Plakatkampagne : Migrantenvertreter kritisieren Kampagne gegen Islamisten

Eine Plakataktion des Innenministeriums gegen die Radikalisierung junger Migranten löst Empörung aus. Kritiker sprechen von einer Stigmatisierungskampagne gegen Muslime.

Mit fiktiven Vermisstenanzeigen will Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich gegen die Radikalisierung junger Migranten vorgehen. Damit stelle er alle Muslime unter Generalverdacht, kritisiert die türkische Gemeinde die Aktion.

Auf den Plakaten sind junge Menschen zu sehen, auch Frauen mit Kopftüchern. Darüber steht der Schriftzug "Vermisst". Auf ein Plakat ist gedruckt: "Das ist unser Sohn Ahmad. Wir vermissen ihn, denn wir erkennen ihn nicht mehr. Er zieht sich immer mehr zurück und wird jeden Tag radikaler. Wir haben Angst, ihn ganz zu verlieren – an religiöse Fanatiker und Terrorgruppen".

Mit diesem und ähnlichen Plakat-Motiven will das Bundesinnenministerium für seine Beratungsstelle Radikalisierung werben. Sie wurde vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingerichtet und ist Teil der "Initiative Sicherheitspartnerschaft", die vom Innenministerium und muslimischen Verbänden ins Leben gerufen wurde.

Kritiker fürchten Stigmatisierung

Die auf Deutsch und Türkisch verfassten Plakate sollen ab 21. September in Berlin , Bonn und Hamburg aufgehängt werden – vornehmlich in Stadtvierteln, die von Migranten bewohnt werden.

"Die Bilder von nett aussehenden Muslimen im Zusammenhang mit dieser Kampagne suggerieren, dass jeder ein Fanatiker oder sogar Terrorist sein kann ", sagte Aydan Özoğuz, Integrationsbeauftragte und stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD , im Gespräch mit Süddeutsche.de . Es sei auch nicht klar, was "radikal" bedeutet. Özoğuz fragt etwa, ob die Behörde auch schon aktiv werde, wenn jemand zum Islam konvertiert.

Kenan Kolat , Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sprach von einer Stigmatisierungskampagne gegen alle Menschen muslimischer Herkunft. Die Kampagne solle von den eigentlichen Problemen in Deutschland ablenken. Der Rassismus in der Gesellschaft sei das Hauptproblem, sagte Kolat. Er teilte zudem mit, dass die an der Sicherheitspartnerschaft beteiligten islamischen Verbände vom Innenministerium nicht über diese Kampagne informiert worden seien.

Bei der Anlaufstelle können sich seit Anfang des Jahres Eltern, Freunde, Bekannte oder Lehrer melden, wenn sie bei Jugendlichen Verhaltensveränderungen bemerken, die auf eine islamistische Radikalisierung hindeuten.
 

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Kommentare

241 Kommentare Seite 1 von 30 Kommentieren

Gutmenschen Ethos

Es wäre mir ein echtes Vergnügen, wenn Sie mir den so oft verwendeten Begriff "Gutmensch" in eigenen Worten erklären würden...

Zum Artikelthema an sich: ich vermisse solche Aktionen in Richtung Rechtsextremismus.
Aber dahingehend wird seitens Innenministerium & Co. immer nur relativiert, sind ja nur harmlose Lausbuben.
Oder im schlimmsten Fall hebt man hervor, das sie "dem Ansehen Deutschlands schaden"

Erbärmlich!

