ZEIT ONLINE: Herr Ude , nehmen Sie Horst Seehofer eigentlich noch ernst?

Christian Ude: Ich habe schon eng mit ihm zusammengearbeitet – etwa bei der Olympiabewerbung. Das habe ich als angenehm und vertrauensvoll empfunden. Aber ich erlebe ihn auch als einen begnadeten Populisten, der unglaublich wendig sein kann, wenn es ihm Vorteile verspricht. Seehofer ist das Rumpelstilzchen der schwarz-gelben Koalition. Diese ständigen Drohungen , wenn mein Wille nicht geschieht, dann stürze ich die Kanzlerin, werden immer lächerlicher.

ZEIT ONLINE:  Glauben Sie nicht, dass er irgendwann ernst macht und die Koalition in Berlin aufkündigt?

Ude: In Berlin rufen seine Drohungen nicht mehr Angst und Schrecken hervor, sondern Kopfschütteln. Da hat er völlig überzogen und sich verrannt.

ZEIT ONLINE: Was setzen Sie Seehofers Populismus im bayerischen Landtagswahlkampf entgegen?

Ude: In jedem Fall werde ich mich nicht an seinem Wurstschnappen nach Medienaufmerksamkeit beteiligen, sondern ein seriöses Kontrastprogramm liefern. Wir machen keine unhaltbaren Versprechungen, sondern beweisen in der Praxis, dass wir vernünftige Politik verfolgen.

ZEIT ONLINE:  Seehofer macht ja nicht nur Landes-, sondern auch EU-Politik. Etwa indem er "rote Linien" formuliert, die bei der Euro-Rettung keinesfalls übertreten werden dürften. Darf man solche europapolitischen Vorstöße auch von einem Ministerpräsidenten Ude erwarten?

Ude: Ich werde mich mit Sicherheit an nationalen und europäischen Fragen beteiligen, weil das die Aufgabe eines Ministerpräsidenten ist. Aber selbstverständlich werde ich mich nicht lächerlich machen, indem ich an einem Tag rote Linien aufziehe und am nächsten Tag neue benenne. Peter Gauweiler hat mal treffend gesagt: "Seehofers rote Linien sind Wanderdünen." Darin kann ich nichts Großartiges und Beeindruckendes erkennen, nur den etwas angeberischen Anspruch, hinter dem die Realität kläglich zurückbleibt. Für die Europapolitik braucht man Verbündete und Mehrheiten. Deswegen eignet sich das Thema denkbar schlecht für Kraftmeierei.

ZEIT ONLINE:  Seehofers CSU droht Griechenland gern mit dem Ausschluss aus dem Euro. Sie hingegen reisen gern nach Mykonos und gelten als Freund Griechenlands .

Ude: Ich glaube, dass das Problem gar nicht Griechenland heißt, sondern in weit dramatischerem Ausmaß Spanien und Italien . In Griechenland richtet sich meine Kritik nicht an die Hafenarbeiter oder Krankenschwestern, die jetzt die Leidtragenden der Kürzungspolitik sind, sondern an die Superreichen, die Milliarden auf Konten im Ausland versteckt haben. Also: Man möge doch bitte nicht Nationen gegeneinander aufwiegeln, sondern endlich die soziale Schieflage erkennen. Richtig an Seehofers Position ist: Wer europäische Hilfe beansprucht, muss auch seinen Beitrag zur Lösung der Probleme leisten.