in unserer Gesellschaft Bedeutung gewonnen. Zwischen Islam und Abendland gibt es zwar seit über 1.000 Jahren Verbindung – zwischen Deutschland und dem Islam gibt es die nicht. Islam und Deutschland gehören nicht zusammen. Aus der Verschiedenheit heraus muss das Verbindende gesucht werden."

Westdeutsche Zeitung: Deutsche Kultur annehmen

"Dank der deutlichen Worte Gaucks haben alle eine klare Orientierung: Von Überfremdungs-Ängsten verunsicherte Deutsche hat er ein Stück beruhigt. Den Einwanderern hat er signalisiert: Ihr seid willkommen, aber bitte versucht, die deutsche Sprache und Kultur zumindest zu akzeptieren – sie anzunehmen wäre noch besser. Gaucks Botschaft lautet weiter: Migranten müssen ihre Wurzeln nicht verleugnen, doch eine intolerante Parallelkultur darf keine Chance haben."

Münchner Merkur: Anbiedernde Umarmung war falsch

"Gut, dass der neue Bundespräsident die Integrationsdebatte gleich zu Beginn seiner Amtszeit wieder auf die Füße stellt. Es ist ein Unterschied, ob man, wie Gauck, Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland willkommen heißt oder, wie sein Vorgänger Wulff, deren mitunter problematisches kulturell-religiöses Erbe – und dieses auch noch auf die gleiche Stufe hebt wie die christlich-jüdische Wertetradition. Genau diese Gleichsetzung war es, die Wulffs Umarmung des Islams so falsch und so anbiedernd machte."

Rhein-Neckar-Zeitung: Abgrenzung nutzt nicht

"Lange vor Wulff hatte 2006 bereits Wolfgang Schäuble gesagt, der Islam gehöre zu Deutschland. Niemand störte sich daran. Wieso sich Gauck nun an einem Satz stört, der als einzige politische Hinterlassenschaft seines Vorgängers übrig bleibt – das erstaunt zumindest. Vielleicht musste sich der Präsident aus persönlichen Gründen diesmal von SPD und Grünen distanzieren, so wie er ja auch in Nahost die Distanz zu allen Beteiligten wahrt. Doch dem Miteinander in Deutschland nutzt diese Form der Abgrenzung nicht."

 
Leserkommentare
  1. Diese Debatte wird künstlich am Leben gehalten. Das " inzwischen" in der Rede von Wulff wird merkwürdigerweise von allen Seiten nicht beachtet. Man versucht mit einem Thema Politik zu machen, nämlich dem Islam und damit den Muslimen. Sowas ist einfach nur widerlich.

    3 Leserempfehlungen
    • dsip
    • 01.06.2012 um 11:47 Uhr

    Entfernt. Nutzen Sie die Kommentarbereiche bitte, um sachliche Argumente und Meinungen auszutauschen. Danke. Die Redaktion/kvk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... daß die abscheulichsten Rassisten jene Menschen sind, die
    die Welt in "Gläubige" und "Ungläubige" einzuteilen pflegen?

    ... daß die abscheulichsten Rassisten jene Menschen sind, die
    die Welt in "Gläubige" und "Ungläubige" einzuteilen pflegen?

  2. Bin mir nicht sicher ob es "den Islam" gibt. Genausowenig wie es "das Christentum" gibt. Die Interpretationen beider Religionen gehen in der Praxis sehr weit auseinander. So lange man das toleriert, ist alles in Ordnung. Aber viele Machthaber (Rattenfaenger?) machen sich bestimmte (teils extreme) Interpretationen zu eigen und verfolgen damit ihre eigenen egoistischen Machtziele. Die Religion ist nur Mittel zum Zweck. Und sobald ein gewisser gewaltbereiter Prozentsatz der Bevoelkerung (5% reichen da meines Erachtens) sich diese Ideologie zu eigen macht hat der Rest der Bevoelkerung nichts mehr zu melden.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sobald ein gewisser gewaltbereiter Prozentsatz der Bevoelkerung (5% reichen da meines Erachtens) sich diese Ideologie zu eigen macht hat der Rest der Bevoelkerung nichts mehr zu melden.

    Dazu zwei Bemerkungen:

    Die Mutigen und Tapferen haben immer "etwas zu melden", selbst in Syrien. Möglicherweise sorgen die neuen Kommunikationsmöglichkeiten sogar dafür, dass Gewaltherrschaft noch schwieriger wird.

    Solange wir Gewalt mit Aufmerksamkeit honorieren, sind wir 95 % selbst mitschuldig.

    sobald ein gewisser gewaltbereiter Prozentsatz der Bevoelkerung (5% reichen da meines Erachtens) sich diese Ideologie zu eigen macht hat der Rest der Bevoelkerung nichts mehr zu melden.

    Dazu zwei Bemerkungen:

    Die Mutigen und Tapferen haben immer "etwas zu melden", selbst in Syrien. Möglicherweise sorgen die neuen Kommunikationsmöglichkeiten sogar dafür, dass Gewaltherrschaft noch schwieriger wird.

