ZEIT ONLINE: Herr Beck , Sie haben sich am Donnerstag im Bundestag leidenschaftlich für die Rechte von Juden und Muslimen auf Beschneidung ihrer Söhne ins Zeug gelegt – warum?

Volker Beck: Ich will, dass jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland möglich ist, und zwar frei von jedem Kriminalisierungsdruck .

ZEIT ONLINE: Viele der Gläubigen, für die Sie sich da eingesetzt haben, würden einem bekennenden Homosexuellen wie Ihnen nicht die Hand reichen. Warum werfen Sie sich trotzdem für sie in die Bresche?

Beck: Ich setze mich nicht für einzelne Menschen ein, sondern für bestimmte Grundrechte. Und da gilt dann eben nicht: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Religiöse Positionen verdienen auch dann Schutz der Rechtsordnung, wenn sie meine Position nicht respektieren. Opfer von Menschenrechtsverletzungen haben nicht automatisch recht, aber sie verdienen die Verteidigung ihres Rechts.

ZEIT ONLINE: Spielt da bei Ihnen auch so etwas wie die Solidarität von Minderheiten eine Rolle?

Beck: Als Angehöriger einer Minderheit weiß ich, wie man sich fühlt, wenn die Gesellschaft die Rechte einer Gruppe negiert. Deshalb setze ich mich auch für Roma, Behinderte, Prostituierte und religiöse Minderheiten ein.

ZEIT ONLINE: Viele Grüne haben sich Ihrer Position nicht angeschlossen. Warum?

Beck: Da gibt es zwei Motive. Alle sorgen sich um das Kindeswohl. Viele fragen sich: Kann man dann noch differenzieren zwischen weiblicher Genitalverstümmelung und Beschneidung bei Jungen? Ich sage eindeutig: Ja. Andere wollten einfach nur etwas länger nachdenken statt dieses Hopplahopp-Verfahrens. Da kann ich nur zustimmen. Es gab überhaupt keinen Grund, innerhalb von wenigen Tagen eine Entscheidung im Bundestag herbeizuführen.

 "In einer E-Mail bin ich als 'Judenknecht' tituliert worden"

ZEIT ONLINE: Welche Reaktionen bekommen Sie?

Beck: Viele aus der jüdischen Community haben sich bei mir bedankt. Aber die überwiegende Reaktion im Internet ist massiv ablehnend bis hasserfüllt. Ich erschrecke mich da oft. Es zeigt sich ein tiefes Unverständnis von Religion als Phänomen. Da spürt man oft eine tiefe Verletzung durch Religion. Da wird die Ausübung von Religion immer schon als übergriffig erlebt, als politischer Anspruch, wieder das ganze Leben aller bestimmen zu wollen. Man merkt: Auch die Weltanschauung des Atheismus kann fundamentalistische Züge annehmen. Der religiös neutrale Staat muss aber eben beides achten : die Rechte derjenigen, die nicht an Gott glauben, und die der anderen, die an eine transzendente Größe glauben.

ZEIT ONLINE: Aber der Shitstorm bezieht sich doch nicht nur auf die Religion schlechthin. Er bezieht sich hier ganz konkret auf Juden und Muslime.

Beck: Selbstverständlich. In einer E-Mail bin ich als "Judenknecht" tituliert worden, der dem " Zentralrat der Juden in den Arsch kriecht". Die Juden würden sowieso alles in dieser Gesellschaft dominieren. Ich habe Strafanzeige erstattet. Wenn ich bei manchen Tweets nachschaue, was die Person sonst noch so alles schreibt, dann stellt man fest, das sind oft auch Leute dabei, die sich auch gegen die Solidarität in Europa wenden, gegen den Rettungsschirm , für die Wiedereinführung der D-Mark, gegen das Existenzminimum von Flüchtlingen. Aber man muss natürlich aufpassen, dass man die Gruppen, die sich da artikulieren, auseinanderhält und da nicht diejenigen, die ernsthaft mit dem Kindeswohl argumentieren, mit denen in einen Topf wirft, die aus Ressentiment handeln.

ZEIT ONLINE: Euro-Rettung und Beschneidung: Immer wieder stellt sich der Bundestag auch gegen Stimmungen in der Bevölkerung. Gerade dieser Tage werden die Abgeordneten wieder kritisiert als ahnungslos und faul – da wäre doch ein wenig Opportunismus nur verständlich. Woher nimmt man als Abgeordneter den Schneid?

Beck: Man geht ja nicht in die Politik, um anderen Leuten nach dem Mund zu reden und Karriere zu machen. Man geht in die Politik aus Überzeugung. Und meine Überzeugungen finden sich ziemlich gut im Grundrechtekatalog wieder. Wenn die Menschenwürde einer Gruppe angegriffen wird, und es trifft meistens Minderheiten, dann ist es Aufgabe eines Politikers, sich dem entgegenzustellen. Demokratie ist eben nicht nur Abstimmung mit Mehrheiten, sondern eben auch Respekt vor den Rechten der Minderheiten. Sonst ist es keine Demokratie.