Als Bismarck 1891 die Rentenversicherung einführte, um die aufkommende Arbeiterbewegung ruhig zu stellen, war es noch ganz einfach: Das Alter, von dem an Arbeiter und kleine Angestellte Rente beziehen durften, wurde auf 70 Jahre festgelegt. Denn kaum ein Arbeiter, der damals noch 60 Stunden pro Woche in der Fabrik schuften musste, wurde so alt. Die neue Versicherung musste also nur wenige Renten auszahlen, der Beitragssatz betrug am Anfang nur 1,7 Prozent. Erst während des Ersten Weltkriegs wurde das Rentenalter auf die bis zur jüngsten Rentenreform in Deutschland geltende Grenze von 65 Jahren gesenkt. Der Beitragssatz verdoppelte sich.

Letztlich ist die Frage des Renteneintrittalters eine simple Rechenaufgabe. Besser gesagt: Sie wäre es, wenn die Politik nicht immer wieder eingreifen würde. Wie hoch ist die durchschnittliche Lebenserwartung? Wie viele Menschen gibt es im "rentennahen" und im Rentenalter? Wie lange werden sie durchschnittlich Rente beziehen? Wie viele Berufstätige und Junge gibt es, die für sie aufkommen müssen?

Einfache Rechenaufgabe

Aus diesen Fragen ergeben sich drei Faktoren, die zu einer Formel verbunden werden müssen: die Höhe der Rente, der Beitragssatz und eben die Altersgrenze, von der an die Beitragszahler Rente beziehen dürfen. Die Faustregel besagt: Je höher die Rente, je mehr Rentner es gibt (die im Schnitt auch noch immer länger leben) und je weniger aktive Beitragszahler, desto stärker muss der Beitragssatz steigen. Schon heute liegt er fast bei 20 Prozent. Wenn man eine weitere Erhöhung vermeiden will, um die Jüngeren finanziell nicht zu erdrosseln, gibt es nur zwei Wege: Man muss die Renten kürzen und/oder das Rentenalter erhöhen.

Auf diesen Zusammenhang hat dieser Tage die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) noch einmal hingewiesen und gefordert, das Rentenalter entsprechend der steigenden Lebenserwartung in allen Industrieländern schrittweise anzuheben . Genau das hat die Bundesregierung 2006 getan: Die Altersgrenze wird in Deutschland schrittweise auf 67 Jahre erhöht, weil die wachsende Zahl der Rentner in immer krasserem Missverhältnis steht zur sinkenden Zahl derjenigen, die die Renten erwirtschaften müssen. Gleichzeitig wurden die Renten durch Nullrunden und geringe Anhebungen, die zum Teil unter der Preissteigerung lagen, über viele Jahre real deutlich gesenkt.

Das ist für diejenigen, die jetzt oder in naher Zukunft Rente beziehen, sicher bitter. Denn sie haben ja ihr Leben lang Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt, im Glauben, damit ausreichend für ihr Alter vorgesorgt zu haben. Doch es geht nicht anders, weil sie den sogenannten Generationenvertrag gebrochen haben. Er besagte über Jahrzehnte: Es wachsen genügend Kinder nach, um später die Alten finanziell zu versorgen.

Schon seit dem Pillenknick gilt das aber nicht mehr. Heute leben in Deutschland rund 13 Millionen Menschen der Babyboomer-Generation im Alter von 45 bis 55 Jahren. Sie werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren in Rente gehen – die stärkste Gruppe der Rentner, die dieses Land jemals gehabt hat und haben wird. Und sie werden im Schnitt dann noch 20 Jahre Rente beziehen.

Ein Gebot der Generationengerechtigkeit

Von den 15 bis 25-jährigen, die ihre Rente später einmal bezahlen müssen, gibt es aber heute in Deutschland nur noch 7,5 Millionen, also nur etwas mehr als halb so viele. Wenn man ihnen nicht weiter drastisch steigende Beiträge zumuten will, gibt es keinen anderen Ausweg, als das gesetzliche Rentenalter weiter anzuheben – über die bereits beschlossenen 67 Jahre hinaus. Denn die Lebenserwartung steigt pro Jahr durchschnittlich um 1,5 Monate, also alle sieben Jahre um ein weiteres Jahr.

Das Rentenalter weiter anzuheben, ist auch deshalb ein Gebot der Generationengerechtigkeit, weil die Jungen, die für die größte und im Vergleich reichste Rentnergeneration aufkommen müssen, die dieses Land je hatte und haben wird, selber im Alter nur eine Minimalrente erwarten können.

Sicher gibt es auch heute noch Berufe mit schwerer körperlicher Arbeit, die niemandem zuzumuten ist, der älter als 65 oder gar 60 ist. Für sie kann man Ausnahmen schaffen. Aber grundsätzlich hat die physische Belastung durch die Arbeit seit der Zeit, als die Rentenversicherung eingeführt wurde, stark abgenommen. Im Schnitt arbeiten die meisten Beschäftigten heute weniger als 40 Stunden pro Woche, also mehr als ein Drittel weniger als zu Bismarcks Zeiten, bei sechs Wochen Urlaub im Jahr.

Es gibt aber also keine Rechtfertigung, der jungen Generation immer höhere Lasten aufzuerlegen, sie sogar noch durch eine Senkung des Rentenalters wie in Frankreich von ohnehin niedrigen 62 auf wieder 60 Jahre zu verstärken. Es führt kein Weg daran vorbei: Wir müssen immer länger arbeiten, weil wir immer länger leben und immer weniger werden. Gegen Altersteilzeit oder andere gleitende Übergänge in die Rente spricht ja nichts. Wer früher aufhören möchte, soll das weiter tun können – gegen entsprechende Abschläge. Niemand ist gezwungen, länger zu arbeiten.

Nachtrag: Der Autor ist 56 Jahre alt. Er kann aufgrund der von Rot-Grün beschlossenen Rentenreform erst mit 65 Jahren und 10 Monaten in Ruhestand gehen. Wie lange Sie arbeiten müssen, sehen Sie hier .