Dietmar Bartsch lächelt tapfer. Er ist umringt von traurigen Parteifreunden, die ihm auf die Schulter klopfen, den Kopf schütteln oder leise vor sich hin schimpfen. Bartsch nickt und sucht nach Worten. Er weiß, dass er gerade kolossal gescheitert ist.

Es ist 22.50 Uhr am Samstagabend in Göttingen. Die Linke hat soeben ihre neuen Parteivorsitzenden gekürt. Bartsch, der seine Kandidatur frühzeitig angemeldet hatte, wird dem neuen Führungsduo nicht angehören. Trotz Warnungen und Kompensationsangeboten aus dem gegnerischen Lager hatte er an seiner Kandidatur festgehalten. Als langjähriger Bundesgeschäftsführer der Partei hatte auf den großen Rückhalt vertraut, den er in den ostdeutschen Landesverbänden genießt. Vergeblich: Bartsch hat verloren, knapp, aber eindeutig.

Ausgelassen gejubelt wird dagegen auf der anderen Seite der Göttinger Lokhalle. Umringt von Kameras und Anhängern, die Sprechchöre skandieren, steht hier Bernd Riexinger, der Bartsch soeben in der Abstimmung geschlagen hat.

Bernd wer? Es sind nicht wenige, die sich das am Samstag gefragt haben. Bislang ist der baden-württembergische Landesparteichef und Stuttgarter ver.di-Führer Riexinger öffentlich fast unbekannt. Seine Kandidatur hat er erst wenige Tage vor dem Parteitag verkündet. Er war vom linken Flügel der Parteiführung um Oskar Lafontaine und Klaus Ernst förmlich gedrängt worden. 

Riexinger selbst wollte eigentlich gar nicht Parteichef werden. Aber er ließ sich in die Pflicht nehmen bei dem Vorhaben, Bartsch an der Spitze zu verhindern. Einer aus dem linken Führungszirkel nennt es am späten Abend freudestrahlend eine "Meisterleistung", Riexinger binnen weniger Tage installiert und durchbekommen zu haben.

Im mecklenburg-vorpommerschen Landesverband von Bartsch wird dagegen später geschimpft, man sei von den "Gewerkschaftern" aus dem Westen "vorgeführt" worden. Die Jubelgesänge aus Riexingers Landesverband bezeichnet einer aus dem Bartsch-Lager als "kulturell befremdlich".

In seiner Ansprache kündigt Riexinger an, die "Polarisierung", die die Partei zuletzt lähmte, überwinden zu wollen. Die Linke könne "nur als gesamtdeutsche Partei" erfolgreich sein, sagt er und spielt damit indirekt auf die Spaltungsgedanken an, die Gregor Gysi am Nachmittag äußerte.

Sahra Wagenknecht bleibt stellvertretende Vorsitzende

Ähnlich wie zuvor Lafontaine fordert Riexinger seine Partei zur "Rückbesinnung" auf die politische Debatte auf: Leiharbeit, Mindestlöhne, Rekordschulden – darum müsse sich die Linke kümmern. Er verspricht, mit denen "zuerst ins Gespräch" kommen zu wollen, die ihn nicht gewählt hätten. Das Bartsch-Lager quittiert es mit spärlichem Applaus und vereinzelten Pfiffen.

Zu Riexingers weiblichem Pendant wählen die Delegierten Katja Kipping an die Parteispitze. Auch sie ist um einen integrierenden Ton bemüht. Sie bittet ihre Partei, das "Lagerdenken" und die "Ost-West-Verkalkung" aufzugeben. Beides entspreche nicht dem zeitgenössischen Lebensgefühl, sagt die 34-Jährige.

Kipping, die sich gegen die Hamburger Fraktionschefin Dora Heyenn durchsetzt, wird mit einem deutlich besseren Ergebnis ausgestattet als Riexinger. Für die Dresdnerin erweist es sich als Vorteil, dass sie nicht prototypisch für das ostdeutsche Lager um Bartsch steht, dessen Pragmatismus der linke West-Flügel für bieder und schädlich hält. Kipping vertritt eine dritte, kleinere Strömung, die sogenannte emanzipatorische Linke.

Kipping befürwortet bedingungsloses Grundeinkommen

Dass Kipping für keines der beiden großen Lager steht, macht sie also für beide Seiten wählbar. Da stört es die Delegierten auch nicht, dass die neue Parteichefin für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintritt. Eine Forderung, die in der Linken nicht mehrheitsfähig ist, die sie aber auch künftig als individuelle Position vertreten möchte.

Weder Riexinger noch Kipping sind große Redner. Ihre Beiträge haben nicht die Klasse des Duells, das sich Gysi und Lafontaine am Nachmittag geliefert hatten. Das allerdings sei auch schwierig, gibt Kipping zu bedenken: "Wer im Saal mit Oskar und Gregor mithalten kann, der stehe auf." Sie kündigt an, den Wettbewerb um die Lautstärke nicht gewinnen zu wollen, vielleicht aber den um die richtige Tonart. Der Subtext: Auch die Dominanz und Halsstarrigkeit der Alphatiere habe zur misslichen Lage der Partei beigetragen.

Oskar Lafontaine schlendert später am Abend durch die Parteitagshalle. Er ist sichtlich vergnügt. "Sehr zufrieden" sei er mit dem Ausgang der Wahl, sagt er den Journalisten. Kein Wunder: Der Aufstieg seines Intimfeinds Bartsch konnte verhindert werden.

Viele ostdeutsche Delegierte wirken dagegen am späten Samstagabend reichlich verbittert. Die Diskussion über eine Spaltung, wie Gysi sie am Nachmittag drohend angesprochen hatte, geht weiter.

Wagenknecht zur Vize-Vorsitzenden wiedergewählt

Am Sonntag ist die Führungsriege um das neue Spitzenduo schließlich komplettiert worden: Der Linken-Landeschef von Sachsen-Anhalt, Matthias Höhn, ist neuer Bundesgeschäftsführer. Der 36-Jährige, der dem Bartsch-Lager zugerechnet wird, wurde mit 80,9 Prozent der Stimmen gewählt. Die Bundestagsabgeordneten Jan van Aken und Axel Troost setzten sich bei den Wahlen zu den stellvertretenden Vorsitzenden durch.

Zuvor waren bereits Parteivize Sahra Wagenknecht im Amt bestätigt und auch die bisherige Bundesgeschäftsführerin Caren Lay in die Riege der vier Stellvertreter gewählt worden. Bundesschatzmeister bleibt Raju Sharma.