EU-KampagneAlle außer Joschka

"Ich will Europa" nennt sich eine Kampagne, die den Wert der politischen Union auch in Krisenzeiten betonen will. Ausgerechnet Joschka Fischer macht nicht mit. von Antje Sirleschtov

Joschka Fischer

Joschka Fischer  |  © Sean Gallup/Getty Images

Das Anliegen könnte kaum wichtiger sein und zu den Unterstützern zählt die Elite Deutschlands: "Ich will Europa" nennt sich eine Kampagne, die bewusst in diesen Krisenzeiten den Wert des gemeinsamen Kontinents unterstreichen will.

Prominente aus Sport und Gesellschaft, normale Bürger, aber auch die Spitzen der Diplomatie wollen ab kommender Woche für Europa werben. Kein Geringerer als Bundespräsident Joachim Gauck ist Schirmherr, geplant war ein spektakulärer gemeinsamer Auftritt von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und seinen vier Amtsvorgängern. Doch der parteiübergreifende Schulterschluss aller noch lebenden deutschen Außenminister fällt nun ins Wasser.

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Und zwar nicht etwa, weil der hoch betagte Hans-Dietrich Genscher zu gebrechlich wäre, um an dem gemeinsamen Vorhaben teilzunehmen. Nein. Ausgerechnet Joschka Fischer will nicht mitmachen. Am Donnerstag hat er kurzerhand abgesagt. Nicht mit aufs Bild will der ehemalige Grünen-Außenminister Fischer, weil er für seinen amtierenden Nachfolger Westerwelle von der FDP keine Werbung machen will. So jedenfalls hat er es der Essener Mercator-Stiftung, einem der Organisatoren von "Ich will Europa", mitgeteilt. Und er muss sehr entschlossen gewesen sein. Selbst ein intensives Gespräch mit dem Geschäftsführer von Mercator konnte Fischer nicht umstimmen.

Weil er Westerwelle nicht leiden kann, weigert sich Joschka Fischer, für Europa einzutreten und für die gemeinsame Sache Werbung zu machen? Man mag es kaum glauben. In der Tat war das Verhältnis der beiden so unterschiedlichen Politiker und Außenminister immer gespannt. Von "Joseph Fischer" sprach Westerwelle jahrelang abwertend in Parteitagsreden der FDP, wenn er sich über Lurchrettung und die Unvernunft der Ökopartei in beißendem Stil lustig machte. Und von Fischer weiß man, dass er nur selten freundliche Worte über seinen Amtsnachfolger verloren hat. Aber wegen solch persönlicher Animositäten die Teilnahme an einer Europa-Kampagne absagen?

So viel man hört, hatte Fischer eigentlich gar nicht vor, der Kampagne fernzubleiben. Erst, als er dieser Tage das Gefühl bekam, dass Guido Westerwelles Außenamt der Versuchung nachgegeben hat, die Europa-Kampagne als geniale eigene Idee darzustellen, da hat er sich wohl benutzt gefühlt. Bei den Organisatoren der Kampagne wollte man den Eindruck, Westerwelle dränge sich in den Vordergrund, nicht von der Hand weisen. Sie heißt eben "Ich" und nicht "Wir" für Europa, die Kampagne.

Erschienen im Tagesspiegel.

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Leserkommentare
  1. ...bekommt Fischer nur nicht genug Kohle für seinen Auftritt.

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    • joG
    • 17. August 2012 11:34 Uhr

    ...Fischer, für Europa einzutreten und für die gemeinsame Sache Werbung zu machen? Man mag es kaum glauben. "

    Solche Formulierungen entlarven meistens die Intention eines Artikels. Offenbar will man sich selbst hinter die Werbemaßnahme stellen und diskreditiert Fischer mit einer wirklich beleidigenden Unterstellung. Ich mag Fischer nicht besonders aber bei einer Sache, die er positiv bewertet und so bedeutsam ist, ist schwer vorstellbar, dass er aus so kleinlichen Gründen die Anderen Beteiligten nicht unterstützen würde.

    Aber wirklich miserabel ist, dass man mit Werbemaßnahmen Europa verkaufen will und nicht mit Substanz und Argument.
    Natürlich wäre letzteres schwer und sicherlich zu schwer für die meisten Politiker und Medien. Weil es ist bereits unklar, was "Europa" in diesem Zusammenhang sein sollte. Meint die Elite die EU? Euroland? Schengen? Das Europa des ESM?
    Meint sie vielmehr Europa bis zum Ural? Meint sie das Europa der EU Verfassung, äääh, ich meine des Lissabonner Vertrags? oder ist es das des Stabilitätspakts?

    Es gibt einfach zu viele Europas. :(

    so ein Quatsch. So viel Geld gibt es gar nicht. Wer lässt sich denn freiwillig mit Westerwelle fotografieren. Vielleicht legt er einem noch freundlich die Hand auf die Schulter. Ich mag Joschka auch nicht (mehr), hoffe aber, dass er nicht einknickt.

