Plakataktion "Vermisst"Muslimverbände legen Kooperation mit Friedrich auf Eis

Die Plakataktion des Innenministers gegen potenzielle Islamisten verärgert Muslimverbände. Die Partnerschaft mit dem Ministerium wollen sie vorerst einstellen. von 

Kenan Kolat

Kenan Kolat  |  © Timur Emek/dapd

Muslimverbände in Deutschland sind verärgert über Innenminister Friedrichs Alleingang mit der Plakataktion "Vermisst" , die gegen eine Radikalisierung junger Migranten vorgehen soll. Die Kooperationspartnerschaft mit dem Ministerium wollen sie erstmal auf Eis legen.

Mit fiktiven Vermisstenanzeigen will das Innenministerium für die Beratungsstelle Radikalisierung werben. Ab 21. September sollen fiktive Vermisstenanzeigen auf Plakaten in BerlinBonn und Hamburg aufgehängt werden – vorwiegend in Stadtteilen, die von Migranten bewohnt sind. Darauf zu sehen sind junge Menschen, darunter auch Frauen mit Kopftüchern. Auf einem Plakat ist zu lesen: "Das ist unser Sohn Ahmad. Wir vermissen ihn, denn wir erkennen ihn nicht mehr. Er zieht sich immer mehr zurück und wird jeden Tag radikaler. Wir haben Angst, ihn ganz zu verlieren – an religiöse Fanatiker und Terrorgruppen".

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Das Ministerium hat die Aktion als Teil der "Initiative Sicherheitspartnerschaft" vorgestellt. Diese wurde vom Ministerium und den muslimischen Verbänden im Juni 2011 gemeinsam ins Leben gerufen. Doch über die Plakataktion wurden die Verbände offenbar nur mangelhaft informiert.

Erste Vorstufen der Kampagne seien im März 2012 vorgestellt und bereits zu diesem Zeitpunkt heftig kritisiert worden, monieren die Verbände. "Die erheblichen Bedenken und Vorbehalte zur Maßnahme, der Umsetzung und den Auswirkungen wurden von Seiten des BMI wie wir jetzt erst feststellen, leider nicht aufgegriffen", heißt es.

Die Plakataktion des Ministers sei für sie nicht tragbar, schreiben die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, der Verband der Islamischen Kulturzentren, der Zentralrat der Muslime und die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland in einem offenen Brief. Solange es kein verbindliches, fixiertes Kooperations-, Ab- und Zustimmungsprozedere gebe, würde die "Kooperation" immer wieder durch die Beliebigkeit der "Initiative Sicherheitspartnerschaft" in Misskredit gebracht.

Kenan Kolat , Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sprach von einer Stigmatisierungskampagne gegen alle Menschen muslimischer Herkunft. Die Kampagne solle von den eigentlichen Problemen in Deutschland ablenken. Der Rassismus in der Gesellschaft sei das Hauptproblem, sagte Kolat.


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Leserkommentare
    • dachsus
    • 28. August 2012 19:34 Uhr

    Damit der Islam eines Tage zu Deutschland gehört, müssen wir uns auch mit seinen Vertretern auch einmal streiten. Das gehört dazu !
    Und das man sich mit Hr. Friedrich gut streiten kann, bezweifelt in diesem Land niemand.
    Für mich ist das kein Grund zur Beunruhigung - das ist nur ein Schritt in Richtung Normalisierung in der Auseinandersetzung.

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  1. Dieses "Beleidigt" sein der Verbände kennen wir doch von dem Plan Friedrichs eine Sicherheitspartnerschaft mit den Verbänden zu schließen!
    Vielleicht machen die Verbände einmal Vorschläge, wie sie die Extremisten in den Reihen der Muslime im übertragenen Sinne "bekämpfen" wollen! Nur zusagen, das seien keine Muslime und Verantwortung abzulehnen, ist gelinde gesagt eine Dreistigkeit und zeigt welches Geistes Sinn die Herren sind! Handeln ist gefordert, wenn sie an unserer Gesellschaft teilhaben wollen.

    Rechte fordern auch Pflichten, nämlich die Rechte Aller und nicht nur seine Rechte zu schützen, egal gegenüber welchen "Angreifern", aber sich nur hinzustellen und auf seine Pflichten zu pochen ohne die Gegenleistung zu bringen stellt die Muslime in ein schlechtes Licht. Vielleicht denken die Verbände auch einmal daran, daß sie mit solchen Aktionen zu einer immer stärkeren Ausgrenzung von Muslimen und ihre Stigmatisierung in unserer Gesellschaft beitragen.

    Entweder die Verbände stellen sich mit in die Reihen derer die unser Grundgesetz und unsere Gesellschaft "verteidigen", oder sie stellen sich gegen sie. Was das dann bedeutet, dürfte wohl jedem klar sein!