    Solange wir Gewalt mit Aufmerksamkeit honorieren, sind wir 95 % selbst mitschuldig.

    • RGFG
    • 01.06.2012 um 11:49 Uhr

    Mit diesem europäischen Erbe kann man sich identifizieren. Aber ob eine per se 'unveränderliche' Theologie wie der Islam so etwas wie eine Reformation wird schaffen können bleibt die spannende Frage - bislang erschöpfte sich der Diskurs ja lediglich in der Nachfolge- und Leitungsfrage...

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dsip
    • 01.06.2012 um 11:51 Uhr

    Den Gedanken weiter verfolgend:
    Sind Katholiken also keine Europäer, weil sie sich der Reformation verweigert haben?

    • RGFG
    • 01.06.2012 um 12:03 Uhr

    weil die alten Germanen mal gegen die Römer gekämpft haben?!

    • dsip
    • 01.06.2012 um 11:51 Uhr

    Den Gedanken weiter verfolgend:
    Sind Katholiken also keine Europäer, weil sie sich der Reformation verweigert haben?

    • RGFG
    • 01.06.2012 um 12:03 Uhr

    weil die alten Germanen mal gegen die Römer gekämpft haben?!

    • dsip
    • 01.06.2012 um 11:50 Uhr

    Kleingeistigkeit? Rassismus?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Unsere Identität.

    Unsere Identität.

  3. Der Islam predigt Vernunft, er fordert die Menschen auf vom Verstand gebrauch zu nehmen.

    Kant hat den Begriff der Aufklärung derart definiert, wie es der Islam schon tausende Jahre zuvor getan hat. Der Islam hat spätestens mit der Aufklärung Einzug in Europa gehalten. Was die Muslime daraus gemacht haben und immer noch machen, ist eine andere Geschichte.
    Wenn Kant im Islam etwas Negatives gesehen hätte, etwas gravierendes im Kontrast seiner Ethik, hätte er wohl kaum auf seiner Doktorurkunde die islamische Basmallah niedergeschrieben.
    http://www.cig-stuttgart....

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • RGFG
    • 01.06.2012 um 11:55 Uhr

    ...zwischen dem, was die Christen aus einer eher irrationalen und wundergläubigen Religion gemacht haben, und dem, was aus dem 'vernunfts- und verstandesorientierten' Islam in der Praxis geworden ist - dann bliebe ich lieber bei dem alten Mann mit Rauschebart...

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und konstruktiv das Artikelthema. Danke, die Redaktion/mk

    er hat mit der Aufklärung auch nichts zu tun, und Kant lässt sich in keiner Weise mit dem Koran in Einklang bringen. Ihr Kommentar bestätigt daher vielmehr, wie sehr der die islamische Welt die Aufklärung nötig, und noch vor sich hat.

    Ich bezweilfe die Echtheit des von Ihnen verlinkten Deckblattes von Kants Doktorarbeit, das selbst wenn es echte wäre, keine Aussage über den Islam und dessen vermeintlichen Bezug zur Aufklärung machen würde.

    Da gehen wir doch ein wenig tiefer und fragen, ob islamische "Vernunft" und christliche "Vernunft" denn das gleiche bedeuten. Denn die Vernunft im Islam ist dem Menschen gegeben, die Offenbarung des Korans zu begreifen, die göttliche Wahrheit erkennen zu können, woraus im Umkehrschluß folgt: wer den Islam, den Koran, Mohammed ablehnt, ist per definitionem bar der Vernunft.

    Tilman Nagel schreibt zum Gebrauch der Vernunft im Islam und seiner grundlegend anderen Definition im Christentum:
    “Überdies hat der Mensch den Verstand als das nützlichste Hilfsmittel geschenkt bekommen, mit dem er sich Tag für Tag von der Notwendigkeit des Gehorsams gegen Allah überzeugen kann. Eben deswegen wird der Verstand bisweilen als Allahs liebstes Geschöpf gepriesen; er hat die Aufgabe, den Menschen zur Bewältigung des diesseitigen Daseins mittels Entfaltung eines sich steigernden Einfallsreichtums anzuleiten; da Allah Adam alle Namen lehrte, wird der Mensch von sich aus die Menge des von Allah ihm bestimmten Wissens ohnehin nicht vermehren können. Im Einklang mit der Botschaft des Korans fällt dem Verstand die Funktion zu, die Einsicht in die Heilswichtigkeit des Islam zu vermitteln und dem Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, sich in der Treue zum Gesetz zu bewähren.
    (Fortsetzung folgt)

    Doof, dass Kant vom Koran abgeschrieben hat. Nur, ist der Islam nicht aufklärerisch sondern rückständig und rückwärts gewandt. Siehe die Sprengung der Buddhas im Bamiyantal.....dass paßt nicht nach Europa.