  2. Soviel Rückgrat hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Es geschehen doch immer noch Zeichen und Wunder.

    Da wird es doch wohl weniger um Europa als um die Schuldenunion gehen? Und für diese alternativlose Richtung will er sich halt nicht vereinnahmen lassen.

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    • eikfir3
    • 17. August 2012 12:39 Uhr

    ..das halte ich auch nicht für "Rückgrat", sondern für ganz simples Schmollen, weil sein Weihnachtswunsch damals nicht bewillgt wurde, der erste Außenminister dieser EU werden zu dürfen.
    Ganz sachlich gesehen und ohne Freund der Grünen oder gar Parteigänger Joschka Fischer's selbst zu sein, wäre er wohl kein schlechter erster EU-Ausßenminister geworden, dieses wendige Kerlchen mit dem teilweise bedauernswerten schlechten Gedächtnis...;-)

    • Gerd R
    • 17. August 2012 11:14 Uhr

    der Nachrichtenwert dieses Artikels erscheint mir eher gering. Dass man nicht jeden Klamauk von Westerwelle mitmachen muss, ist doch selbstverständlich.

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    • joG
    • 17. August 2012 11:41 Uhr

    ....zumindest wird sie bei CNBC so interpretiert. Wenn sie stimmt ist sie Spiel ändernd für Europa.

    Merkel hat, so wird gemeldet, sich hinter allen notwendigen Maßnahmen der EZB gestellt. So würde sie bzw Deutschland die Schulden der anderen Euroländer (gesamtschuldnerisch?zumindest aber zu 1/3) garantieren.

    Das wäre eine völlige Änderung Europas.

    • IQ130
    • 17. August 2012 11:16 Uhr

    wäre ohnehin nicht der richtige Hintergrund im Bild. Obwohl Mövenpick und Europa einiges gemeinsam haben.

    Wer rechnen kann, darf gegen die Banken-Hegemonie sein. Das ist die hässliche Fratze Europas.

    Die schöne Seite ist ein friedliches Europa. Allerdings wird die Schuldenfalle bald (oder ist es nicht bereits so?) die hässliche Fratze zeigen.

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    ...nach innen vielleicht. Mal sehen wie lange es dauert, bis erste Separationsbewegungen in der ausgehungerten gedemütigten Peripherie entstehen.

  3. nennt man im allgemeinen Sprachgebrauch das inkompatible Verhalten zweier Diven, die zwar die Vorteile eines gemeinsamen Europa predigen, aber sich kaum auf einem gemeinsamen Foto sehen lassen wollen.

    Die europäische Einigung scheint bereits auf der Nanoebene mit unüberwindbaren Hürden zu kämpfen zu haben.

    Die andere Frage die sich stellt, ist wer denn für die Kosten dieser sicherlich nicht kostenlosen Kampagne aufkommt.....

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    ...neben der erwähnten Bosch-Stiftung (also der Konzern Bosch, denn die Stiftung hält 92% der Anteile, eigentlich eine Steuersparstiftung:
    http://de.wikipedia.org/w...
    )

    und der (imho wenig verdächtigen Mercator-Stiftung) angeblich auch so alte Bekannte wie der Bertelsmann Verein. Genauers habe ich leider noch nicht finden können, es sollen aber 11 Stiftungen beteiligt sein.

    • joG
    • 17. August 2012 11:23 Uhr

    ...will Europa" nennt sich eine Kampagne"

    Wen wundert es?

    Es war und ist immer ein Eliteprojekt gewesen. Dass sich die Interessengemeinschaft dahinter stellt?

    Wen wundert es?

    Um so mehr Grund für die Bürger darauf zu achten, dass sie nicht noch mehr verlieren.

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    Wer hätte das gedacht!JoG und ich vollkommen in der Sache einverstanden!

    Die Kampagne "Ich will Europa" klingt verdächtig nach Durchhhalteparole wenn die letzten Patronen verschossen wurden.Was ich an der ganzen Argumentation seitens der "Elite" anstössig finde sind die beinahe tautologischen Erklärungen:Man braucht Europa,weil man sie braucht und Europa ist so wichtig für uns,weil sie erstens wichtig ist und zweitens weil wir sie brauchen.Aus diesem Grund ist mehr Europa notwendig und nicht weniger.

    Ich bin auch kein Fan von Joschka Fischer,aber weil er sich an diesem Kasperle-Theater nicht beteiligen will,hat der Herr bei mir Punkte gemacht,egal was für Gründe (oder Ausreden) er hat.

  4. Ob nun Fischer kleinlich ist oder Westerwelle nicht lassen kann, sich selbst in den Vordergrund zu draengen, am Ende zeigt sich immer wieder, wie nationale Politiker ihr nationales Ego vor die gemeinsame Sache stellen.

    Wenn es ernst wird, heisst es wieder: "Europa und ICH oder gar nichts"

    Am Ende kriegen wir vielleicht ein vereintes Europa mit Biegen und Brechen oder einen riesigen Crash...

  5. 8. [...]

    Entfernt, bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/se

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