Irgenwie habe ich das Gefühl, dass der Deutsche Staat entweder nicht in der Lage ist, Islamismus entscheidend zu bekämpfen, oder er will es einfach nicht!!!
Auch die Muslime in Deutschland sind Bürger dieses Landes, die Steuer zahlen und berechtigt erwarten, dass der Staat sie vor Extremisten jeglicher Art schützt.
Aber, was hier jetzt verlangt wird, ist purer Aktionismus!
Irgenwie habe ich das Gefühl, dass die Verantwortliche entweder keine Ahnung haben, was sie hier verlangen, oder bewußt einen Glaubenskrieg zwischen Mulimen aus 70 Ländern riskieren!
Die Situation in Syrien sollte uns eigentlich wachrütteln! Was passiert, wenn ein Kurde einen Türke (oder umgekehrt), ein Sunnit einen Schiit, ein Salafist einen Ismailit bei den Behörden fälschlicherweise melden würde???
Es gibt in Deutschland Muslime aus 70 Länder, mit 30 verschiedenen Sprachen und 200 verschiedenen Kulturen und Traditionen, die sich seit 1600 Jahren tausende male bekriegt haben und immer noch bekriegen!
Man schätzt die Passivität der Muslime in Deutschland nicht!
Die radikal-islamistischen Gruppierungen müssen bekämpft werden, und zwar von stattlichen Organen und Institutionen!!!
Wenn ein Saudi mit Geld hier für Salafisten propagiert, muss die Polizei ihn verhaften und nach Saudi Arabien abschieben, so kann kein Netz des Islamismus entstehen!
Das macht man aber nicht, man lässt ihn weitermachen und wenn die jungen, unerfahrenen Menschen verführt werden, kommt man mit solchen dummen Aktionen!

Rechtsradikalismus muss beim Thema Islamismus nicht bemüht

werden. Bei dem Islamismus, der von den Vertretern deutscher Leitkultur für Islamismus gehalten wird,

muss man ganz sicher nicht so weit gehen, ihn mit Rechtsradikalismus und braunem Terror in Verbindung zu bringen,

da reicht es völlig aus, andere religiöse Fundamentalisten heranzuziehen,

wie evangelikale Abtreibungsgegner, homophobe Katholizisten oder orthodoxe Beschneidungsbefürworter, welche ihre nicht religiösen Kritiker für unhygienisch erklären.

Blödsinn ...

... besonders in Deutschland geht die Gefahr eher von sogenannten Schläfern aus - häufig konvertierte Muslime, deutschen Ursprungs. Man denke da bspw. an Pierre Vogel. Diese Kampagne spricht diesen sehr häufig radikalen Typ gar nicht an, da explizit Menschen mit einem muslimischen Hintergrund angesprochen werden. Friedrich bedient damit die Vorurteile und Stereotypen seiner Stammwählerschaft und wird damit seiner Aufgabe nicht gerecht. Ich glaube aber auch nicht, dass Friedrich ernsthaft an eine erhöhte Sicherheit durch diese Kampagne interessiert ist, vielmehr soll eine diffuse und subtile Angst vor Menschen diesen Hintergrunds geschürrt werden. Wenn man sich das Plakat ansieht, werden schnell Assoziationen erzeugt zwischen Menschen mit südländischen Aussehen und Islamismus. Oder Religiösität mit Islamismus - auch wenn sich jemand zurückzieht und sich mehr und mehr der Religion zuwendet, so macht es ihn noch lange nicht zu einem Extremisten.
Ich denke der ein oder andere, der das Plakat gesehen hat, wird in Zukunft misstrauischer gegenüber muslimischen Mitbürgern sein - und dadurch den Graben tieferpferchen.

Ursache und Wirkung

[...] Sie laufen Gefahr, Ursache und Wirkung zu verwechseln. [...] Es gibt nachweislich einen Infrastruktur des Hasses, die labile, junge Menschen wie Vogel anzieht.
Es ist wichtig, diese konkreten Verursacher des religiösen Fundamentalismus beim Namen zu nennen. Ob diese Kampagne geglückt ist, weiß ich nicht, es ist ein Beginn.

Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine differenzierte Wortwahl. Danke, die Redaktion/ds

Danke in das Vertrauen in die Bevölkerung /Sarkasmus

Schade, dass Kommentar #10 nicht auch eine Redaktionsempfehlung wert war:

"Im Gegenteil: Die Angehörigen, die man hier in Sorge darstellt, sind wahrscheinlich auch islamischen Glaubens und offensichtlich keine Fanatiker oder Terroristen, sondern besorgte Menschen in der Mitte der Gesellschaft, die Hilfe suchen."

aber dass ist vermutlich zu weit gedacht:
für die Muslemischen Verbände, die Redaktion,
oder deren Meinung nach für den Durchschnittsbürger.

