Angela Merkel im Mai in Berlin © John MacDougall/AFP/Getty Images

Was ist schlechter, die Lage oder die Stimmung? Selten war es in Europa schwieriger, diese Frage zu beantworten. Griechenland wird faktisch kaum noch regiert . Nun geht auch Spanien das Geld aus , weil die Zinsen für Staatsanleihen steigen. Wirklich sparen tut ohnehin kein verschuldetes Euro-Land (die Schuldenquote für Deutschland liegt mit mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes sogar höher als in Spanien ).

Der Dax fällt. Selbst in Deutschland verdunkeln sich die Konjunkturaussichten. Die Kosten für teure Projekte, wie etwa die Energiewende , lassen sich allenfalls erst ahnen. Und wie die Euro-Länder zusätzliches Wachstum erzeugen sollen, das über Strohfeuereffekte hinausgeht, weiß keiner.

Ist wenigstens die Stimmung besser? Der amerikanische Investor George Soros gibt Europa noch drei Monate Zeit, um die Katastrophe abzuwenden. Ex-Außenminister Joschka Fischer pendelt zwischen den Sätzen "Das europäische Haus steht in Flammen" und "Europa steht heute am Abgrund". Und für US-Wahlkampfstrategen ist der mögliche Kollaps der Euro-Zone, neben der Entwicklung rund um den Iran , das für die Präsidentschaftswahlen im November wichtigste außenpolitische Ereignis.

Bedrängt von allen Seiten

Mittendrin Angela Merkel . Immer wieder Merkel. Nur Deutschland kann Europa retten, das weiß jeder. Also wird die Kanzlerin von allen Seiten bedrängt und bestürmt. Von Griechen, Spaniern, Amerikanern, Franzosen, der Opposition. Die im Glashaus sitzen, bombardieren das Kanzleramt mit Felsbrocken.

Denn unterm Strich laufen alle Forderungen, die sich hinter den Schlagworten "Wachstumspakt", "Euro-Bonds" und "Fiskalunion" verstecken, auf dasselbe hinaus – den noch tieferen Griff in die Taschen der deutschen Steuerzahler . Das weiß ebenfalls jeder. Bloß wird es ungern offen gesagt.

Auch Merkel weiß das. Aber sie weiß noch mehr. Nämlich dies: Die Deutschen wollen zwar Europa retten, aber nicht zu jeder Zeit um jeden Preis. Ihre Bereitschaft wächst allein mit der Tiefe der Krise. Wahrscheinlich gibt es zu Wachstumspakt, Euro-Bonds und Fiskalunion keine Alternative. Aber was sich heute an Erkenntnis durchsetzt, wäre vor etwa zwei Jahren in Deutschland nicht durchzusetzen gewesen.

Merkel inszeniert sich als Getriebene

Merkel ist Getriebene und inszeniert sich als Getriebene. Nur dadurch können sich die Deutschen langsam an das Unvermeidbare gewöhnen. Ihr Zögern in der Politik ist das einzige Mittel, damit die Deutschen nicht aufbegehren, sondern mehrheitlich dem neuen Kurs zustimmen.

"Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde", heißt es in der Bibel. Prosaischer gesagt: Gut Ding will Weile haben. Diejenigen, die Merkel bedrängen, haben zwar inhaltlich recht, verdrängen aber den Faktor Zeit. Zur falschen Zeit kann das Richtige das Falsche sein. Die Perpetuierung des europäischen Dramas – und damit der radikalen Reaktionen darauf – ist ein integraler Teil der Rettungspolitik. Wenn der Euro und Europa überhaupt gerettet werden können, dann wohl nur so.

Erschienen im Tagesspiegel