Nürburgring-SkandalKurt Becks treue Fans

Der Nürburgring ist pleite, der Steuerzahler muss bürgen. Für Kurt Beck ist es die größte Krise seiner Amtszeit, doch die Koalition steht zu ihm. Warum? von 

Für Kurt Beck ist es kein guter Sommer . Der Freizeitpark am Nürburgring, ein Großprojekt seiner SPD-Regierung, ist pleite, die traditionelle Rennstrecke steht vor dem Aus. Verantwortlich für das Desaster ist der rheinland-pfälzische Ministerpräsident selbst. So sagte er es am Mittwoch während einer Sonder-Krisensitzung des Mainzer Landtages.

Beck entschuldigt sich

Beck hat, wie alle hier, seinen Urlaub unterbrochen. Er hält eine Regierungserklärung und sieht angeschlagen aus, trotz der Sommerbräune. Die Geschehnisse seien an ihm nicht "spurlos und nicht ohne tiefes Nachdenken" vorbeigegangen, beginnt der 63-Jährige mit ernstem Blick. Trotz aller Sorgfalt seien beim Freizeitpark am Nürburgring Fehler gemacht, ja, gar von der Regierung falsche Besucherzahlen kommuniziert worden. Die Finanzierung und die Baukosten seien aus dem Ruder gelaufen. Daher wolle er die nun von der Pleite betroffenen kleinen Leute in der Region um Entschuldigung bitten, sagt Beck. Den Satz zwängt er geradezu heraus. Er hat ihn viel Überwindung gekostet. Solche Töne sind neu.

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Denn Kurt Beck hat sich das Scheitern am Nürburgring lange nicht eingestehen wollen. Er meinte es doch gut, als er den Freizeitpark neben der Rennstrecke 2004 in Planung gab. Die strukturschwache Eifel sollte eine ganzjährige Touristenattraktion bekommen, nicht nur abhängig von den Großveranstaltungen Formel 1 und Rock am Ring sein. Doch der riesige Gebäudekomplex mit defekter Achterbahn und einem wenig attraktiven Rennsport-Museum zog kaum Besucher an. Die Finanzierung des Projektes war stets schwierig bis dubios. 2009 musste deshalb der damalige Finanzminister Ingo Deubel zurücktreten.

Auf windige Berater verlassen

Noch im Landtagswahlkampf 2011 allerdings ließ Beck Kritik an seinem überdimensionierten Nürburgring-Konzept demonstrativ an sich abperlen. In fünf Jahren werde der Park ein Erfolg sein, antwortete er unwirsch auf Vorwürfe der Opposition – und gewann die Wahl . Am Mittwoch gestand Beck nun ein: Bei seiner gewagten Prophezeiung habe er sich  auf ein Gutachten des "viertgrößten Wirtschaftsprüfungsunternehmens der Welt verlassen". Er lege Wert auf die Feststellung, dass er die Bürger bezüglich der angeblichen Erfolgsaussichten nicht belogen habe. Wieder wird die Stimme des 63-Jährigen brüchig.

Doch inzwischen ist klar, dass auch die Aussage des Ministerpräsidenten, der Park koste den Steuerzahler "keinen Cent", nicht zu halten ist. Am Mittwochmorgen hat der Haushaltsausschuss des Landtages Sondermittel in Höhe von 254 Millionen Euro bewilligt. Damit wird ein Kredit der landeseigenen Investitions- und Strukturbank an die insolvente Nürburgring GmbH abgelöst. Spätestens jetzt sind die Steuerzahler also Gläubiger des Freizeitparks. Ob sie am Ende das Geld vollständig wiedersehen, ist fraglich. 

Ein Rücktritt kommt nicht infrage

Kurt Beck kämpft um seine Glaubwürdigkeit, er durchlebt die schwerste Krise seiner Amtszeit. Gleichzeitig wirken die zahlreichen Rücktrittsforderungen der kämpferischen Oppositionsführerin Julia Klöckner ( CDU ) nicht. Vielleicht auch, weil Klöckners Gegenrede am Mittwoch im Landtag fast eine Stunde dauerte und trotz einiger Schlagfertigkeiten am Ende reichlich ermüdend war.

Sowieso: Die rot-grüne Koalition steht fest hinter ihrem Ministerpräsidenten. Neueste Umfragen verzeichnen nach einem kleinen Einbruch wieder stabile Beliebtheitswerte für das Regierungsbündnis. Es scheint, als würde die Rheinland-Pfälzer der ganze Zirkus um den Nürburgring und verschenkte Steuergelder gar nicht interessieren. Kurt Beck ist beliebt im Land, er kennt die Sorgen der Leute, begrüßt jeden mit Handschlag. Das wirkt. Auch nach fast 18 Jahren Regierungszeit noch.

Leserkommentare
  1. Wenn sie [...] (im Original "Nürburgring") durch einen süd-europäischen Staat Ihrer Wahl ersetzen, erkennen sie das Schema.

    Und hier wie da führen die Prinzipien "Freizeitpark" und "Windige Berater" (siehe Artikel) zur Pleite.

