Der Büchertisch im Foyer des Münchner Volkstheaters ist bestens bestückt, der Autor der meisten Werke ist äußerst prominent und angesehen. Außer Dienst , lautet ein Titel, ein anderer verspricht Perspektiven für das 21. Jahrhundert . Daneben gibt es Gesprächsbände mit Großhistoriker Fritz Stern und dem SPD-Möchtegernkanzlerkandidaten Peer Steinbrück beim gemeinsamen Schachspiel, außerdem ein Kompendium mit ZEIT-Artikeln. Helmut Schmidt , Altkanzler und ZEIT-Herausgeber mit der Aura des weisen Welterklärers, hat mehr als zwei Dutzend Bücher verfasst. Und noch viel mehr ZEIT-Artikel.

Auch Christian Ude hat ein paar Bücher geschrieben. Eines trägt den Titel  Mein Pinselohrschwein und andere große Tiere und zeigt eine freundliche Karikatur des langjährigen Münchner Oberbürgermeisters und designieren SPD-Ministerpräsidentenkandidaten für die Bayernwahl 2013. Neben Schmidts inhaltsschweren Bestsellern wirken Udes selbstironische Werke auf dem Büchertisch ein wenig putzig.

Die bayerische SPD hatte Helmut Schmidt am Dienstagabend zu einer Talkshow mit Ude nach München eingeladen. Von der ungebrochenen Popularität des 93-jährigen erhoffen sich die Genossen einen Schub für ihre Wahlkampagne. Die ist nämlich seit dem Hype um Udes Kandidatur vor einem Jahr ins Stocken geraten. Die CSU liegt in Umfragen um 45 Prozent und macht sich sogar wieder Hoffnung auf die Alleinregierung. Selbst eher peinliche Veranstaltungen wie Super-"Horstis" Facebookparty und die regelmäßigen verbalen Ausfälle von CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt können daran offenbar nichts ändern.

Mit Schmidt an seiner Seite hat Ude keine Mühe, sich in bewusster Abgrenzung zur politischen Konkurrenz betont staatsmännisch zu geben. Der gemeinsame Auftritt mit dem Altkanzler war in Rekordzeit ausverkauft, wie der bayerische SPD-Landeschef Florian Pronold in seiner Grußadresse erwähnt. Was, so Pronold, wohl nicht Ude, sondern Schmidt geschuldet sei. Schmidt nimmt diese und andere Elogen in seinem Rollstuhl stoisch hin und bringt das Publikum mächtig zum Lachen, als er mit seinem Gehstock in Großvatermanier nach dem Tisch mit den Zigaretten angelt.

Süffisante Kommentare

Natürlich spielt die aktuelle Finanzkrise eine gewichtige Rolle in dem eineinhalbstündigen Gespräch. Schmidt klopft den gierigen Bankiers auf die Finger und fordert eine strikte Bankenregulierung. Mit einem Patentrezept gegen den "dicken Problemkomplex" einer Staatsschulden-, Banken- und Konjunkturkrise kann Schmidt erwartungsgemäß nicht aufwarten. Sacht angestachelt von Ude, lässt sich der Hamburger Schmidt aber auch zu dem einen oder anderen süffisanten Kommentar zu spezifisch bayerischen Themen hinreißen – natürlich stets im Gewand scheinbar unangreifbarer Analysen.

So sei die von der CSU gerne als ihr Verdienst gerühmte bayerische Wirtschaftskraft nicht zuletzt auf die Flucht vieler Großunternehmen wie Siemens , BMW , Allianz oder Münchner Rück aus dem sowjetischen Einflussbereich in den Süden der Republik zurückzuführen. Bis 1988, dozierte Schmidt, habe Bayern im Finanzausgleich zu den Nehmerländern gezählt. Später habe Franz Josef Strauß als Verteidigungsminister dann viele militärische Projekte nach Bayern geholt. Strauß sei so eifrig gewesen, dass er zur Not "auch im Ammersee U-Boote gebaut hätte". Das sei zwar nicht ganz gerecht, aber gut für sein Land gewesen.