RentenalterLänger leben, länger arbeiten

Frankreich will das Rentenalter senken. Dabei müsste es in allen Industrieländern weiter steigen, weil wir älter werden und die wenigen Jungen nicht überfordern dürfen.

Archivbild von Protesten in Frankreich 2010 gegen ein höheres Renteneintrittsalter

Archivbild von Protesten in Frankreich 2010 gegen ein höheres Renteneintrittsalter

Als Bismarck 1891 die Rentenversicherung einführte, um die aufkommende Arbeiterbewegung ruhig zu stellen, war es noch ganz einfach: Das Alter, von dem an Arbeiter und kleine Angestellte Rente beziehen durften, wurde auf 70 Jahre festgelegt. Denn kaum ein Arbeiter, der damals noch 60 Stunden pro Woche in der Fabrik schuften musste, wurde so alt. Die neue Versicherung musste also nur wenige Renten auszahlen, der Beitragssatz betrug am Anfang nur 1,7 Prozent. Erst während des Ersten Weltkriegs wurde das Rentenalter auf die bis zur jüngsten Rentenreform in Deutschland geltende Grenze von 65 Jahren gesenkt. Der Beitragssatz verdoppelte sich.

Letztlich ist die Frage des Renteneintrittalters eine simple Rechenaufgabe. Besser gesagt: Sie wäre es, wenn die Politik nicht immer wieder eingreifen würde. Wie hoch ist die durchschnittliche Lebenserwartung? Wie viele Menschen gibt es im "rentennahen" und im Rentenalter? Wie lange werden sie durchschnittlich Rente beziehen? Wie viele Berufstätige und Junge gibt es, die für sie aufkommen müssen?

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Einfache Rechenaufgabe

Aus diesen Fragen ergeben sich drei Faktoren, die zu einer Formel verbunden werden müssen: die Höhe der Rente, der Beitragssatz und eben die Altersgrenze, von der an die Beitragszahler Rente beziehen dürfen. Die Faustregel besagt: Je höher die Rente, je mehr Rentner es gibt (die im Schnitt auch noch immer länger leben) und je weniger aktive Beitragszahler, desto stärker muss der Beitragssatz steigen. Schon heute liegt er fast bei 20 Prozent. Wenn man eine weitere Erhöhung vermeiden will, um die Jüngeren finanziell nicht zu erdrosseln, gibt es nur zwei Wege: Man muss die Renten kürzen und/oder das Rentenalter erhöhen.

Auf diesen Zusammenhang hat dieser Tage die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) noch einmal hingewiesen und gefordert, das Rentenalter entsprechend der steigenden Lebenserwartung in allen Industrieländern schrittweise anzuheben. Genau das hat die Bundesregierung 2006 getan: Die Altersgrenze wird in Deutschland schrittweise auf 67 Jahre erhöht, weil die wachsende Zahl der Rentner in immer krasserem Missverhältnis steht zur sinkenden Zahl derjenigen, die die Renten erwirtschaften müssen. Gleichzeitig wurden die Renten durch Nullrunden und geringe Anhebungen, die zum Teil unter der Preissteigerung lagen, über viele Jahre real deutlich gesenkt.

Das ist für diejenigen, die jetzt oder in naher Zukunft Rente beziehen, sicher bitter. Denn sie haben ja ihr Leben lang Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt, im Glauben, damit ausreichend für ihr Alter vorgesorgt zu haben. Doch es geht nicht anders, weil sie den sogenannten Generationenvertrag gebrochen haben. Er besagte über Jahrzehnte: Es wachsen genügend Kinder nach, um später die Alten finanziell zu versorgen.

Schon seit dem Pillenknick gilt das aber nicht mehr. Heute leben in Deutschland rund 13 Millionen Menschen der Babyboomer-Generation im Alter von 45 bis 55 Jahren. Sie werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren in Rente gehen – die stärkste Gruppe der Rentner, die dieses Land jemals gehabt hat und haben wird. Und sie werden im Schnitt dann noch 20 Jahre Rente beziehen.

Leserkommentare
  1. sowieso der falsche Maßstab.

    Es können allein die Beitragsjahre zählen.

    Wer früh beginnt muß auf früher aufhören können
    Also 45 Versicherungsjhare z.B.

