Meistens hat Olena keine Zeit, verzweifelt zu sein. Wenn man sie aber direkt nach ihren Lebensumständen fragt, bricht es aus ihr hervor. "Ich bin eine schlechte Tochter, ich bin eine schlechte Tochter", wiederholt die Ukrainerin wieder und wieder in einem Interview, das die Caritas in einer Dokumentation zum Thema Pflegemigration veröffentlicht hat.

Seit sieben Jahren pflegt die gelernte Physikerin in Deutschland alte Menschen und ermöglicht es ihnen, möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben. Olenas eigene Mutter, einsam und auf Unterstützung angewiesen, musste sie in der Ukraine zurücklassen. Nur zwei Wochen im Jahr – zu Ostern und Weihnachten – reist Olena in ihr Heimatland und kann sich dann so um ihre Mutter kümmern, wie sie es eigentlich möchte.

Die restliche Zeit quält sie ihr schlechtes Gewissen, obwohl sie mit ihrem Einkommen nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihren erwachsenen Sohn und dessen Familie unterstützt. "Dass ich jetzt Depressionen habe, liegt denke ich daran, dass ich hier deutsche Leute pflegen muss, während meine Mutter in der Ukraine allein ist", fasst sie ihre Situation zusammen.

Verlassene Kinder sind akut gefährdet

Olenas Schicksal ist kein Einzelfall. Zwischen hundert- und zweihunderttausend osteuropäische Frauen arbeiten nach Schätzungen des Deutschen Caritas-Verbandes als Pflege- und Haushaltshilfen in deutschen Familien. "Welche Folgen dies für die Herkunftsländer hat, wird in Deutschland bisher noch weitgehend ignoriert", sagt Caritas-Präsident Peter Neher.

Während Olena vor allem die Sorge um ihre alte Mutter quält, ängstigen sich viele andere um ihre minderjährigen Kinder, die sie zurückgelassen haben. In Polen erleben laut Caritas-Studie 110.000 Kinder, dass mindestens ein Elternteil im Ausland arbeitet, in der Ukraine soll die Zahl in die Millionen gehen.

Die Folgen reichen von schlechteren schulischen Leistungen über Alkohol- und Drogenmissbrauch bis hin zu erhöhter Selbstmordgefahr. Doch auch wenn solch krasse Probleme nicht auftauchen, ist eine Entfremdung von Eltern und Kindern kaum zu vermeiden. Die verpasste gemeinsame Lebenszeit ist nicht einholbar.

Ausgebildete Kräfte in Westeuropa gefragt

Selbst wenn die Frauen keine nahestehenden Angehörigen verlassen, sind die Folgen für die Herkunftsländer gravierend. Denn die Migranten fehlen – nicht zuletzt als Pflegekräfte. "Die osteuropäischen Gesellschaften altern teilweise noch schneller als die deutsche", sagt Neher. Die Caritas hat dort deswegen bereits in den neunziger Jahren mit dem Aufbau einer mobilen Altenpflege begonnen. Doch mittlerweile hat man Probleme, den erreichten Standard aufrecht zu erhalten. Denn ausgebildete Pflegekräfte werden in Westeuropa dringend gebraucht. 

Migranten mit einer entsprechenden Ausbildung haben noch am ehesten die Chance auf einen regulären Arbeitsplatz in Deutschland. Der überwiegende Teil der Pflegemigrantinnen aber muss hier unter prekären Verhältnissen arbeiten. In der Regel sind die Frauen weder sozial- noch unfallversichert. Als sogenannte live-ins sind sie häufig rund um die Uhr im Einsatz, bekommen kaum freie Tage und gemessen an der tatsächlich erbrachten Arbeitsleistung ist die Entlohnung minimal. Sofern sie aus Nicht-EU-Staaten stammen, haben sie häufig keine Aufenthaltsgenehmigung. In diesem Fall sind sie von ihren Arbeitgebern vollständig abhängig.

Die Politik ignoriert das Problem

Doch trotz dieser vielfältigen Problemlage "verzichtet die deutsche Politik bisher weitgehend auf eine aktive Gestaltung des Phänomens der irregulären Pflegemigration", sagt Neher. Ein Anruf bei den Pflegeexperten der beiden größten Fraktionen im Deutschen Bundestag bestätigt diesen Befund. Nein, ein umfassendes Konzept für dieses Problem gebe es nicht, heißt es übereinstimmend aus den Büros der zuständigen Abgeordneten von CDU und SPD .

Zu tun hat dies sicher auch mit der Vielschichtigkeit des Themas. Es fällt in die Zuständigkeit mehrerer Ministerien. Das hat zur Folge, dass sich niemand wirklich verantwortlich fühlt.

Helma Lutz sieht für die Lethargie der Politik aber noch einen anderen Grund. Es gebe eine "impliziten Komplizenschaft" deutscher Wohlfahrtspolitik mit jenen deutschen Familien, die von der illegalen Beschäftigung von Migrantinnen profitieren, analysiert die Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung. Schon heute helfen die Frauen aus Osteuropa , den Pflegenotstand zu mildern. Mit der wachsenden Zahl  Pflegebedürftiger dürften sie noch wichtiger werden.

Den Spagat erleichtern

Dabei gäbe es durchaus Wege, sowohl den Bedürfnissen pflegebedürftiger Deutscher als auch den Problemen in den Herkunftsländern der Pflegerinnen Rechnung zu tragen.

Zunächst einmal müsse anerkannt werden, dass die Pflegekrise nicht allein durch Pflegemigration gelöst werden könne, fordert beispielsweise Neher. Das bedeute nicht nur, dass Pflegeberufe auch für Deutsche attraktiver werden müssten. Es müsse auch mehr Kreativität in die Entwicklung alternativer Lebensmodelle im Alter gesteckt werden, wie etwa in Alten-WGs.

Zudem gehe es natürlich um die Legalisierung der illegalen Arbeitsstellen. Dafür müsse mehr Geld in die Hand genommen werden , sprich die finanzielle Basis der Pflegeversicherung verbessert werden.

Vor allem aber brauche es einen grenzüberschreitenden Blick auf das Problem. Nur dann könnten Frauen wie Olena hoffen, dass ihnen ihr Leben zwischen Heimat- und Arbeitsland in Zukunft ein wenig erleichtert wird.