    Um es einmal mit klaren Worten zu sagen, unsere Gesellschaft ist kein Kindergarten, in dem ein beleidigtes Mitglied sagt, ich spiele nicht mehr mit. Aber so verhalten sich aber zur Zeit die Verbände und verspielen jeden Kredit in der Mehrheitsgesellschaft. Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß es nach solchen Aktionen für Muslime immer schwer wird!

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    • nolies
    • 28. August 2012 22:25 Uhr

    Was hat die Reaktion der Verbände mit Beleidigtsein zu tun? Müssen die Muslime jetzt jede Hetze, jede Diskriminierung und jede Lüge wortlos schlucken? Dass man hier den Muslimen wieder vorwirft, beleidigt zu sein, zeugt von Ignoranz ihrerseits.
    Und übrigens: wie kann es sein, dass die NSU jahrelang morden konnte, und erst als eine Polizitin ermordet wird, geraten sie in Verdacht.
    Warum gab vor dieser Mordserie nicht keine Aufklärungsaktionen, so wie diese? Warum hat man z.B. in den Jahren, in denen diese Morde passiert sind, nie Plakate auf den Straßen gesehen, von jungen Männern in Springerstiefeln z.B., in bestimmten "gefährdeten" Gebieten, mit der ungefähren Botschaft: passen Sie auf, vielleicht könnte der junge Mann in Springerstiefeln, der sich immer mehr zurückzieht, irgendwann ein Extremist werden, der Menschen tötet. Warum gab und gibt es solche Aktionen nicht?
    Die rechte Szene bzw. Menschen, die rechts zuzuordnen sind, hat/haben ermordet - wie viele Menschenleben hat denn die "islamistische Szene" gefordert? Vor welchem Lager sollte man nun denn, angesichts der Tatsachen, mehr warnen?

    • chino1
    • 29. August 2012 9:32 Uhr

    Gut, wenn man mal sieht wie der Professorensohn Mundlos zum Massenmörder wurde und andere Neonazis sich von ihren Familien abwenden und zu rassistischen Faschisten werden, müssten wir noch eine Kampagne auf den Weg bringen.

    Vielleicht so:

    Mein Opa hat als Nazi aktiv an der Judenverfolgung teilgenommen. Ich habe Angst das auch meine Geschwister zu Faschisten werden und sich bei Neonazis engagieren.

    Bekommt ihr Kind Nazi CD's auf dem Schulhof geschenkt? Rasiert sich ihr Kind eine Glatze und trägt Springerstiefel?

    Rufen Sie an...

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/lv

    • uwilein
    • 28. August 2012 19:46 Uhr

    und wer legt sie aufs Eis? - frage ich mich.

    • jagu
    • 28. August 2012 19:51 Uhr

    Den Türken, der hier studiert hat und einem ordentlichen Beruf nachgeht mus dabei einfach der Hut hochgehen. Besser kann man eine Gesellschaft nicht spalten (außer mit dem Raucher-Kasperkram).

    .. hier ist wahrer Journalisnus gefragt um herauszufinden, was denn bei den beiden Bayern-Exporten eigentlich mal funktioniert.

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    Den Türken, der hier studiert hat und einem ordentlichen Beruf nachgeht mus dabei einfach der Hut hochgehen. Besser kann man eine Gesellschaft nicht spalten...

    Wieso eigentlich? Man könnte minimalen Änderungen ein Plakat entwerfen, in sich dem eine "bio-deutsche" Familie ebenso ratlos zeigt, weil der eigene Sohn sich einer Rockergang, einer Sekte oder der Neonaziszene angeschlossen hat. Für Menschen mit Migrationshintergrund ist es natürlich keine Option, Neonazi zu werden, aber für sie gibt es eben ein Pendant dazu, und das ist der gewaltbereite muslimische Extremismus. Der übt übrigens auch auf manche "Bio-Deutsche" eine gewisse Anziehungskraft aus, wie man am Fall des "deutschen Taliban" (wie es in der Presse gern so falsch heißt) sieht.
    In jedem Fall sind Eltern wie die Bönhardts einerseits und solche wie die (vermutlich fiktiven) Eltern der jungen Männer auf den Plakaten sozusagen Geschwister in der Ratlosigkeit und der Sorge um das eigene Kind. Ich wüsste nicht, wo da die Spaltung liegen soll.

  2. beleidigt zu sein, und eine Zusammenarbeit aus Eis zu legen.

    Aber es ist schon komisch, während diese Verbände der Mehrheit und Politik pauschal einen "Rassismus der Mitte" zu unterstellen, und auch dem rechten Auge blind zu sein, soll der Islam mal wieder nichts mit dem Islam zu tun haben, und daher eine Kampagne, die sich gezielt gegen Islamisten richtet, angeblich gleich ein Angriff auf die Moslems in ihrer Gesamtheit sein. Für mich sieht das eher danach aus, das man sich - mal wieder - den realen Problemen nicht stellen will, und auch nicht öffentlich darüber diskutiert werden soll.

