Nun hat er also Ernst gemacht. Immer wieder wurde Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich von einer beunruhigten Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen gelöchert: Was unternehmen seine Behörden gegen den Salafismus , jene islamistische Strömung, die in Deutschland schneller wächst als jede andere?

Mit ihren Koranverteilungen und den gewalttätigen Angriffen bei Demonstrationen waren die Salafisten schnell zur vielbeachteten potentiellen Bedrohung für die innere Sicherheit geworden. "Seien Sie sich sicher, dass wir alle Instrumente und Möglichkeiten ausschöpfen werden", hatte der CSU-Politiker auf die Fragen zum Beispiel geantwortet. Wartet nur ab, sollte das heißen, ich kümmere mich schon darum.

Heute in den frühen Morgenstunden war es dann so weit, Friedrich griff die Salafisten-Szene gleich an mehreren Stellen gleichzeitig an. Über 70 Büros, Wohnungen und andere Räumlichkeiten in sieben Bundesländern ließ er durchsuchen , vor allem in Nordrhein-Westfalen und in Hessen . Außerdem verbot er den Verein "Millatu Ibrahim", der seinen Sitz in Solingen im bergischen Land hat, und beschlagnahmte das Vereinsvermögen. "Millatu Ibrahim" rufe "Muslime in Deutschland zum aktiven Kampf gegen die verfasungsmäßige Ordnung auf", erklärte der Minister.

Auch gegen zwei weitere Vereine der Salafisten-Szene, den Frankfurter "DawaFFM" und die Kölner DWR ("die wahre Religion"), leitete das Ministerium Ermittlungsverfahren ein. Bei ihnen haben die Beweise noch nicht für ein Verbot gereicht. Alle drei Organisationen sind wichtige Knotenpunkte im Netz der deutschen Salafisten, werden von Wortführern der Szene geleitet und geben vor allem mit ihren Websites und Internet-Aktivitäten die Linie vor.

Was aber ist das für eine Gruppe, gegen die die Sicherheitsbehörden nun so massiv vorgehen?

Im April sorgten die Salafisten für Aufregung, weil sie in ganz Deutschland 25 Millionen Korane verteilen wollten . Der Verfassungsschutz warnte vor Propaganda, Politiker vor islamistischer Stimmungsmache. Anfang Mai dann griffen ihre Anhänger eine Demonstration der rechtspopulistischen Gruppierung ProNRW an, als diese mit Mohammed-Karikaturen durch Bonn zog. 29 Polizisten wurden verletzt, zwei gar mit Messern niedergestochen. Auf so einen Gewaltausbruch war anscheinend niemand vorbereitet, die Öffentlichkeit war aufgeschreckt.

So neu die Aufmerksamkeit für die Salafisten ist – um ihre Gefährlichkeit wissen die Behörden eigentlich schon länger. Um das Jahr 2004 herum erregten die "Islamseminare" ihre Aufmerksamkeit, mit denen die Vorreiter der Bewegung Kontakte knüpften und immer neue Anhänger rekrutierten. Und im Juni 2011, vor genau einem Jahr berieten die Innenminister über die Salafisten, das damalige 60-seitige Lagebild enthält bereits all die Einschätzungen, die bis heute die Linie und das Vorgehen der Behörden bestimmen.

Dort heißt es über den Salafismus: "Das Demokratieprinzip (Volkssouveränität) wird kategorisch abgelehnt" und "die Geltungsberechtigung weltlicher Gesetzgebung (Parlamentsgesetze etc.) wird strikt verneint", weil die Scharia, "als Gesetz Gottes letztgültiger Maßstab" sei. Nach Einschätzung der Behörden steht ihre Ideologie deshalb im Widerspruch zur freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Der Verfassungsschutz beziffert die Zahl der Salafisten in Deutschland auf 4.000. Die Experten unterscheiden zwischen einem "politischen", agitierendem Arm, und einem "jihadistischen", gewaltbereitem Arm – wobei die Übergänge fließend und die Wortführer teils identisch sind. Insgesamt gelten 24 Salafisten in Deutschland als "Gefährder", denen islamistische Anschläge zugetraut werden.