    Warum nicht das deutsche Steuergeld mal in Deutschland ver-bürgen ?

    Böse, ich weiß....

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    • joG
    • 01. August 2012 22:53 Uhr

    .... EFSF bis wir den ESM dafür haben.

  2. Entfernt. Bitte verfassen Sie konstruktive Kritik. Danke, die Redaktion/se

  3. das die Bürger das Geschehene so hinnehmen. Sehr wahrscheinlich ist es aber unter Politikverdrossenheit einzuordnen. Der Sachverhalt ist aber schwerwiegend und somit sind Vorwürfe und Rücktrittsforderungen berechtigt. Dem Ministerpräsidenten ist zu Gute zu halten dass er sich entschuldigt hat und damit sollte die Sache grundsätzlich vergessen sein. Irreperabel ist allerdings dass Vertrauensverhältnis zu einer regierung die Millionen in den Wind setzt. Aich wenn ich Hesse bin, ich würde dass so nicht hinnehmen. Insofern wäre eine Neubesetzung an der führungsspitze für die Vertrauensrückgewinnung von Vorteil.

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    Als Pfälzer kann ich über diese Art der "Entschuldigung" nur lachen. Schwimmbäder, Kitas und Schulen werden eingestampft, die Polizei und Justiz werden rationalisiert und die Straßen gleichen Bomberfeldern.

    Er aber versenkt hunderte Millionen in einen Park, den nie jemand wirklich gebraucht hat (wenige Kilometer südlich findet sich der "Holiday Park", auch der "Europa Park" ist nur zwei Autostunden von dort entfernt.

    Und nun stellt er sich hin und sagt, er entschuldige sich dafür, dass er gewissermaßen falsch informiert wurde und die Lage falsch eingeschätzt habe... fertig. Aber Konsequenzen darf es keine geben.

    Wer als Arbeitnehmer sein Unternehmen um eine solche Summe bringt, hat dafür zu haften. Aber bei Kurtchen kümmert das keinen.

    Wobei die Glöckner das sicherlich nicht besser gemacht hätte...

    Unter den momentan laufenden Sauereien sind die paar Milliönchen doch wirklich Peanuts...

    ...kann man sagen, wenn man jemanden aus Versehen auf den Fuss steigt oder die falsche Sauce zum Grillen mitbringt, aber nicht wenn man gerade Millionen beerdigt hat ! Das ist ein bisschen wenig !
    Ich überlege, was meine Vorgesetzten tun würden, wenn ich nach vollmundigen Versprechen und Beteuerungen, ein Riesenloch in die Kasse reissen würde.
    "Es tut mir leid !"
    Na dann, Schwamm drüber, kann doch jeden mal passieren !

  4. daß die Berater Flaschen sind. Was macht der Mann denn noch so alles.

  5. .....sein Geld ist zwar futsch, aber
    der dafür Zuständige ist ja soooo
    sympathisch, also darf er weiter-
    machen.

    (Sind wir Deutsche, jedenfalls sehr,
    sehr viele von uns, nicht politische
    Vollpfosten ???)

  6. für den Steuerzahler!Ein bisschen Reue - doch festgeleimt auf dem(Amts)stuhl(frei nach Schiller) -die Leute werden's schon (hoffentlich!)bald wieder vergessen haben.Dann strahlt er aber wieder.
    Errori sono umani!

    • NoG
    • 01. August 2012 20:53 Uhr

    ein kino gibt es dort wohl auch.
    wer die eifel kennt und halbwegs seine sinne beisammen hat,
    wusste das dies eine absolute luftnummer ist.
    aber vielleicht sollte man noch x-kilometer autobahn in diese duennbesiedelte gegend bauen...dann wird das projekt noch richtig durchstarten.

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    Es ist in der Tat ein großes Rätsel, wie man auf die Idee kommen konnte, dass ein derartig dimensioniertes Projekt an diesem Ort eine Chance hat.

    Ich habe lange in Koblenz gelebt und kenne sowohl die Vulkaneifel als auch den Nürburgring aus eigener Anschauung. Zu spektakulären Ausnahme-Events mit riesigem Einzugsgebiet wie der Formel 1 oder dem "Rock am Ring" kann man natürlich Menschenmassen in diese gottverlassen Gegend mobilisieren aber konstante Besucherströme für einen Freizeitpark sind eine ganz andere Sache.
    Bis heute gibt es mWn keinen nennenswerten Anschluss der Region an den ÖPNV (ich rede jetzt nicht von dem überlebensnotwendigen Minimum) und das seit Jahrzehnten als überregional bekannter Freizeitpark etablierte "Phantasialand" in Brühl ist keine 80 Straßenkilometer vom Ring entfernt (inkl. Bahnanbindung & Nähe zu Bonn/Köln). Das "Rennsportmuseum" am Ring habe ich mal vor ca. 10 Jahren besucht und deshalb machen sich sicherlich keine Besucherströme auf den Weg in die Eifel.

    Es mutet schon seltsam an, dass all diese Bedenken (die mir als Laien nicht erst jetzt gekommen sind) nicht auch bei den Verantwortlichen zum Tragen kamen.

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