Der Bundestag hat die Milliardenhilfen für Spanien beschlossen . Und wieder hat Angela Merkel von ihrer Koalition nicht die symbolisch wichtige Kanzlermehrheit bekommen. Merkel und ihre Getreuen haben mit diesem Ergebnis gerechnet . Die Kanzlermehrheit, sie ist doch nur ein Symbol, flüstern ihre Spin-Doktoren seit Tagen. Man brauche sie bloß, um Regierungschef zu werden, nicht aber um Abstimmungen zu gewinnen.

Tatsächlich könnte man denken: Was sind schon 21 Abweichler in den 340 Abgeordneten starken Reihen der christlich-liberalen Koalition gegen die täglich neuen Herausforderungen der Euro-Krise? Gegen die harten nächtlichen Verhandlungen mit François Hollande und Mario Monti in Brüssel, in denen die Kanzlerin verzweifelt den deutschen Geldbeutel zuhalten muss? Selbst wenn die Opposition nicht mitgestimmt hätte, wären die Spanien-Hilfen von Schwarz-Gelb beschlossen worden, Zweifler hin oder her. Am Freitag kann der deutsche Finanzminister also grünes Licht geben für die 100 Milliarden Euro schweren Kredite zur Sanierung des spanischen Bankwesens.

Merkel hat die dreistündige Plenarsitzung an diesem Nachmittag daher genutzt, um zu plaudern, sie sprach ausführlich mit Angehörigen der Unionsfraktion , hat ihnen aufmerksam zugehört, während ihr am Rednerpult Sahra Wagenknecht von der Linkspartei Finanzmarktkapitalismus vorwarf.

Erst Griechenland, dann ESM

Aufgewühlt wirkte sie nicht, es war absehbar, dass die Kanzlermehrheit vielleicht nicht zustande kommt. Seit Tagen hatten ihre Leute daher Erwartungsmanagement betrieben, zuletzt der eigene Vizekanzler. Philipp Rösler forderte noch am Morgen per Zeitungsinterview: "Wir brauchen für diese Entscheidung eine Mehrheit, nichts anderes." Und der Dauer-Querulant aus München , CSU-Chef Horst Seehofer , blieb stumm. Bei einer Entscheidung zu Griechenland-Hilfen im Februar hatte er noch geätzt, er wünsche sich eine Kanzlermehrheit. "Das wäre für die Koalition wirklich gut", hatte er damals gesagt.

Dennoch weiß Merkel sehr genau: Es ist inzwischen das dritte Mal, dass sie in Fragen der komplizierten und nervenaufreibenden Euro-Rettung nicht die überwiegende Mehrheit ihrer Abgeordneten hinter sich hat. Das erste Mal war im Februar, als Seehofers Wünsche nicht in Erfüllung gingen. Das zweite Mal waren es am 29. Juni drei aufeinanderfolgende Abstimmungen zum neuen Euro-Rettungsschirm ESM . Das ist natürlich kein gutes Signal an die europäischen Partner.

Merkel, die strategisch denkende Naturwissenschaftlerin, sollte aber vor allem folgendes beschäftigen: Der fehlende Zuspruch ihrer Abgeordneten begründet sich nicht in bösartiger Renitenz, sondern in einer massiven Verunsicherung. Die meisten Parlamentarier sind keine Finanzmarktexperten, haben sich mühsam in die Euro-Rettung eingelesen. Sie sind sich ihrer europapolitischen Verantwortung bewusst und daher in überwiegender Mehrheit aus dem Sommerurlaub zu dieser Sondersitzung angereist. Sie würden den Euro gerne retten, aber sie fühlen sich – wie auch schon vor den letzten Abstimmungen – völlig im Unklaren gelassen.