Frank-Walter Steinmeier"Frau Merkel will sich durchmogeln"

Ohne gemeinsame Haftung ist der Euro nicht zu halten, sagt SPD-Fraktionschef Steinmeier. Im Tagesspiegel-Interview wirft er der Kanzlerin Täuschungsmanöver vor.

Frage: Herr Steinmeier, kann sich Bundeskanzlerin Angela Merkel noch auf Sie verlassen?

Frank-Walter Steinmeier: Die Kanzlerin kann sich in entscheidenden Fragen nicht auf ihre eigenen Reihen verlassen, das zeigt die erneut verfehlte Kanzlermehrheit bei der Abstimmung über den ESM. Auf die SPD können sich die Menschen in Deutschland verlassen. Wir kennen unsere Verantwortung für Wohlstand und Frieden, die es ohne Europa nicht geben wird. Das haben wir bewiesen. Es wäre in den letzten zwei Jahren doch einfach gewesen, dem schlichten Oppositionsreflex zu folgen und die Regierung mit sich allein zu lassen. Aber dieses Europa ist nicht ein schwarz-gelbes oder rot-grünes Europa – es ist das Erbe einer Geschichte, die wir nicht verraten dürfen, und die Quelle des Wohlstandes über Jahrzehnte. Dieses Europa wollen wir ab nächstem Jahr als Regierung gestalten. Nur daraus bestimmen wir unsere Haltung.

Anzeige

Frage: Dann hätten Sie nie Nein sagen können! Wozu das Verhandeln mit der Regierung?

Steinmeier: Jetzt liegen die Ratifizierungsentscheidungen nur 48 Stunden hinter uns und es scheint schon vergessen, wie sehr um die Zweidrittelmehrheit im Parlament gerungen werden musste! Ich kann Ihnen versichern, es war bei uns nicht einfacher als in den Regierungsfraktionen. Und Angela Merkel und ihre Regierung haben alles getan, es noch schwerer zu machen. Erst haben sie monatelang nicht mit uns geredet. Richtig kritisch wurde es dann an dem Wochenende, als einzelne Abgeordnete der Regierungsfraktion sich erlaubt haben, die Vereinbarung über die Finanztransaktionssteuer als bloßes taktisches Manöver zu bezeichnen, an das man sich nicht halten müsse. Da stand unsere Zustimmung echt auf der Kippe.

Frage: Die SPD hätte abgelehnt? Ernsthaft?

Steinmeier: Die Zahl der SPD-Abgeordneten, die den Fiskalpakt abgelehnt hätten, war zu Beginn sicher größer als die Zahl derjenigen, die ihm vorbehaltlos zugestimmt hätten. Aber das ist nicht der Punkt. Wir waren alle der Überzeugung, dass der Fiskalpakt zu kurz greift. Um nicht missverstanden zu werden: Ich und die gesamte SPD stehen klar zur Konsolidierung. Unter der Verantwortung eines sozialdemokratischen Ministers namens Peer Steinbrück ist die Schuldenbremse ins Grundgesetz geschrieben wurde. Aber wir haben nun mal bei beiden zurückliegenden Wirtschaftskrisen des letzten Jahrzehnts in Deutschland die Erfahrung gemacht, dass Konsolidierung durch Sparen allein nicht zu erreichen ist. Wirtschaftswachstum muss dazukommen. Und wir mussten die Gerechtigkeitslücke schließen und dafür sorgen, dass endlich auch die zur Bewältigung der Krise beitragen, die bisher ungeschoren geblieben sind. Deshalb bin ich froh, dass wir die Besteuerung der Finanzmärkte endlich durchgesetzt haben.

Frage: Annäherung gibt es ja von beiden Seiten: Schwarz-Gelb will die Börsen besteuern, die SPD redet kaum noch von Euro-Bonds.

Steinmeier: Wenn ich in der Vergangenheit von Euro-Bonds gesprochen habe, habe ich immer gleichzeitig von den Voraussetzungen gesprochen: Wir brauchen vorher eine wirklich integrierte Wirtschafts- und Finanzpolitik in Europa. Wir brauchen strenge Regeln und Kontrolle für die Haushalte. Die Bundesregierung hat zunächst immer gesagt: "Euro-Bonds – niemals!" Aber selbst Rainer Brüderle ist vorsichtiger geworden und erklärt jetzt nur noch, dass die Voraussetzungen nicht erfüllt seien. Insofern gibt es ja sichtbare Annäherung, allerdings auf uns zu.

Leserkommentare
  1. ......seit Monaten predigt ihr rotgrünen Einheitsparteiler den Ausverkauf deutscher
    Finanzkraft durch Eurobonds,, EU - Bankenhaftung und Vergemeinschaftung der
    Schulden. Bei Hollande habt ihr euch dafür schon in den Staub gelegt.

    Nachgefragt. - und weil euch der Wind ins Gesicht bläst, war alles so nicht gemeint.

    Jetzt meint man die EZB als Hintertürchen desavouieren zu können, dumm nur, dass
    der deutsche EZB-Direktor Assmann, gerade klar gestellt hat, dass dies nicht stimmt.

    Egal, morgen hat man das halt nicht so gemeint........