    Der gerne zitierte Dachdecker kann dann von z..B. 16 - 61 arbeiten und das andere Klische der Bummelstudend der mit 35 anfängt Brötchen zu verdienen meinetwegen mit 80!

    Versicherungsfremde Leistungen raus!
    Und solidarische Bürgerversicherung, alle bezahlen ein! Vom Lehrling bis zum Vorstandsvorsitzenden!

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    Nehmen wir eine durchschnittliche Lebenserwartung von 75 Jahren:

    16-61 = 45 Jahre eingezahlt, 14 Jahre ausgezahlt
    25-70 = 45 Jahre eingezahlt, 5 Jahre ausgezahlt

    Beitragsjahre zählen genügt nicht, da muss dann wohl das Lebensalter her.

    Nehmen wir eine durchschnittliche Lebenserwartung von 75 Jahren:

    16-61 = 45 Jahre eingezahlt, 14 Jahre ausgezahlt
    25-70 = 45 Jahre eingezahlt, 5 Jahre ausgezahlt

    Beitragsjahre zählen genügt nicht, da muss dann wohl das Lebensalter her.

  2. Und die Problematik wird noch verschlimmert durch die finanziellen Bilanzen, die die jetzige Generation den nachfolgenden Generationen überlässt. Denn die Generationen der letzten Jahrzehnte sind auch für die Masse an Verschuldung verantwortlich. Hinzu kommt die Verschwendung von natürlichen Ressourcen und der Ruin der natürlichen Umwelt. Angesichts dessen gibt es kaum noch eine Verpflichtung dazu, überhaupt Renten zu zahlen, denn die Nachfolgegeneration muss ja auch instand gesetzt werden dazu, die Lasten zu tragen. Und was wir gelernt haben ist: Systemrelevant sind Spielcasinobanken, aber nicht Bildungspolitik.

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    Wie wäre es denn mit einem umgekehrten Generationenvertrag? Das wäre mal eine Ankündigung, nur schade dass die die wählen dürfen nicht die sind die auch davon profitieren. Also nichts da, Politik wird für Wähler gemacht, nicht für Gerechtigkeit.

    Wie wäre es denn mit einem umgekehrten Generationenvertrag? Das wäre mal eine Ankündigung, nur schade dass die die wählen dürfen nicht die sind die auch davon profitieren. Also nichts da, Politik wird für Wähler gemacht, nicht für Gerechtigkeit.

  3. Seit einigen Jahren spricht man in der Medizin von einem "vierten Lebensabschnitt"; nach Kindheit und Berufstätigkeit kommt heute im allgemeinen Selbstverständnis nicht mehr, wie seit Menschengedenken überall auf der Welt üblich, die Zeit des Sterbens, sondern noch einmal eine Zeit des Genießens der Restlebenszeit, als Belohnung für ein Leben in Arbeit und Mühsal. Vielleicht die größte soziale Errungenschaft des 20. Jahrhunderts!

    Jeder von uns wünscht sich, nach seinem Ruhestand später einmal diese gesellschaftliche Gratifikation in Anspruch nehmen zu können, und eine ausreichende Rentenbezugszeit und -höhe sind für uns zu einem Maß der gesellschaftliche Wertschätzung der eigenen Leistung geworden. Dieser Anspruch ist genauso nachvollziehbar wie er selbstverständlich sein sollte. Außerdem bedeutet ein höheres Renteneintrittsalter ja nicht automatisch eine entsprechend weitere Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt; steigt das Renteneintrittsalter, ohne dass die durchschnittliche Lebensarbeitszeit mitsteigt, resultiert daraus eine de-facto-Rentenkürzung. Eine angemessene Rentenversorgung ist, aus allen Perspektiven des modernen Ethikempfindens heraus betrachtet, eine integrale Verpflichtung des Staatsapparates.

    Dennoch weist dieser Artikel, und darin besteht seine Berechtigung, auf ein nicht wegzudiskutierendes Dilemma hin: Was, wenn wir's, nüchtern betrachtet, einfach nicht mehr BEZAHLEN können? Die Rentendebatte wird zur zentralen Ethikdebatte der kommenden Jahrzehnte werden.

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  4. in Deutschland nach 41 Beitragsjahren in Rente gehen zu dürfen wie in F.