    Davon abgesehen kann Friedrich kraft seines Amtes schalten und walten wie er will, er muss sich dazu nicht die Erlaubnis der Moslemverbände holen.

  3. Sicherlich geht von al Qaeda und ähnlich gesinnten Terrororganisationen eine besondere Gefahr aus, aber die öffentlichen Stellen von Australien und den USA sprechen schon seit einiger Zeit nicht mehr von 'Islamisten' (islamists) oder 'Islamismus' (islamism) wenn es um Anti-Radikalisierung geht. Mit gutem Grund. Die Terminologie mag zwar technisch korrekt sein und vertretbar (mit dem Hintergrund der erheblichen Gefahr die von al Qaeda und Gesinnungsgenoosen ausgeht) aber in der Bevölkerung ensteht trotzdem ein negatives und verzerrtes Bild von Islam und Muslimen generell. Die Nuancen gehen in der Kommunikation verloren und in einem besonders bedauernwerten Fall wird ein Sikh-Tempel in Brand gesetzt der für eine Moschee gehalten wurde.

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    und es ist schlichtweg falsch, so zu tun, als hätte deren Handeln und Glauben rein gar nichts mit der Religion bzw. der Geschichte des Islams und des Korans zu tun.

    "Vom Kaufmann zum Propheten"
    http://www.welt.de/kultur...

    "Byzanz 1453: Der Untergang eines 1000-jährigen Reiches"
    http://www.welt.de/kultur...

    Hier geht es aber um Islamisten. Es sind Menschen mit islamischen Glauben, die sich radikalisieren und mit Flugzeugen in Häuser fliegen , mit Maschinenpistolen um sich schießen oder sich in die Luft jagen. Wenn man diese Art des Terrorismus bekämpfen will, muss man auch das Kind beim Namen nennen. Das tut man ja auch bei den Neo-Nazis

    @D0n Pelay0---
    Richtig, das ist auch nicht der Punkt...es geht nicht darum die Zusammenhänge zu verwischen oder schönzureden.
    Nebenbei bemerkt: viele Moslems sehen 'Fundamentalismus' als etwas Positives und nicht als gleichbedeutend mit gewalttätigem Extremismus.

    da mokierte sich ein Artikel bei ZON über das "Schwurbeln" beim korrekten Benennen von Deutsch-Türken, Türken und Bio-Deutschen.

    Nun, hier bahnt sich die nächste Verschwurbelungskampagne an.

    Ist das jetzt Ironie oder finden Sie es OK eine Moschee in Brand zu setzen, oder wieso bezeichnen Sie es als bedauerlich dass statt der Moschee der Sikh-Tempel in Flammen aufgegangen ist. Beides ist doch exakt genau gleich schlimm, menschenverachtend, kriminell und faschstoid!

    • ThorHa
    • 28. August 2012 20:16 Uhr

    reagieren Moslemverbände mit der Einstellung von Kooperation. Nachhaltiger kann man den - zur Zeit sicher mühsamen - Versuch, Moslems vor Pauschalverurteilungen zu schützen, wohl nicht diskreditieren.

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    • FLH80
    • 29. August 2012 10:52 Uhr

    Leider ist es auch so, dass wir "westlichen" mit dem "auf Eis legen" gute Beispiele liefern, wenn etwas nicht so läuft, wie es uns gefällt.
    Beispiel Assad.
    Beispiel Iran.
    Vorwände zum Abbruch von Kommunikation/Kooperation gibt es immer zu genüge, wenn man sie sucht.
    Ich habe nicht gesehen, dass vom "Westen" je mit Assad ernsthaft ein Kompromiss für sein Land gesucht wurde. Nicht einmal verhandeln wollte man mit ihm. Denn das hätte ja bedeutet, ihn ernst zu nehmen, ihn für einen legitimen Vertreter Syriens zu halten.
    Das aber sollte ja nicht sein. Das war vorher schon beschlossene Sache.
    Mit Teheran direkt verhandeln? Nein! Seit ca. 8 Jahren war keine einzige hochrangige Regierungsdelegation aus der EU mehr in Teheran, um Lösungen zu suchen! Die Gespräche mit der IAEO werden von beiden (!) Seiten ohne Wunsch nach Lösung geführt...
    So liefern wir ein schlechtes Beispiel für offene Diskussionskultur, sobald es über die Grenzen dessen geht, was wir unsere Gesinnungsethik nennen.
    Und genau so reagieren umgekehrt auch die isl. Verbände in Deutschland...
    Ein Trauerspiel!!

  4. und es ist schlichtweg falsch, so zu tun, als hätte deren Handeln und Glauben rein gar nichts mit der Religion bzw. der Geschichte des Islams und des Korans zu tun.

    "Vom Kaufmann zum Propheten"
    http://www.welt.de/kultur...

    "Byzanz 1453: Der Untergang eines 1000-jährigen Reiches"
    http://www.welt.de/kultur...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kenan Kolat | Innenministerium | Brief | Innenminister | Kopftuch | Minister
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