ZEIT ONLINE: Herr Schlömer , Sie sind jetzt gut hundert Tage Parteichef der Piraten. Was haben Sie bisher erreicht?

Bernd Schlömer: Uns ist es gelungen, die öffentliche Debatte über die angebliche Meinungslosigkeit der Piratenpartei etwas aufzubrechen. Wir äußern uns jetzt häufiger zu Fragen, die nicht zu unserem klassischen Themenspektrum gehören. Wir nehmen das Bedürfnis der Öffentlichkeit ernst, genauer wissen zu wollen, wo wir stehen.

ZEIT ONLINE: Welchen Anteil haben Sie daran persönlich?

Schlömer: Zum Teil ist das unbewusst passiert. Zum Beispiel werde ich häufig zur Sicherheitspolitik befragt, weil ich ja im Verteidigungsministerium arbeite. Aber ich dränge auch darauf, dass wir uns zu Wirtschaft und Sozialpolitik stärker positionieren.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Fehler gemacht als Parteichef?

Schlömer: Wir haben zu Beginn die Erschöpfung von ehrenamtlich tätigen Menschen unterschätzt. Wir müssen darauf achten, dass unsere Parteimitarbeiter nicht mit Burn-out aus der Partei ausscheiden. Es gibt Menschen, die machen nichts außer Piratenpartei . Wir müssen die Arbeit so verteilen, dass niemand an der Last zusammenbricht. Allerdings bin ich selbst ja auch nur ehrenamtlich tätig und kann meine Fürsorgepflicht deswegen nur begrenzt wahrnehmen, da ich frühestens ab 17 Uhr in der Parteizentrale bin.

ZEIT ONLINE: Wie viel personellen Verschleiß kann Ihre Partei aushalten? Neben dem Burn-out gab es auch Rücktritte wegen kruder Äußerungen oder internen Anfeindungen.

Schlömer: Es wird sich nie vermeiden lassen, dass Menschen sich unbedacht äußern. Letztlich muss die Partei eine gesunde Fehlerkultur entwickeln und lernen, dass bestimmte Äußerungen bestimmte Auswirkungen haben. Für mich persönlich kann ich sagen: Man muss mit sich selbst vorsichtig sein und nicht sofort in jede Kamera springen, sondern erst mal die ungeheure Tragweite seiner Funktion kennenlernen.

ZEIT ONLINE: Wie verhindern Sie nationalistische und frauenfeindliche Äußerungen von Piraten?  

Schlömer: Eine Methode ist, dass man dem Problem offensiv begegnet. Wenn wir über rechtsradikale Tendenzen sprechen, sind es keine Einzelfälle, sondern ich sage klar: Da haben wir ein Problem. Wir sind dabei, alle faulen Eier zu identifizieren. Über Parteiaufnahmen entscheiden die Landesverbände. Um jemanden wieder auszuschließen, muss ein eindeutiger Verstoß gegen die Parteisatzung vorliegen. Das Problem haben alle Parteien. Ich selber halte mich da zurück, weil ich auf die Kultur der Dezentralität Rücksicht nehmen muss.

ZEIT ONLINE: Wie können Sie als Parteichef gewährleisten, dass Sie eine gute Kandidatenliste zur nächsten Bundestagswahl aufstellen? Die Aufstellung für die Landesliste in Niedersachsen sorgte für viel Ärger und Spott.

Schlömer: Auch bei den Nominierungen gilt das Prinzip der Fehlerkultur. Man muss Erfahrungen sammeln mit neuen Situationen. Es ist klar, dass wir jetzt auch nach Talenten suchen müssen, auch nach Frauen...

ZEIT ONLINE: Sind die Piraten für die Frauenquote?

Schlömer: Eine Liquid-Feedback-Abstimmung hat seltsamerweise ergeben, dass eine Frauenquote innerhalb der Piratenpartei eher skeptisch gesehen wird, aber in Unternehmen und Privatorganisationen positiv goutiert.