    Gerade die Aufklärer trugen eine romantisierte, von profunder Unkenntnis geprägte Vorstellung des Islam vor sich her - um damit die Kirche zu provozieren, ihre Distanz zum etablierten Christentum zu demonstrieren. Meines Wissens ist aber keiner der Aufklärer konvertiert. So weit ging die Begeisterung denn doch nicht.

    • RGFG
    • 01.06.2012 um 11:55 Uhr

    ...zwischen dem, was die Christen aus einer eher irrationalen und wundergläubigen Religion gemacht haben, und dem, was aus dem 'vernunfts- und verstandesorientierten' Islam in der Praxis geworden ist - dann bliebe ich lieber bei dem alten Mann mit Rauschebart...

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und konstruktiv das Artikelthema. Danke, die Redaktion/mk

    er hat mit der Aufklärung auch nichts zu tun, und Kant lässt sich in keiner Weise mit dem Koran in Einklang bringen. Ihr Kommentar bestätigt daher vielmehr, wie sehr der die islamische Welt die Aufklärung nötig, und noch vor sich hat.

    Ich bezweilfe die Echtheit des von Ihnen verlinkten Deckblattes von Kants Doktorarbeit, das selbst wenn es echte wäre, keine Aussage über den Islam und dessen vermeintlichen Bezug zur Aufklärung machen würde.

    Da gehen wir doch ein wenig tiefer und fragen, ob islamische "Vernunft" und christliche "Vernunft" denn das gleiche bedeuten. Denn die Vernunft im Islam ist dem Menschen gegeben, die Offenbarung des Korans zu begreifen, die göttliche Wahrheit erkennen zu können, woraus im Umkehrschluß folgt: wer den Islam, den Koran, Mohammed ablehnt, ist per definitionem bar der Vernunft.

    Tilman Nagel schreibt zum Gebrauch der Vernunft im Islam und seiner grundlegend anderen Definition im Christentum:
    “Überdies hat der Mensch den Verstand als das nützlichste Hilfsmittel geschenkt bekommen, mit dem er sich Tag für Tag von der Notwendigkeit des Gehorsams gegen Allah überzeugen kann. Eben deswegen wird der Verstand bisweilen als Allahs liebstes Geschöpf gepriesen; er hat die Aufgabe, den Menschen zur Bewältigung des diesseitigen Daseins mittels Entfaltung eines sich steigernden Einfallsreichtums anzuleiten; da Allah Adam alle Namen lehrte, wird der Mensch von sich aus die Menge des von Allah ihm bestimmten Wissens ohnehin nicht vermehren können. Im Einklang mit der Botschaft des Korans fällt dem Verstand die Funktion zu, die Einsicht in die Heilswichtigkeit des Islam zu vermitteln und dem Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, sich in der Treue zum Gesetz zu bewähren.
    (Fortsetzung folgt)

    Doof, dass Kant vom Koran abgeschrieben hat. Nur, ist der Islam nicht aufklärerisch sondern rückständig und rückwärts gewandt. Siehe die Sprengung der Buddhas im Bamiyantal.....dass paßt nicht nach Europa.

    Gerade die Aufklärer trugen eine romantisierte, von profunder Unkenntnis geprägte Vorstellung des Islam vor sich her - um damit die Kirche zu provozieren, ihre Distanz zum etablierten Christentum zu demonstrieren. Meines Wissens ist aber keiner der Aufklärer konvertiert. So weit ging die Begeisterung denn doch nicht.

    • dsip
    • 01.06.2012 um 11:51 Uhr

    Den Gedanken weiter verfolgend:
    Sind Katholiken also keine Europäer, weil sie sich der Reformation verweigert haben?

    5 Leserempfehlungen
  4. Hallo Leute

    Anscheinend kennen wir deutsche unsere Verfassungen nicht
    Aus der eindeutig ein christliche Erziehung geboten ist.

    Wenn man was anders will sollte man die Verfassung ändern !

    Denker Fritz

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • edgar
    • 01.06.2012 um 11:57 Uhr

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/kvk

    • edgar
    • 01.06.2012 um 12:05 Uhr

    "Anscheinend kennen wir deutsche unsere Verfassungen nicht
    Aus der eindeutig ein christliche Erziehung geboten ist."

    Können Sie das am Text unserer Verfassung irgendwo aufzeigen - falls Sie das nicht können, scheinen Sie hier nicht belegbare Aussagen zu verbreiten.

    Im Übrigen haben wir nur eine deutsche Verfassung.

    • edgar
    • 01.06.2012 um 11:57 Uhr

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/kvk

    • edgar
    • 01.06.2012 um 12:05 Uhr

    "Anscheinend kennen wir deutsche unsere Verfassungen nicht
    Aus der eindeutig ein christliche Erziehung geboten ist."

    Können Sie das am Text unserer Verfassung irgendwo aufzeigen - falls Sie das nicht können, scheinen Sie hier nicht belegbare Aussagen zu verbreiten.

    Im Übrigen haben wir nur eine deutsche Verfassung.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service