Der kleine Veranstaltungssaal im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist knallvoll. Es ist heiß und stickig. Auch auf der Bühne flirrt und knistert es. Die beiden Politiker, die sich hier vor dem Publikum unterhalten, duzen sich und verstehen sich blendend. So scheint es jedenfalls am Anfang.

Links sitzt Bernd Schlömer , Parteivorsitzender der Piraten. Wie immer trägt er Schirmmütze. Wenn er einer Frau so nahe komme, wie "Katja" an diesem Abend, dann spreche er sie gern mit ihrem Vornamen an, schäkert er. Besagte Katja, die Linken-Chefin Kipping , lächelt kokett. Bevor sie nun allerdings "jemanden küsse", habe sie da noch "ein paar kritische Fragen".

Der öffentliche Talk der beiden Parteichefs ist Teil einer gegenseitigen Beschnupperungsoffensive. Linke und Piraten haben viele inhaltliche Gemeinsamkeiten, etwa das Eintreten für mehr Demokratie, Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Künftig wollen sie sich stärker austauschen. Auf kommunaler Ebene arbeiten sie ohnehin schon gelegentlich in Fraktionsgemeinschaften zusammen.

Zwei Außenseiter im System

Es ist ein Zweckbündnis. Denn Linke wie Piraten verbindet nicht zuletzt der Außenseiterstatus im Parteiensystem . Als mögliche Koalitionspartner werden sie von den anderen nicht ernst genommen, als politische Konkurrenz aber erbittert bekämpft. Schließlich waren beide Parteien in jüngerer Vergangenheit überaus erfolgreich. Die Linke erlebte ihren Hype in der vergangenen Legislaturperiode, die Piraten in der derzeitigen: Die Partei erzielte plötzlich zweistellige Ergebnisse in den bundesweiten Umfragen und zog in mehrere Landtage ein. Sehr zum Missfallen des Establishments. Die anderen Parteien und viele Medien halten Piraten und Linken bis heute vor, unseriöse, populistische – zuweilen auch gefährliche Politik zu betreiben.

Wie hitzige Ideologen oder Staatsumstürzler treten Schlömer und Kipping an diesem Abend nicht gerade auf. Beide sprechen ruhig und sachlich, stellenweise ist es fast ein bisschen öde. Einmal mehr wird deutlich, dass Kipping, von der die Initiative zu diesem Treffen ausging, ein völlig anderer Politikerinnen-Typ ist als die früheren Linken-Vorsitzenden, die ebenso eitlen wie wortgewaltigen Oskar Lafontaine und Gregor Gysi .

Kipping bemüht sich

Kipping ist viel moderater und mit dem Vorhaben angetreten, auf andere zuzugehen und zu integrieren. An diesem Abend lobt sie Schlömer und die Piraten mehrfach für deren emanzipatorischen Grundwerte und für die neuen technischen Teilhabemöglichkeiten, die sie in den politischen Diskurs eingeführt haben. Der Linken-Chefin ist anzumerken, dass sie die Piraten verstehen und ernst nehmen will. Sie will ausloten, ob hier ein ernsthafter Bündnispartner heranwächst, den man "für das linke Lager" gewinnen kann, wie sie selbst es formuliert.

Schlömer weicht dieser Umarmungsstrategie allerdings aus, anfangs höflich, im Verlauf des Abends immer patziger. Er sei "Liberaler", "kein Linker". Das betont er immer wieder. Der Versuch, die Politik in das "alte Links-Rechts-Schema" einzuordnen, in diese "zweidimensionale Matrix", käme ihm sinnlos vor, sagt Schlömer. Die junge Generation sei nicht mehr an Ideologien interessiert, sondern an pragmatischen Lösungen.