    Ich habe das zweifeklhafte Vergnügen mit 63 noch 7,2 % Abschläge zu berappen, obwohl ich 47, in Worten siebenundvierzig, Jahre B E I T R Ä G E entrichtet habe, nicht nur "Zeiten" gesammelt!

    Die BfA ist eine Geldvernichtungsanstalt!

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  5. auch folgende Tatsachen bedacht werden: in den letzten Jahrzehnten wurden aus wahltaktischen Gründen Menschen Renten zugesagt, die nie in die Rentenkasse einzahlten.
    Und es gibt Berufskreise, die Pensionen beziehen, die sie nie mit Beiträgen gefüttert haben. Sie werden aus Steuern der Arbeiter und Angestellten bedient. Eine von mir durchgeführte Berechnung kam zu dem Ergebnis, daß die Summe der Einzahlungen in die Rentenkasse, wenn sie gebunden an die Person des Beitragszahlers ist, es ermöglichen würde von den Zinsen zu leben. Aber dieses System ist an die Solidarität gebunden...soweit ok; aber auch an das politische Gießkannenprinzip? An gelogene Wahlversprechungen?

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    daß ich es richtigstellen möchte: Beamte haben von Anfang an durch Gehaltsabzug vor Versteuerung in ihre Pensionskassen eingezahlt, je zur Hälfte Staat als Arbeitgeber und Beamter als Arbeitnehmer; aus dem Grunde werden Pensionen auch schon immer versteuert - Beamte sind also auch Steuerzahler (nicht nur Arbeiter und Angestellte), in aktiver Berufszeit und als Pensionäre. - Was uns allen bei der Altersversorgung (auch bei den Beiträgen für die Pflege) fehlt, ist Ehrlichkeit und Beteiligung aller Einkommen (auch Betriebseinkommen) ohne Befreiung durch Bemessungshöchstgrenzen. -

    daß ich es richtigstellen möchte: Beamte haben von Anfang an durch Gehaltsabzug vor Versteuerung in ihre Pensionskassen eingezahlt, je zur Hälfte Staat als Arbeitgeber und Beamter als Arbeitnehmer; aus dem Grunde werden Pensionen auch schon immer versteuert - Beamte sind also auch Steuerzahler (nicht nur Arbeiter und Angestellte), in aktiver Berufszeit und als Pensionäre. - Was uns allen bei der Altersversorgung (auch bei den Beiträgen für die Pflege) fehlt, ist Ehrlichkeit und Beteiligung aller Einkommen (auch Betriebseinkommen) ohne Befreiung durch Bemessungshöchstgrenzen. -

  6. Hallo Herr Greven, Sie haben doch Volkswirtschaft studiert. Demnach müssten Sie doch wissen, dass die Höhe der Rente, der Beitragssatz und die Altersgrenze nicht die einzigen rentenbestimmenden Faktoren sind, sondern auch der Produktivitätsfaktor einzurechnen ist. Im übrigen behaupten Sie zwar systemimmanent richtig, dass "die wachsende Zahl der Rentner in immer krasserem Missverhältnis zur sinkenden Zahl derjenigen, die die Renten erwirtschaften müssen" steht, unterschlagen dabei aber geflissentlich, dass die Rente in vielen anderen europäischen Ländern anders als in Deutschland nicht (nur) aus Lohnnebenkosten, sondern zu einem höheren Prozentteil aus Steuermitteln finanziert werden. Unterm Strich liest sich der Beitrag leider wie ein PR-Text der "Initiative Neue Sozialmarktwirtschaft".

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    • xy1
    • 16.06.2012 um 21:44 Uhr

    Die Rentenkasse erhält aus Steuermitteln einen Beitrag in der Grössenordnung 80 Milliarden €, also ca. 40% des Etats.
    Damit werden auch die sogenannten versicherungsfremden Leistungen abgedeckt.

    Danke! Das ist mir auch bekannt, wiewohl der Bundeszuschuss meines Wissens z.B. für 2010 59 Mrd. Euro (40 Mrd. allg. Zuschuss plus 19 Mrd. zur Abdeckung versicherungsfremder Leistungen) statt der von Ihnen angegebenen 80 Mrd. Euro betrug. Mehr dazu:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetzliche_Rentenversicherung_(Deutschland)#Finanzierung_der_Rentenversicherung

    hab mich auch schon gefragt, ob die INSM mal wieder "Angst vor dem Alter" (Junge = Angst vor den vielen Alten, Alte = Angst vor Altersarmut) schürt.

