Neun Monate nach Bekanntwerden der Neonazi-Mordserie werden rechtsextreme Gewalttaten von vielen Polizisten immer noch nicht ernst genommen. Diesen Vorwurf erheben mehrere Opferberatungsstellen in einem Bericht, der im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung erstellt wurde. Vereine, Beratungsstellen und alternative Demokratieprojekte in acht Bundesländern wurden dafür befragt.

Demnach werden Opfer rechtsextremer Übergriffe von Polizisten kriminalisiert oder wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht ernst genommen. Die Autorin des Berichtes, die Journalistin Marion Kraske, sprach von einem "Fehlen interkultureller Kompetenz" bei den Ermittlungsbeamten. In Kleinstädten würden die Polizisten die Täter oft persönlich kennen und "manchmal auch mit einem freundschaftlichen Handschlag begrüßen." Oftmals würde der fremdenfeindliche Hintergrund einer Straftat von den Beamten nicht als solcher anerkannt, sagte Kraske. Wer das Nazi-Problem offen anspreche, werde gar als "Nestbeschmutzer" diffamiert. Bei ihren Recherchen habe sie immer wieder erlebt, wie Kommunalpolitiker eher das Image ihrer Stadt im Auge hätten als das Problem der rechten Szene.

Wieder anrufen, wenn das Deutsch besser ist

In dem Bericht verweist die Amadeu Antonio Stiftung unter anderem auf einen Fall aus Sachsen-Anhalt . Dort wurde im Februar 2012 ein türkischer Imbissbetreiber bedroht. Er solle seinen Imbiss bis zum 20. April (dem Geburtstag Adolf Hitlers ) schließen, oder, so berichtet es Kraske, er werde "das nächste Opfer" – letzteres war offensichtlich eine Anspielung auf die Morde des Nationalsozialistischen Untergrundes ( NSU ) an Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund. Als die Frau des Besitzers die Polizei informierte, habe die ihr gesagt, sie solle wieder anrufen, wenn sie besser Deutsch spreche. Die Polizei sei dann doch angerückt, habe den verletzten Imbissbesitzer einem Alkoholtest unterzogen und schließlich befunden, es habe sich nicht um eine Bedrohung, sondern lediglich um einen Streit ums Rauchverbot gehandelt. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht ( CDU ) verurteilte das Verhalten der Beamten im Nachhinein .

"Der NSU ist nur die Spitze des Eisberges"

Die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane sagte zu solchen Fällen: "Die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds sind nur die Spitze eines Eisberges rechter Gewalt, der sich bis heute in vielen Kommunen als rechtsextremer Alltagsterror darstellt". Es handele es sich um ein gesamtdeutsches Problem – im Westen werde die rechte Szene jedoch massiv unterschätzt. So habe es ein Umdenken in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel erst nach den NSU-Morden gegeben.

Kahane und Vertreter von Opferverbänden forderten eine bessere Ausbildung von Polizeibeamten, die sie sensibler für rechtsextreme Übergriffen macht sowie Finanzierungssicherheit für Opferschutz-Projekte. 

In ihrer gemeinsamen Bundestagserklärung vom November 2011 nach dem Entdecken der NSU habe die Regierung angekündigt, Rechtsextremismus entschieden entgegentreten zu wollen. Doch bisher lasse sie Taten vermissen, sagte Kahane: " Was nicht geht, ist einfach nur die NPD zu verbieten ." Diesbezügliche Überlegungen seien eine "Anstatt-Politik", die die Wurzel von Fremdenfeindlichkeit und Alltagsrassismus nicht angehe.