RentenalterLänger leben, länger arbeiten

Frankreich will das Rentenalter senken. Dabei müsste es in allen Industrieländern weiter steigen, weil wir älter werden und die wenigen Jungen nicht überfordern dürfen. von 

Archivbild von Protesten in Frankreich 2010 gegen ein höheres Renteneintrittsalter

Archivbild von Protesten in Frankreich 2010 gegen ein höheres Renteneintrittsalter  |  © PHILIPPE MERLE/AFP/Getty Images

Als Bismarck 1891 die Rentenversicherung einführte, um die aufkommende Arbeiterbewegung ruhig zu stellen, war es noch ganz einfach: Das Alter, von dem an Arbeiter und kleine Angestellte Rente beziehen durften, wurde auf 70 Jahre festgelegt. Denn kaum ein Arbeiter, der damals noch 60 Stunden pro Woche in der Fabrik schuften musste, wurde so alt. Die neue Versicherung musste also nur wenige Renten auszahlen, der Beitragssatz betrug am Anfang nur 1,7 Prozent. Erst während des Ersten Weltkriegs wurde das Rentenalter auf die bis zur jüngsten Rentenreform in Deutschland geltende Grenze von 65 Jahren gesenkt. Der Beitragssatz verdoppelte sich.

Letztlich ist die Frage des Renteneintrittalters eine simple Rechenaufgabe. Besser gesagt: Sie wäre es, wenn die Politik nicht immer wieder eingreifen würde. Wie hoch ist die durchschnittliche Lebenserwartung? Wie viele Menschen gibt es im "rentennahen" und im Rentenalter? Wie lange werden sie durchschnittlich Rente beziehen? Wie viele Berufstätige und Junge gibt es, die für sie aufkommen müssen?

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Einfache Rechenaufgabe

Aus diesen Fragen ergeben sich drei Faktoren, die zu einer Formel verbunden werden müssen: die Höhe der Rente, der Beitragssatz und eben die Altersgrenze, von der an die Beitragszahler Rente beziehen dürfen. Die Faustregel besagt: Je höher die Rente, je mehr Rentner es gibt (die im Schnitt auch noch immer länger leben) und je weniger aktive Beitragszahler, desto stärker muss der Beitragssatz steigen. Schon heute liegt er fast bei 20 Prozent. Wenn man eine weitere Erhöhung vermeiden will, um die Jüngeren finanziell nicht zu erdrosseln, gibt es nur zwei Wege: Man muss die Renten kürzen und/oder das Rentenalter erhöhen.

Auf diesen Zusammenhang hat dieser Tage die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) noch einmal hingewiesen und gefordert, das Rentenalter entsprechend der steigenden Lebenserwartung in allen Industrieländern schrittweise anzuheben . Genau das hat die Bundesregierung 2006 getan: Die Altersgrenze wird in Deutschland schrittweise auf 67 Jahre erhöht, weil die wachsende Zahl der Rentner in immer krasserem Missverhältnis steht zur sinkenden Zahl derjenigen, die die Renten erwirtschaften müssen. Gleichzeitig wurden die Renten durch Nullrunden und geringe Anhebungen, die zum Teil unter der Preissteigerung lagen, über viele Jahre real deutlich gesenkt.

Das ist für diejenigen, die jetzt oder in naher Zukunft Rente beziehen, sicher bitter. Denn sie haben ja ihr Leben lang Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt, im Glauben, damit ausreichend für ihr Alter vorgesorgt zu haben. Doch es geht nicht anders, weil sie den sogenannten Generationenvertrag gebrochen haben. Er besagte über Jahrzehnte: Es wachsen genügend Kinder nach, um später die Alten finanziell zu versorgen.

Schon seit dem Pillenknick gilt das aber nicht mehr. Heute leben in Deutschland rund 13 Millionen Menschen der Babyboomer-Generation im Alter von 45 bis 55 Jahren. Sie werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren in Rente gehen – die stärkste Gruppe der Rentner, die dieses Land jemals gehabt hat und haben wird. Und sie werden im Schnitt dann noch 20 Jahre Rente beziehen.

Von den 15 bis 25-jährigen, die ihre Rente später einmal bezahlen müssen, gibt es aber heute in Deutschland nur noch 7,5 Millionen, also nur etwas mehr als halb so viele. Wenn man ihnen nicht weiter drastisch steigende Beiträge zumuten will, gibt es keinen anderen Ausweg, als das gesetzliche Rentenalter weiter anzuheben – über die bereits beschlossenen 67 Jahre hinaus. Denn die Lebenserwartung steigt pro Jahr durchschnittlich um 1,5 Monate, also alle sieben Jahre um ein weiteres Jahr.