    Auf die Fehler im Artikel haben bereits andere hingewiesen (Produktivität nicht berücksichtigt, seit Jahrzehnten sich ausweitender Niedriglohnsektor, große Bevölkerungsgruppen, die nicht eingebunden sind). Dass der Autor VWL studiert haben soll, kann ich nicht glauben, denn dann müsste sein Artikel differenzierter sein und alle Faktoren berücksichtigen.

    • xy1
    • 16.06.2012 um 21:44 Uhr

    Die Rentenkasse erhält aus Steuermitteln einen Beitrag in der Grössenordnung 80 Milliarden €, also ca. 40% des Etats.
    Damit werden auch die sogenannten versicherungsfremden Leistungen abgedeckt.

    Danke! Das ist mir auch bekannt, wiewohl der Bundeszuschuss meines Wissens z.B. für 2010 59 Mrd. Euro (40 Mrd. allg. Zuschuss plus 19 Mrd. zur Abdeckung versicherungsfremder Leistungen) statt der von Ihnen angegebenen 80 Mrd. Euro betrug. Mehr dazu:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetzliche_Rentenversicherung_(Deutschland)#Finanzierung_der_Rentenversicherung

    hab mich auch schon gefragt, ob die INSM mal wieder "Angst vor dem Alter" (Junge = Angst vor den vielen Alten, Alte = Angst vor Altersarmut) schürt.

    Auf die Fehler im Artikel haben bereits andere hingewiesen (Produktivität nicht berücksichtigt, seit Jahrzehnten sich ausweitender Niedriglohnsektor, große Bevölkerungsgruppen, die nicht eingebunden sind). Dass der Autor VWL studiert haben soll, kann ich nicht glauben, denn dann müsste sein Artikel differenzierter sein und alle Faktoren berücksichtigen.

  7. Ca. 20% Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich seit Jahren und in Südwestdeutschland nur 3%.

    Über 40 000 Franzosen pendeln Tag für Tag nach Deutschland um hier zu arbeiten.

    Ja die Franzosen machen es richtig.

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    Antwort auf "Kompetenz adé"
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    ... 20% ist es doch dringend angeraten, Jugendliche Arbeitsplätze durch einen frühen Renteneintritt zu ermöglichen.

    "Über 40 000 Franzosen pendeln Tag für Tag nach Deutschland um hier zu arbeiten." - Die, die nach Deutschland pendeln, sind nicht diejenigen, die sonst in Frankreich keinen Job finden würden : sie sind auf Suche nach bessere Löhne, niedrigere Wohnmieten, preiswerteres Leben, mehr Verantwortungen. Die von den 20% Arbeitslosigkeit sind meistens die, die mit keinem Hochschulabschluss auf den Arbeitsmarkt treten.

    ... 20% ist es doch dringend angeraten, Jugendliche Arbeitsplätze durch einen frühen Renteneintritt zu ermöglichen.

    "Über 40 000 Franzosen pendeln Tag für Tag nach Deutschland um hier zu arbeiten." - Die, die nach Deutschland pendeln, sind nicht diejenigen, die sonst in Frankreich keinen Job finden würden : sie sind auf Suche nach bessere Löhne, niedrigere Wohnmieten, preiswerteres Leben, mehr Verantwortungen. Die von den 20% Arbeitslosigkeit sind meistens die, die mit keinem Hochschulabschluss auf den Arbeitsmarkt treten.

  8. Wenn x sehr klein ist, so lohnt es kaum noch jemanden einzustellen und einzuarbeiten.
    Wird x wieder größer, so wächst auch der Wert der Arbeitskraft wieder.
    Ergo ist eine längere Lebenserwartung und ein späterer Renteneintritt wie eine Verjüngung der Arbeitskraft.

    Ich sehe die Erhöhung des Rentenalters, eben wegen der höheren Lebenserwartung als etwas positives. Wer das Gegenteil annimmt, glaubt auch bei einem "bedingungslosen Grundeinkommens" müsste niemand mehr arbeiten!?!

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