Warum...

... ist dieser Kommentar Redaktionsempfehlung. Ich habe mir das Bild und den Untertitel jetzt fünfmal angeschaut und finde es eher vermittelnd. Kein grimmig schauender Muslim in Turban und Kämpferpose. Ein Bild und ein Titel, der eher dazu animiert, den Menschen zu entdecken.
Das ist sowieso mein Aufruf an alle Deutschen, woher sie immer stammen: Schaut euch den Gegenüber genau an und fangt an, euch für den Anderen zu interessieren. Dann braucht ihr keine Angst mehr zu haben.

Und der empfohlene Kommentar ist die Wort gewordene Angst. Denn Stigmatisierung ist keine Einbahnstraße, genauso wenig wie Rassissmus. Wenn das bloße Thematisieren reicht, um eine allgmeine Stellungnahme zu erzeugen, ohne tatsächliche Reflektion der konkreten Erscheinung, dann scheint mir das ein angsterzeugter Reflex und nicht Ratio.
Dann sind wir dabei den letzten Baum abzuholzen, ohne Möglichkeit der Aufforstung, wie die Osterinseln. Wollen wir uns wirklich Kanibalisieren.

Typische Reaktion der "Betroffenen"

Sie können nie sachlich argumentieren, fühlen sich immer angegriffen und verletzt und werden einfach den Tunnelblick nicht los.

Würde diese Aktion einer anderen Gruppe gelten, gebe es keinerlei derartige Reaktionen, sondern man würde das Positive darin erkennen, nämlich das Problem thematisieren und Kontakte für Hilfe anbieten.

Betroffen...

ich bin definitiv NICHT betroffen, fühle mich daher auch nicht persönlich angegriffen, und Tunnelblick...ich überlasse es anderen, sich über solche Kampfbegriffe zu streiten.

Ich werde hier niemandem den Gefallen tun, die Probleme des religiösen Extremismus in Deutschland kleinzureden. Gewaltbereite Feinde unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung dürfen wir in unserer Gesellschaft nicht dulden, weder in ihrer Mitte, noch "am Rand".

Gerade deswegen ist die Aktion des Innenministeriums eine bodenlose Frechheit, und Ihr Kommentar eine armselige Verharmlosung durch einen unzulässigen Vergleich mit "anderen Gruppen".

Nennen Sie mir bitte EINE vergleichbare Aktion vom Bundesinnenministerium, in der dieses pauschal vor der Radikalisierung ganzer Bevölkerungsteile warnt und diese somit sozial stigmatisiert und ausgrenzt. Ein Beispiel nur, wenn Sie es denn finden.

Die Kampagne des Innenministeriums ist völlig beispiellos, und das angesichts der größten Glaubwürdigkeitskrise seiner Geschichte. Es scheint, als möchte man im BMI von den eigenen stümperhaften Versäumnissen (inkl. großer Daten-Löschaktion NACH Bekanntwerden) im Zuge der Nazi-Terrorzelle ablenken.

Ich helfe Ihnen gerne mit der Aktion "gegen andere Gruppen":
Stellen Sie sich im Plakat einen hellhäutigen, blonden, jungen Mann vor einer Deutschlandfahne vor, tauschen Sie den Namen "Hassan" gegen "Hans" und die Worte "religiöse Fanatiker" gegen "Neonazis".
Das ist in etwa die selbe Ebene.

Die unterste, nämlich.

@ 11 Wie bitte?

Unsachlich?
1. Welche Migranten werden von diesen Migrantenvertretern wirklich vertreten?
2. Wäre es hilfreich, wenn von den Herrn Kolat und Özoguz klare Stellungnahmen, vielleicht sogar Aktivitäten zur Bekämpfung des Islamismus kämen?
3. Kommt da was?

