Wer an diesem Wochenende den Göttinger Bahnhof verlässt, kann Politik in einer ziemlich unmittelbaren Form erleben. Hier, zwischen Kino und Parkhaus, stehen zahlreiche Delegierte der Linkspartei . Sie haben sich in kleinen Grüppchen versammelt: hier eine Landesgruppe, da ein paar Spitzenpolitiker, dort der Jugendverband. Man redet aufeinander ein, ist erregt, versucht zu überzeugen, sich zu verbünden, andere mundtot zu machen.

Die Ausgangslage ist verworren: Die tief zerstrittene Partei wählt noch am späten Samstagabend eine neue Führung. Die Wahlgänge sind laut Tagesordnung auf 19.30 Uhr und 20.45 Uhr terminiert. "Notfalls" werde man "die ganze Nacht" wählen, warnt schon mal der niedersächsische Landesvorsitzende Manfred Sohn.

Lange Zeit gab es für diese Wahl kaum Kandidaten, weil alle darauf warteten, ob Ex-Parteichef Oskar Lafontaine noch einmal antreten will. Als Lafontaine schließlich absagte, trat an die Stelle des vorsichtigen Abwartens eine regelrechte Inflation von Kandidaturen. Beinahe täglich verkündeten seither neue Aspiranten ihre Bereitschaft.

Zehn Kandidaten stehen, Stand 17 Uhr, zur Wahl. Die Stimmung ist gereizt, selbst erfahrene Politiker wie Fraktionschef Gregor Gysi sind glaubhaft ratlos, wenn man sie fragt, worauf das Ganze hinausläuft.

Wie wichtig diese Wahl für die Zukunft der Partei ist – und wie tief die Kluft zwischen ihren verschiedenen Strömungen – zeigen die Reden, die Gysi und Lafontaine am Samstagnachmittag vor den Delegierten halten. Es wird ein grandioses Rededuell zwischen den beiden Politikern, die einst gemeinsam die Partei führten und die sich inzwischen sehr entfremdet haben.

Gysi hat die Selbstzerstörung satt

Anders als sonst enthält Gysis Rede diesmal keinen einzigen Gag und Kicherer. Seine Ansprache ist drastisch und schonungslos. Der Fraktionschef zeigt sich offen frustriert vom innerparteilichen Streit, der seine Partei lähmt. Auf der einen Seite stehen dabei die ostdeutschen Pragmatiker, meist mit PDS-Vergangenheit. Auf der anderen: die westdeutschen Landesverbände, deren Positionen meist radikaler und fundamentaler sind. 2005 vereinten sich die beiden Strömungen zur Linkspartei. Die Schirmherren dieser Vereinigung waren damals eben jene alten Männer: Gysi und Lafontaine.

Gysi warnt seine Partei: Wenn "der Hass und das Nachtreten" zwischen diesen Flügeln nicht aufhöre, "wäre es besser, sich fair zu trennen". Er hält den West-Linken eine "Arroganz" vor, die ihn an die Arroganz der Wessis bei der Wiedervereinigung erinnere. Gysi diagnostiziert einen "pathologischen Zustand" innerhalb seiner Partei: Konflikte seien oft "nicht von der Sache geleitet". Der Umgang in Partei und Fraktion habe längst selbstzerstörerische Tendenzen angenommen. Er sei es leid und habe es satt, sagt Gysi.

Der Fraktionschef spricht damit in Göttingen erstmals offen aus, was viele ostdeutsche Bundestagsabgeordnete seit Längerem diskutieren. Ob man nicht besser wieder auseinandergehen sollte, bevor man sich gegenseitig zerfleischt und gemeinsam untergeht.