Das Rentenalter weiter anzuheben, ist auch deshalb ein Gebot der Generationengerechtigkeit, weil die Jungen, die für die größte und im Vergleich reichste Rentnergeneration aufkommen müssen, die dieses Land je hatte und haben wird, selber im Alter nur eine Minimalrente erwarten können.

Sicher gibt es auch heute noch Berufe mit schwerer körperlicher Arbeit, die niemandem zuzumuten ist, der älter als 65 oder gar 60 ist. Für sie kann man Ausnahmen schaffen. Aber grundsätzlich hat die physische Belastung durch die Arbeit seit der Zeit, als die Rentenversicherung eingeführt wurde, stark abgenommen. Im Schnitt arbeiten die meisten Beschäftigten heute weniger als 40 Stunden pro Woche, also mehr als ein Drittel weniger als zu Bismarcks Zeiten, bei sechs Wochen Urlaub im Jahr.

Es gibt aber also keine Rechtfertigung, der jungen Generation immer höhere Lasten aufzuerlegen, sie sogar noch durch eine Senkung des Rentenalters wie in Frankreich von ohnehin niedrigen 62 auf wieder 60 Jahre zu verstärken. Es führt kein Weg daran vorbei: Wir müssen immer länger arbeiten, weil wir immer länger leben und immer weniger werden. Gegen Altersteilzeit oder andere gleitende Übergänge in die Rente spricht ja nichts. Wer früher aufhören möchte, soll das weiter tun können – gegen entsprechende Abschläge. Niemand ist gezwungen, länger zu arbeiten.

Nachtrag: Der Autor ist 56 Jahre alt. Er kann aufgrund der von Rot-Grün beschlossenen Rentenreform erst mit 65 Jahren und 10 Monaten in Ruhestand gehen. Wie lange Sie arbeiten müssen, sehen Sie hier .


 

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Leserkommentare
  1. Die einzige Lösung ist, dass jeder in seine eigene Rente einzahlt. Auf diese Weise wird Arbeit belohnt, und die wenigen Drückeberger, die bis dato sich von anderen durchfüttern lassen, nicht mehr belohnt werden.

    Antwort auf "Sprachlos"
  2. Die Argumentation im Artikel erinnert in seiner Vereinfachung an die Art wie Merkels Sparplan dem Volk eingehämmert werden soll. Es wird brutal vereinfacht und so getan als ob man als einziger in der Lage wäre zu rechnen. Bei vielen Leuten die unsicher sind oder etwas einfältig, wirkt das auch. Und in einer Demokratie reichen 10% mehr um die Macht einer Gruppe zufallen zu lassen.
    Aspekte wie Finanzierung des Systems (die FDP hat ein solidarisches System immer verhindert, und die CDU hat das gerne akzeptiert, aber das muss ja nicht so bleiben) und Produktivität, werden schlicht ausgeblendet.
    Wenn man uns schon oberlehrerhaft das Rechnen beibringen will sollte man auch Gleichungen mit mehreren Parametern lösen können.

    • sf2000
    • 17. Juni 2012 8:15 Uhr

    ... die Produktivität ist in den letzten Jahrzehnten um 600 Prozent gestiegen. Wie können wir ein Problem bei der Rente haben? Und wie kann die Lösung dafür "längere Arbeitszeiten" lauten? Werfen Sie mal Ihren Taschenrechner an.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • _bla_
    • 18. Juni 2012 9:24 Uhr

    ... die Produktivität ist in den letzten Jahrzehnten um 600 Prozent gestiegen. Wie können wir ein Problem bei der Rente haben?

    Nur blöd das die Ansprüche ebenso gestiegen sind und die Produktivitätssteigerungen sehr ungleichmäßig verteilt sind. Die Produktionssteigerung nützt einem wenig, wenn das Geld fast vollständig für Güter verwendet wird, die wenig bis gar keine Produktivitätssteigerung erfahren haben. Ein Altenpfleger kann heute selbstverständlich nicht 7mal so viele Menschen versorgen wie ein Altenpfleger vor ein paar Jahrzehnten.
    Und Fortschritte wie in der Medizin oder in der Technik sind natürlich auch Teil der Produktivitätssteigerung, aber sie führen eben nicht dazu, das ein arbeitender Mensch mehr Leute versorgen kann, sondern das sich die Ansprüche verändern und heute eben auch erwartet wird, das man auf dem aktuellen Stand der Medizin behandelt wird, man Zugang zum Internet hat und man bei einem Autounfall mit 50 km/h vom Airbag gerettet wird anstatt noch am Unfallort zu sterben.