    Ich halte Herrn Steinmeier für das Zerrbild eines Politikers, der eigentlich nie etwas
    anderes sein wird als ein Bürovorsteher: er haftet für nichts, Schuld sind sowieso die
    Anderen und im Übrigen war das so nicht gemeint.........

    .....genau wie im Fall des Herrn Kurnaz, den er ohne Grund, nur weil es ihm opportun
    erschien, drei Jahre in Guantanamo schmachten ließ.

    Und genau sowenig, wie er sich bis heute bei Herrn Kurnaz für seine unsägliche
    Haltung entschuldigt hat, wird er sich beim deutschen Steuerzahler entschuldigen,
    so er jemals die Chance haben sollte, seine "Haltung" politisch umzusetzen......
    und die dann unweigerlich den Bach hinuntergeht!

    9 Leserempfehlungen
    • sommer
    • 02.07.2012 um 2:55 Uhr

    Hoch interessant, wie Steinmeier die "Strukturreformen" der SPD im Nachhinein lobt. Und auch auf demokratische Entscheidungsprozesse in Sachen Europa scheint dieser Mann Wert zu legen. (Hat er ESM begriffen?). Worin unterscheidet er sich von der Kanzlerin? Der Wahlkampf wird witzig, weil dort Schlachten geschlagen werden die überhaupt nicht der Rede wert sein werden. Loriot lässt grüßen. Der Mann ist einfach albern und wenn man genau hinsieht, merkt man, dass er es auch weiß.

    7 Leserempfehlungen
  2. Zitat: "Ich und die gesamte SPD stehen klar zur Konsolidierung."

    Volksmund: "Der Esel nennt sich immer zuerst."

    Richtiger Satz: "Ich und die gesamte SPD stehen klar zur Disposition."

    10 Leserempfehlungen
  3. ... interessiert es überhaupt nicht mehr, was Steinmeier zu sagen hat. Die Unterschiede zur schwarz-gelben Regierung sind so gering, dass sie einfach verbal mal etwas aufgeblasen werden müssen, um darüber hinweg zu täushcen, dass das alles die gleiche neoliberalistische Erfüllungspolitik gegenüber den "Finanzmärkten" ist.

    Die eizige wirkliche Opposition artikuliert Gregot Gysi - aber dessen politische Möglichkeitensind sind weit von irgendeiner möglichen Regierungsbeteiligung.

    Ich glaube, nächstes Jahr zu Wahl zu gehen, kann ich mir das erste mal seit 1979 schenken.

    8 Leserempfehlungen
  4. Jedes Schulkind lernt in der Schule: links in der Bilanz steht das, wofür das Geld ausgegeben wird und rechts wo es herkommt.

    So, links steht ein "unendlich" in der Aktiva. Damit ist es völlig egal, ob in der Passiva ESM oder Eurobonds steht. Die Debatte darüber ist ein Witz.

    Das "unendlich", welches für eine ausgeglichene Bilanz auch auf der anderen Seite steht ist das Problem. Es steht für unendliche Verbindlichkeiten / Schulden, unendliche Gelddruckerei oder unendliches Auspressen der Bevölkerung.

    Wenn das "unendlich" in der Aktiva gestrichen wird, dann haben wir auch kein Problem mit der anderen Seite, weil es automatisch verschwindet.

    Der erste Schritt dahin wäre das einzutreiben, was uns die Länder unter dem Rettungsschirm als "uneinbringliche Forderungen" verkauft haben indem sie Struktur- und Steuerreformen weder ein- noch durchführen wollen.

    5 Leserempfehlungen
  5. Ausgerechnet die SPD! Sie waren es doch (zusammen mit den Grünen), denen die "Hilfen" und "Bürgschaften" nicht schnell genug kamen und nicht weit genug gingen. So haben sie beispielweise beim ESM eine "unbegrenzte Höhe" (unbegrenzte Haftung) gefordert,um die Märkte zu beruhigen. Wäre man diesem Vorschlag gefolgt, dann wäre damit das endgültige Aus für Deutschland bereits heute festgeschrieben.
    Die Nomenklatura dieser Partei hat den Bezug zur Parteibasis und zu den Bürgern in jeder Hinsicht längst verloren. Man muss Gott auf Knien danken, dass diese Menschen zur Zeit nicht an der Macht sind. Jetzt, da die Wahlen näher rücken, versuchen sie sich von dem unsäglichen Wahnsinn, den sie im Zusammenhang mit Europa von sich gaben, "leise" zu distanzieren. Das wird ihnen hoffentlich nicht gelingen!

    8 Leserempfehlungen
    • ludna
    • 02.07.2012 um 8:55 Uhr

    nur keine Volksabstimmung.

    Warum eigentlich nicht ? Wir sind der Sovereign, nicht die Parteien !

    7 Leserempfehlungen
  6. mogelt sich die Kanzlerin durch und treu hat ihr die SPD da- bei geholfen . Opposition Null!
    Obwohl D, größter Nettozahler in der EU ist, hat es den anderen noch nicht gereicht. Die Arbeitnehmer hier nehmen laufend eine Verschlechterung ihres Daseins in Kauf, damit die miesen Bankengeschäfte in Spanien und Italien ausgeglichen werden können. Vrekehte Welt, wenn die SPD für ein derartigesv Europa steht.

    7 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service