Na bitte. Wenn Sie diese Fragen nach bestem Wissen beantworten, haben Sie den Inhalt meines "unsachlichen" Kommentars zusammengestellt.

Dann...

...versuchen Sie doch einmal eine ähnliche Aktion bei einer anderen Gruppe, bei den Juden z.B.
Da sind die Plakate höchstwahrscheinlich schneller runter als man denkt
Wenn es um die Muslime geht, dann dürfen sich diese nicht wehren, sondern alles schlucken - bei den Juden traut man sich aber sowas nicht, und wenn doch, dann wird so eine "Aktion" rückgängig gemacht. Haben wir ja bei der Sache mit dem Beschneidungsverbot gesehen. Sie können von den Muslimen nicht verlangen, jede Hetze, jede Lüge schlucken zu müssen.
Die Muslime vertragen sehr wohl Kritik - aber das hier ist keine Kritik, das ist Hetze. Und auf eine Hetze zu reagieren dürfte wohl das Normalste sein.

Ich verstehe nicht,

dass hier einige Kommentatoren Juden und Judenhass erwähnen.
Dieser Vergleich ist meiner Meinung nach völlig unzutreffend.

Mir ist nicht bekannt, dass sich in Deutschland Juden und Konvertiten zum Judentum radikalisiert hätten.

Auch in der Nazizeit haben sich die Juden nicht extremisiert oder sich was zu Schulden kommen lassen, z.B.Gesetze missachtet tusw.

Weiterhin wurde ihnen auch von Hitler die Ausreise verweigert. Der Antisemitismus beruhte allein auf der schrecklichen Nazi-Ideologie.
Die Juden sollten völlig ausgerottet werden.

Liebe/R Rapunzel - Es gibt im Neuen Deutschland

sehr starke antisemitische und judenfeindliche Strömungen bis hin zur reinen Judenvernichtungs- Ideologie zur weltweiten Anwendung, wie bereits von anderen Gleichgesinnten weltweit durchgeführt.
Diese Strömungen sind in aber nun in Deutschland zugewandert, verstärken die antisemitische und judenfeindliche Fraktionen der Unbelehrbaren autochthonen Deutschen - werden aber in keiner Weise gleichberechtigt angeprangert oder gar thematisiert, sondern (wohlwollend) ausgeblendet bis abgeschottet.
Man trifft hier im deutschen p/c- Publikum auf den abgemilderten linken deutschen Antisemitismus, die linke deutsche Judenfeindlichkeit - da tut man dem Anderen nichts.
Es ist und bleibt aber ein bestehendes und weiter wachsendes Problem auch der neuen deutschen Mitbürger - und auch ein Bestandteil des unter jungen Muslimen verbreiteten
Radikalisierungsprozesses der zum Teil darauf beruht, dass dem Staat Israel ein Existenzrecht nicht zuerkannt wird und die mörderische Bekämpfung von Juden als Freiheits"kampf" (= Mord) glorifiziert wird.
Herr Joffe - übernehmen Sie! Zeit online - nicht weggucken sondern aufnehmen - oder zumindest aufnehmende Mitforisten nicht aussperren.

Vorurteile

Das haben wir gesehen, wie gelassen manche Deutsche in der Wirtschaftskrise reagiert haben, als ihnen vorgeworfen wurde, insgeheim noch Nazis zu sein, die Europa beherrschen wollen.

Es laesst sich immer leicht reden, wenn man nicht der Betroffene ist.

Natuerlich kann man auf irrationale und pauschalisierende Vorwuerfe nicht rational reagieren. Das ist eben der Trick.

Es ist eine Tatsache, daß unter Einwanderern

mit muslimischem Migrationshintergrund Antisemitismus stark verbreitet ist. Das ist ein Faktor, der den Antisemitismus in Deutschland insgesamt ansteigen läßt. Will man Antisemitismus wirklich bekämpfen, kommt man nicht umhin, sich mit dem Antisemitismus in den muslimischen Communities auseinanderzusetzen. Ob Kenan Kolat dann beleidigt ist oder nicht, ist völlig egal.