  3. ist das system auf einen teil der bevölkerung begrenzt, der nicht die entscheidung treffen kann auszutreten.

    die schwachen finanziellen schultern müssen immer mehr tragen, weil reiche und beamte nicht in den topf einzahlen und gerade die beamten (politiker) ohne erbrachte leistung großzügig ihre rente (http://de.wikipedia.org/w...) eben von jenen schwachen schultern noch mitfinanziert werden.

    dazu kommt, das unser gehaltstruktur im niedriglohnsektor so gedrückt wurde, das menschen noch geld vom staat (ergänzendes hartz 4) beantragen müssen bzw. für 400€ arbeiten müssen, die keine oder nur wenig für das system leisten können.

    dann die beruflichen möglichkeiten unsere jugend bzw. hohe jugendarbeitslosigkeit, bzw. menschen die schon von anfang an in hartz 4 oder billiglohnjobs gedrängt werden (die ja angeblich für die rentner arbeiten sollen).

    schließlich erzählt uns der staat, die medien, das wir länger arbeiten müssen um die rentenlast zu "schultern".

    wenn man die menschen für ihre arbeit nicht entlohnt, dafür sorgt, das sich entsprechende gruppen nicht an dem system mitwirken müssen, dazu noch privat versichern muss (die versicherungen haben daran natürlich kein interesse....), dann ist es natürlich sinnvoll, dem bürger solche thesen zu verkaufen.

    http://www.youtube.com/wa...

  4. ..zu erhöhen, ist wirklich ziemlich einfältig.
    Die Beitragsjahre und die Beitragsbemessungsgrenze neu zu definieren wäre effektiver und gerechter.

    1. Die Beitragsbemessungsgrenze muss weg
    (notfalls über das Bundesverfassungsgericht -
    machen Politiker doch sonst auch gerne)
    2. Mindestens 45 Beitragsjahre (wer mit 16 bereits in die
    Lehre geht, kann dann mit 61 aufhören und wer bis 30
    studiert muss halt bis 75)
    3. in Deutschland leider nicht möglich, da wir ein
    Staat sind mit vielen Privilegierten....
    ALLE zahlen in die Rentenkasse ein
    (so wie in der Schweiz z.B.)

    Es gibt also Möglichkeiten, wenn die sog. Volksparteien auch
    für das Volk da wären und nicht nur für "ihresgleichen" also die "Privilegierten"...

  5. Wie wäre es mit einer Umgestaltung der Verwaltungseinrichtungen zur Steigerung der Effizienz und der Vereinfachung des bekanntermaßen schon immer unnötig komplizierten Rentensystems? Mit dem eingesparten Geld kann man schon sehr viel erreichen, und es direkt dort zuführen, wo es wirklich gebraucht wird. Gleichzeitig könnte man z.b: ein Eintrittsalter flexibler und invidueller gestalten.

    Abgesehen davon, sollte es mir tatsächlich vergönnt sein das Rentenalter zu erreichen, bis dahin (ca. 30 Jahre) gibt's das System der Rente so wie heute vermutlich sowieso nicht mehr. Was man vom Einzahlen der Renten in Kassen wirklich hat, nicht sicher, wenn man mit ansehen muss, wie diese Gelder teils sinnlos verschwendet werden wo diese an anderer Stelle so dringend gebraucht werden könnten.

    Als wäre das noch nicht schlimm genug, es gibt keine Antwort auf die Frage, was zukunünftige Generationen hinsichtlich der Altersvorsorge erwarten könnte.

    Wenn Frankreich das Renteneintrittsalter mal eben senken will, dann schlage ich vor, flächendeckend Roboter als Ersatz für Arbeitnehmer einzusetzen, um das verringerte Wachstum der Wirtschaft irgendwie langfristig auszugleichen.

    • bukoca
    • 17. Juni 2012 8:45 Uhr

    Wir waren jetz in Griechenland und ein Taxifahrer sagte uns, die neue Steuer auf das Haus sei so belastend, dass es besser gewesen wäre kein Haus gebaut zu haben. Also, sie werden sich schon was einfallen lassen, um an Ihr Geld zu kommen.

    Antwort auf "Darum Hausbauen"
  6. "Über 40 000 Franzosen pendeln Tag für Tag nach Deutschland um hier zu arbeiten." - Die, die nach Deutschland pendeln, sind nicht diejenigen, die sonst in Frankreich keinen Job finden würden : sie sind auf Suche nach bessere Löhne, niedrigere Wohnmieten, preiswerteres Leben, mehr Verantwortungen. Die von den 20% Arbeitslosigkeit sind meistens die, die mit keinem Hochschulabschluss auf den Arbeitsmarkt treten.

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  • Schlagworte Bundesregierung | OECD | Alter | Altersteilzeit | Fabrik | Glaube
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